Wenn Chinas Kommunistische Partei zeigen will, dass es ihr ernst ist, dann muss auch mal Adolf Hitler herhalten. "Wie würden es die Deutschen wohl finden, wenn ein Konzern mit Hitler-Zitaten Werbung machen würde?", fragte das Parteiblatt Volkszeitung in der vergangenen Woche. Adressat der Frage war der Daimler-Konzern, der zuvor auf Instagram unter dem Hashtag #Mondaymotivation einen Kalenderspruch des Dalai Lama zu einem Bild der neuen C-Klasse postete. "Betrachte eine Situation von allen Seiten, und du wirst offener werden", wird das geistige Oberhaupt der Tibeter dort zitiert.

Dass eine derart banale Weisheit in Peking die Emotionen erregen würde, hatte sich im Social-Media-Team des Konzerns offenbar niemand vorstellen können. Doch für die Kommunistische Partei ist der Dalai Lama ein Staatsfeind. Peking bezeichnet ihn als Spalter der chinesischen Nation und auch mal als "Wolf in der Mönchskutte". Und wenn ausländische Konzerne dessen "stinkende Füße auf beiden Händen tragen", wie die Volkszeitung den Zitat-Fauxpas von Daimler in kulturrevolutionärer Bildhaftigkeit umschreibt, gebührt ihnen in der Logik der Machthaber der Zorn des Volkes. Dabei hatte der Konzern das umstrittene Bild längst gelöscht und sich entschuldigt, als die Volkszeitung lospolterte. Es sei "verwunderlich, welche starken Statements noch von offizieller Seite kamen, als der Konzern das Bild bereits gelöscht hatte", sagt ein deutscher Branchenkenner in Peking.

Screenshots des Montagmorgen-Spruchs hatten sich zuvor rasch auf dem chinesischen Netzwerk Weibo verbreitet. "Daimler will den Markt wohl BMW und Audi überlassen", spottete ein User. Ein anderer fand es unerträglich, dass "wir Chinesen nicht endlich das Messer zücken gegen die bösen Geister aus Übersee". Die Zensurmaschine ließ diese und ähnliche Tiraden laufen. Ironie der Geschichte: Es ist wohl das erste Mal, dass im ansonsten so streng zensierten chinesischen Internet ein Spruch des Dalai Lama so oft geteilt werden konnte.

Daimler war allerdings höchst alarmiert. Schließlich verkaufte der Konzern im vergangenen Jahr fast 600.000 Autos in China – ein Viertel seines weltweiten Pkw-Absatzes. Und der Stuttgarter Autobauer reagierte entsprechend. "Wir werden uns bemühen, Chinas Kultur und seine Werte besser kennenzulernen, und so unser Verhalten den Normen anpassen", schrieb Daimler auf dem firmeneigenen Weibo-Account. Konzernchef Dieter Zetsche und China-Vorstand Hubertus Troika legten kurz darauf noch einmal in einem offiziellen Entschuldigungsschreiben an den chinesischen Botschafter in Berlin nach.

Doch in Deutschland kam das gar nicht gut an. "Kniefall", "Kotau", "Selbstzensur" waren die Schlagworte in der deutschsprachigen Presse. Der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Brand, warf dem Konzern "Rückgratlosigkeit" vor. Chinas Regierung hingegen genoss die Unterwürfigkeit des Automobilherstellers sichtlich. Außenamtssprecher Geng Shuang nahm die Entschuldigung jedenfalls gnädig an. "Fehler zu erkennen und zu korrigieren ist ein Grundprinzip jedes Handelns", sagte er gönnerhaft, nicht ohne hinzuzufügen: "China wird in der neuen Ära selbstbewusster auftreten. Ausländische Konzerne müssen sich an die Grundregeln halten." Mit "neuer Ära" dürfte er die Zeit seit dem Amtsantritt von Staats- und Parteichef Xi Jingping gemeint haben. Der hat es zum Ziel erklärt, Chinas Einfluss in der ganzen Welt zu stärken.

Boykotte gehören für China schon lange zum außenpolitischen Inventar

Doch mit seinem Kotau steht Daimler nicht allein. Innerhalb eines Monats hat Peking gleich mehrere westliche Konzerne dazu gebracht, solche öffentlichen Bußgänge anzutreten und sich zu Chinas politischer Agenda zu bekennen. Es begann mit der Hotelkette Marriott, die auf einer Karte im Internet Taiwan und Tibet als eigenständige Länder angeführt hatte. Es folgten Delta Airlines und die Modekette Zara, ebenfalls wegen Karten im Internet. Alle drei nahmen nicht nur die Karten von ihren Seiten, sondern legten mit Erklärungen nach, in denen sie ihren "schweren Fehler" bedauerten und beteuerten, "Chinas Souveränität zu respektieren".

Das Muster war immer dasselbe: Zuerst machten User in den sozialen Netzwerken den Fall bekannt, dann sprangen die Propagandamedien der Partei mit scharfen Kommentaren auf und heizten die Empörung an. "Man kann sich ausmalen, wie sich solche Statements dann in den sozialen Netzen verbreiten", sagt ein deutscher Automanager in Peking. "Das wird sich auf den Verkauf auswirken."

Boykotte gehören für China schon lange zum außenpolitischen Inventar. Während der Olympischen Spiele 2008 in Peking traf es die französische Einzelhandelskette Carrefour, nachdem tibetische Exilgruppen in Paris den Fackellauf zu den Olympischen Spielen gestört hatten. Wenn die Spannungen zwischen Japan und China steigen, brechen regelmäßig die Verkäufe japanischer Autos ein. Und zuletzt musste der südkoreanische Mischkonzern Lotte in China mehr als 90 Läden aus Sicherheitsgründen schließen, nachdem er der südkoreanischen Regierung einen Golfplatz zur Stationierung amerikanischer Luftabwehrraketen überlassen hatte. Peking befürchtet, das Raketensystem richte sich gegen China. Wütende Chinesen griffen daraufhin Lotte-Filialen in China an.