Jeremias Thiel war elf Jahre alt, als er zum ersten Mal Verrat beging. Seine Mutter hatte ihn und den Bruder in der Wohnung eingesperrt. Die beiden Kinder wussten nicht, wo sie war, wann sie wiederkommen würde. Aus dem Fenster riefen sie um Hilfe. Der Vater, der eine Etage tiefer lebte, befreite seine Söhne.

Für Jeremias war es der Moment, in dem die Angst zu groß wurde. Die Angst, Armut und Verwahrlosung niemals entkommen zu können. Hängen zu bleiben zwischen Pommes-Fritteuse und Cola-Flaschen. Immer weiter zu sinken, bis einen keiner mehr sieht. Damals kannte Jeremias noch keine Statistiken über Kinderarmut, er wusste auch nicht, dass es in Deutschland besonders risikoreich ist, in einer sozial schwachen Familie aufzuwachsen, da der Zusammenhang zwischen Herkunft und Schulerfolg hierzulande überdurchschnittlich hoch ist. Aber er brauchte sich nur umzusehen, um zu erkennen, dass sein Leben anders war als das von Gleichaltrigen, die ein eigenes Bett hatten, Bücher, die jemand vorlas, Bleistifte, die nicht durchbrachen, Eltern, die mit ihnen ins Kino gingen oder Urlaub machten. Heute weiß Jeremias nicht mehr, woher er an diesem 11. September 2012 die Kraft und den Mut nahm, die Schule zu schwänzen, sich von den paar Euro, die er in der Wohnung der Mutter gefunden hatte, beim Bäcker Brezeln und Donuts zu kaufen und durch die Straßen von Kaiserslautern zu laufen – bis er schließlich vor diesem rosa Haus stand, dem Jugendamt. Seine Eltern waren hier bekannt, der Bruder hatte schon verschiedene Einrichtungen durchlaufen. Für Jeremias aber war es der erste Besuch, als er mit zittrigen Beinen und klebrigen Händen die Treppen hinaufstieg, an eine Tür klopfte und, als ein Mann öffnete, sich sagen hörte: "Ich möchte weg von zu Hause, weg von meinen Eltern." Genau erinnert er sich nicht. "Wahrscheinlich bin ich in Tränen ausgebrochen." Der Mitarbeiter hieß Herr Köhr und kümmerte sich.

An diesem Dienstag vor fünfeinhalb Jahren also beging Jeremias Verrat. An seiner Familie, seiner sozialen Herkunft, seinem Status. So werfen es ihm die Eltern heute vor. "Es war der absolute Tiefpunkt in meinem Leben und gleichzeitig der Höhepunkt", sagt der 16-Jährige. Im Gemeinschaftsraum von Haus 4 des United World College hat er sich mit einer Packung Kekse in die Ecke eines Sofas gesetzt. Draußen liegt Freiburg, in der Ferne der Schwarzwald, und auf dem Weg vor dem Fenster sieht Jeremias seine Mitschüler aus dem Unterricht kommen. Gemeinsam mit 200 Jugendlichen aus 93 Nationen bereitet er sich am Robert-Bosch-College in Freiburg zwei Jahre lang auf einen internationalen Schulabschluss vor. United World Colleges (UWC) gibt es in 17 Ländern. Die Schulen wollen Jugendliche aus aller Welt miteinander verbinden, damit sie das Fremde und Trennende überwinden und Pläne schmieden für eine friedliche Zukunft. Für die 16- bis 19-Jährigen eine gewaltige Mission. Hierher kommt niemand, weil die reichen Eltern das so wollen. An den UWCs wird nach Eignung und Begabung ausgewählt und erst dann gefragt: Was können Vater und Mutter bezahlen? Bei Jeremias war die Antwort klar. Seine Eltern, die nach einer Trennung noch einmal geheiratet hatten, wussten nichts von seiner Bewerbung. Auch seine Betreuerin im SOS-Jugendhaus, wo Jeremias wohnte, seitdem er von zu Hause weggegangen war, erfuhr davon erst, als er alles abgeschickt hatte.

Eine Schule, in der die soziale Herkunft keine Rolle spielt – für Jeremias ein Glücksfall. Er bekam einen Platz und ein Vollstipendium. Als er die Zusage in seinem Mailfach fand, weinte er vor Freude, erzählt Anja Klein, die ihn damals im SOS-Jugendhaus betreute. Ausgerechnet er, der einst so verloren und "emotional verwahrlost" vor ihr stand, der sich kaum helfen und nur widerwillig umarmen ließ, weil er immer gewohnt war, mit allem allein zu sein – endlich weinte er. Weinen, sagt Jeremias heute, das hatte man ihm früh schon abgewöhnt. "Denn Gefühle bedeuten Schwäche, und Schwäche bedeutet Niedergang. So bin ich aufgewachsen." Immer ging es darum, irgendwie zu überleben. Sicherheit kannte er nicht. Selbst als ihm klar war, dass er zu Hause beim stark depressiven Vater und bei der aggressiven, zeitweise spielsüchtigen Mutter nicht mehr bleiben konnte, hatte er Angst, alles könnte noch schlimmer kommen. "Ein Kinderheim stellte ich mir furchtbar vor, ich dachte an Alkohol, Drogen, schreiende Erzieher."

Dass er auf Menschen wie Anja Klein oder den Klassenlehrer Marko Becker in Kaiserslautern traf, war die Voraussetzung dafür, dass sich Jeremias heute für sein Leben vieles vorstellen kann. Über sämtliche Begrenzungen hinweg, die sein Umfeld stets für ihn vorgesehen hatte. Ein Studium an der US-Eliteuniversität Harvard? Jeremias schaut ernst, wenn er das sagt, denn tatsächlich träumt er davon, seit er sechs Jahre alt ist. Er wurde ausgelacht dafür. Aber jetzt nimmt er wirklich Anlauf.

Wenig hat ihn in der Vergangenheit so verletzt wie das Gefühl, dass Menschen nicht an ihn glauben. Nach der vierten Klasse bekam er keine Gymnasialempfehlung, andere Mitschüler mit deutlich schlechteren Noten aber schon. "Klar, die kamen aus geordneten Verhältnissen, hatten Bücher zu Hause, Eltern, die nicht von Hartz IV lebten", sagt Jeremias, noch immer wütend. "Mich schob man immer sofort in die Schublade: armer Junge ohne familiäre Unterstützung." Für einen wie Jeremias, der aufwuchs ohne Vorbilder, dessen Eltern nie eine Ausbildung abschlossen, nie gearbeitet haben, der alles nachlas, was er nicht verstand, sich alles selbst beibrachte, was er nicht wie andere selbstverständlich von zu Hause aus mitbekam – für ihn war es überlebenswichtig, dass er auf Menschen traf, die an ihn glaubten. Anja Klein vom SOS-Jugendhaus sagt heute, sie habe erst durch ihn begriffen, dass einer wirklich alles schaffen kann, wenn er es nur will. Aber selbst sie gibt zu, dass sie ihn manchmal bremsen wollte, beschützen vor zu großen Illusionen. Als Jeremias ihr erklärte, er habe sich für das UWC beworben, war sie verärgert, weil er wieder alles allein entschieden hatte, in alter Jeremias-Manier. Sie dachte aber auch: Lass ihn machen, das wird sowieso nichts.

Seinen Eltern kann Jeremias kaum mehr vermitteln, wie sehr sich sein Leben verändert hat, seitdem er das UWC besucht. Dass er nur noch Englisch spricht, mit den Freunden und Lehrern, die aus der ganzen Welt kommen. Wenn er seinem Vater am Telefon erzählt, er müsse einen Aufsatz aus dem Economist auswerten oder einen Essay über Gesundheitsökonomie schreiben, dann sagt der: "Junge, du machst das schon" – und fängt an zu erzählen, was er auf den Ämtern wieder alles erlebt hat. Die Eltern haben versucht, Jeremias zurückzuholen. Ihnen fehlte das monatliche Kindergeld, ihnen fehlte der Sohn, der zum Bäcker ging, am Bankautomaten Geschäfte erledigte, der morgens den Bruder betreute.