Wie paradox sich Politik und Gesellschaft bisweilen verhalten, lässt sich am wankelmütigen Umgang mit der Epochenherausforderung Digitalisierung verfolgen. Ob im Wahlkampf, in der Jamaika-Sondierung, in den Groko-Verhandlungen: Digitalisierung wurde noch intensiver als Zukunftsthema beschworen als früher die Bildung. 290-mal landete "digital" im Koalitionsvertrag. Anstatt aber ein Digitalressort zu gründen oder den Bildungsminister zum Chief Future Officer zu machen, bleibt weiterhin das Verkehrsministerium zuständig, jenes Haus, das sich bislang mehr um die Autobahnen der Gegenwart statt um die Brücken in die Zukunft kümmerte.

Die konkreteste Ankündigung betrifft den Breitband-Ausbau. Klar, besseres Netz ist nötig, das war aber auch schon 2005 und 2013 der Fall. Die mit 10 bis 12 Milliarden Euro teuerste Digitalisierungsaufgabe, die sich die Koalitionäre gestellt haben, ist also, ein Versäumnis der Vergangenheit nachzuholen. Damit in vier oder acht Jahren nicht neuer Nachholbedarf besteht, sollten sie parallel zu den Leitungen auch die Bürger fit machen – und sich elf Zukunftsvorhaben widmen.

1. Infrastruktur auszubauen genügt nicht. Es geht um eine andere Form der Erneuerung

Digitalisierung ist mehr als eine technische Herausforderung. Mehr Geld ist gut, aber zu wenig. Denn die Digitalisierung verändert alles, Privatleben und Arbeitswelt, Werte und Bildung, Politik und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Verkehrsministerium mag den Netzausbau bewerkstelligen. Für zentrale Digitalthemen benötigt es aber Unterstützung, etwa aus den Ressorts Bildung, Soziales, Wirtschaft. Die eigentliche Baustelle sind die Denkstrukturen.

2. Die Macht der Digitalisierung zwingt uns zur Gleichzeitigkeit

Es gibt kein erstens und zweitens, so schnell verläuft die derzeitige Umwälzung. Das Smartphone ist gerade einmal zehn Jahre alt. Facebook und Twitter existieren noch keine fünfzehn Jahre, heute prägen sie den Alltag und beeinflussen Wohl und Wehe der Gesellschaft. Exponentielle Entwicklungen liegen in der Natur des Digitalen. Während also die einen Kabel verlegen, müssen sich andere um Robotik, künstliche Intelligenz und Quantencomputer kümmern.

3. Digitale Bildung ist eine soziale Aufgabe – sie zielt darauf, alle einzuschließen

Schon heute stehen unbesetzte Arbeitsstellen unvermittelbaren Arbeitslosen gegenüber. Um wie viel stärker wird das Gefälle sein, wenn einmal jede Facharbeiterin IT-Kenntnisse und jeder Kaufmann KI-Wissen braucht? Darum muss digitale Aus- und Weiterbildung heute darauf zielen, Menschen den Anschluss zu ermöglichen und so Unvermittelbarkeit zu verhindern. Das ist ihre präventive Seite ...

4. Digitale Bildung sollte dem Einzelnen neue Möglichkeiten bieten

... dies ist die offensive Seite. Eine digitale Bildung im Dienste der Gesellschaft eröffnet dem Einzelnen neue Möglichkeiten: eine Firma zu gründen, eine soziale Idee umzusetzen, ein Forschungsprojekt zu verfolgen. Sie ermutigt zu dem, was im Silicon Valley "Disruption" heißt und im Koalitionsvertrag "Sprunginnovation". Ja, wir werden in Zukunft sehr viel mehr wissen müssen. Gut so, denn dann entsteht Neues, an das Menschen heute noch gar nicht denken können.

5. Auf die neue Unwägbarkeit bereitet am besten Universalbildung vor

Wie viele Arbeitsplätze wird die digitale Revolution kosten? Welche Branchen werden betroffen sein? Schnell nennen Experten Millionenzahlen und hohe Prozentwerte. Doch die sagen mehr über die Befürchtungen der Gegenwart aus als über die Zukunft. Sich mit Spezialwissen auf konkrete Szenarien vorzubereiten ist müßig. Stattdessen muss die Gesellschaft universell gebildet sein, um auf Neues mit Neugier reagieren zu können. Gerade weil sich die Welt in rapider Geschwindigkeit ausdifferenziert, darf sich Bildung nicht weiter parzellieren. 19.000 Studiengänge gibt es bundesweit. Zu wenige bereiten Studenten auf die radikal veränderte Welt vor, in der man Prometheus und Programmieren zusammendenken muss.