DIE ZEIT: Was ist Fairness?

Peter Schaumberger: Fairness bedeutet Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Im Detail kann das schwierig werden. Aber wir wollen jenen Menschen eine Chance geben, die wegen der Strukturen der Weltwirtschaft keine haben.

ZEIT: Wirtschaft bietet doch jedem die Chance, mit anderen Handel zu treiben.

Schaumberger: Das ist die Theorie des Freihandels. Die Rahmenbedingungen sind aber nicht überall die gleichen wie in Europa, denken Sie nur an die Rechtsstaatlichkeit. Viele Menschen vergessen, wie gut es uns hier geht. Wir bemühen uns bei Gepa, den Ländern des Südens eine faire Chance auf Teilhabe zu verschaffen.

ZEIT: Marktpreise sind nicht fair?

Schaumberger: Wenn sie es wären, hätten wir weder Kartelle noch Oligopole. Die ganze Weltwirtschaft ist eine Kartellbildung der Industrieländer zulasten des Südens. Das sehen wir bei den Treffen der G7, der G20 oder jeder WTO-Verhandlung. Sobald es um Zölle geht, um die Zuckermarktordnung oder andere agrarisch geprägte Märkte, sollen stets die heimische Landwirtschaft und Industrie gefördert werden. Das ist nicht fair. Wir wollen keine Almosen verteilen. Wir wollen dazu beitragen, eine Ordnung herzustellen, die fairen Handel zwischen Nord und Süd wirklich ermöglicht.

ZEIT: Im Supermarkt stehen viele als "fair" ausgelobte Produkte. Was sagt der Begriff den Kunden?

Schaumberger: Anders als im Biobereich ist der Begriff "fair" gesetzlich nicht definiert. Wir streben zum Beispiel bei Mischprodukten wie Schokolade einen hohen fairen Handelsanteil der Zutaten bis zu 100 Prozent an. Wir wollen daher nicht nur den Kakao, sondern auch alle anderen Bestandteile wie Milch und Zucker aus fairem Handel verwenden. Aber es gibt viele Label, etwa das besonders bekannte von Fairtrade.

ZEIT: Und was ist der Unterschied zwischen Fairtrade, fair, fairem Handel und Fair Trade?

Schaumberger: Das hängt vom Anbieter ab. Mancher stellt den Kampf gegen Kinderarbeit in den Vordergrund, bei anderen geht es um medizinische Versorgung, um Bildung oder das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Zertifizierungen bedeuten nie hundertprozentige Sicherheit, aber die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, dass eine Wertschöpfungs- und Wertschätzungskette errichtet wird, bei der jeder Beteiligte profitiert.

ZEIT: Was heißt das bei Ihnen?

Schaumberger: Wir verkaufen nicht einfach nur faire Produkte. Wir entwickeln den fairen Handel auch durch Innovationen weiter. Er ist unser Unternehmenszweck. So bieten wir beispielsweise Vorfinanzierungen an. Damit können Kleinbauernkooperativen die Ernte ihrer Mitglieder kaufen beziehungsweise ihnen einen Vorschuss geben, ohne sich am Markt verschulden zu müssen. Dort müssten sie teils doppelt so hohe Zinsen zahlen, weil sie keine Sicherheiten stellen können – wenn sie überhaupt einen Kredit bekommen. Wir geben ihnen das Geld als Vertrauensvorschuss auf unser Risiko. Manchmal bekommen wir es auch nicht zurück.

ZEIT: Wie oft passiert das?

Schaumberger: Im jüngsten Jahresabschluss haben wir 140.000 Euro durch nicht zurückgezahlte Vorfinanzierung verloren. Bei einem Umsatz von knapp 74 Millionen Euro. Beim Kaffee, unserem wichtigsten Produkt, ist in den vergangenen 42 Jahren insgesamt nur ein Prozent der Kreditsumme geplatzt.

ZEIT: Warum verwenden Sie das Fairtrade-Zeichen nicht mehr, obwohl es viel bekannter ist?

Schaumberger: Wir haben einen besonderen Vertrauensgrad und können unsere hohen Ansprüche selbst definieren und kommunizieren.

ZEIT: Halten Sie Fairtrade etwa für unfair?