Als links orientierter Student begegnete ich der Marktwirtschaft anfangs mit großer Skepsis. Zwar hatten mich meine Lehrer überzeugt, dass diese Wirtschaftsform mehr Freiheit und mehr Wohlstand bringt als andere Varianten, die man in der Geschichte ausprobiert hat oder sich auch nur ausdenken konnte. Doch bewahrte ich mir meine Skepsis bei der Frage der Verteilung des Wohlstands. Hier hatte die volkswirtschaftliche Theorie wenig Beruhigendes anzubieten.

Nach welchen Regeln wird in der Marktwirtschaft entschieden, wer wie viel verdient, und wie sollte man diese Regeln beurteilen? Diese Fragen ließen mich nicht los. Selbst hatte ich zu lange unter der Armut meiner Eltern gelitten, als dass ich hier gleichgültig sein konnte.

Und mit meiner Neugier – und Leidenschaft – war ich nicht allein. Die Verteilungsfrage stand in der Tat schon am Anfang der volkswirtschaftlichen Theoriebildung. David Ricardo, der zweite große britische Ökonom nach Adam Smith, hatte vor zwei Jahrhunderten die Verteilungsfrage zur Hauptfrage der Volkswirtschaftslehre erklärt, und für Karl Marx war sie das sowieso.

Von nicht wenigen wird behauptet, Märkte würden automatisch dafür sorgen, dass Einkommen leistungsgerecht zugemessen werden. Das ist insofern richtig, als von zwei Menschen mit gleichen Fähigkeiten derjenige, der fleißiger ist und mehr arbeitet, auch mehr verdient. Doch es gibt Fähigkeiten, die gut entlohnt werden, und andere, für die nur ein geringer Lohn erzielt wird. Wie hoch der Lohn ist, hängt davon ab, wie wichtig diese Fähigkeiten für die Produktion von Gütern und Leistungen sind und wie die Kunden diese Güter und Leistungen bewerten. Das wiederum hängt wesentlich von deren Knappheit ab. Wenn man sich anstrengt und etwas tut, was viele andere auch können, ist der Lohn gering. Wenn man hingegen etwas beherrscht, was kaum ein anderer kann, erreicht der Lohn bisweilen astronomische Werte, ohne dass man sich sonderlich anstrengen muss.

Man denke nur an die Gagen von Profi-Fußballspielern. So sollte für den lange in Barcelona spielenden Neymar eine Ablösesumme von 222 Millionen Euro bezahlt werden, damit er künftig für Paris Saint-Germain aufläuft. Kein Wunder: Neymars Fähigkeiten sind fast einmalig auf der Welt, sie sind extrem knapp.

Gute Fußballer sind selten, deshalb verdienen sie so viel, genau wie Manager

Auch Manager, deren Fähigkeiten und Kenntnisse zur Steuerung großer, globaler Unternehmen im weltweiten Wettbewerb ein extrem knappes Gut sind, erzielen hohe Gehälter, auch wenn diese in der Regel nicht im Entferntesten an das heranreichen, was Spitzenfußballspieler in den Jahren ihres sportlichen Zenits erhalten.

Gäbe es viele Fußballspieler, die so gut spielen könnten wie Neymar, so würden gewiss keine 222 Millionen Euro als Ablösesumme gezahlt werden. Die gleiche Logik gilt für die Manager. Wenn mit gleichen Fähigkeiten und gleichem Fleiß neue Manager in den Markt eintreten, die mehr können, fällt ihr Marktwert rapide, und sie rücken mit Blick auf ihr Einkommen ins zweite Glied.

Die Frage, wie die Entlohnung auf Arbeitsmärkten bestimmt wird, hat nach Ricardo noch viele Ökonomen beschäftigt. Erst 1899 jedoch gelang es dem US-amerikanischen Ökonomen John Bates Clark eine überzeugende Theorie zu entwickeln. Er zeigte, dass es nicht die Leistung an sich ist, die die Entlohnung bestimmt, sondern die Grenzproduktivität – oder Grenzleistung. Betrachten wir beispielsweise den Markt für ungelernte Arbeiter. Mit Grenzleistung oder Grenzproduktivität der Arbeit ist dabei die Zusatzleistung gemeint, die ein weiterer Arbeiter erzeugt, wenn schon andere der gleichen Qualifikation vorhanden sind. Diese Zusatzleistung ist in der Regel kleiner als die Durchschnittsleistung der schon vorhandenen Arbeiter, weil die Unternehmen die produktiveren Geschäftsmodelle zunächst realisieren und die weniger guten erst bei niedrigerem Lohn in Angriff nehmen. Je mehr Arbeiter vorhanden sind, desto niedriger muss offenbar der Marktlohn sein, denn andernfalls würde ein Teil der Arbeiter nicht integriert, und es entstünde Arbeitslosigkeit.