© Petra Bahr

"Detox your life. Die Fastenzeit beginnt", steht in handgeschriebenen Großbuchstaben im Schaufenster. Nein, das Fenster gehört nicht der christlichen Buchhandlung, sondern der Apotheke. Dahinter stapeln sich Flaschen, Pulver und Dosen als Abnehmhilfen. "Machst du auch 'Sieben Wochen ohne'?", fragt der Freund und klopft sich auf sein Bäuchlein. Wer sich nächsten Donnerstag bei einer Feier mit Rotwein erwischen lässt, wird garantiert darauf angesprochen. "Fastest du gar nicht?"

Evangelische Freiheit hin oder her, die gute alte Fastenzeit wird so ernster genommen als die Steuererklärung. Wassergläser sind Pflicht. Und wem es mündlich nicht reicht, der kann sogar Verträge abschließen oder einer temporären WhatsApp-Durchhaltegemeinschaft beitreten. Freiwillige Unterwerfung als Selbstdisziplinierung.

Nichts gegen schlanke Körper und den Versuch, das eine oder andere an lieb gewordener Angewohnheit auf den Prüfstand zu stellen. Wer auf Kleinigkeiten verzichtet, kann auch große Dinge angehen. Das macht demütig und dankbar zugleich. Die Sehnsucht nach einem einfacheren, konzentrierteren, gesünderen Leben ist so etwas wie die neue Zivilreligion geworden, eine säkularisierte Bußbewegung. Wenn nur die Motive für die neue Lust am Verzicht nicht so gut in das Format der Selbstperfektionierung passen würden, in dem die eigene Einzigartigkeit das Evangelium ist. Der neue Hype heißt: "Entgifte dein Leben. Trenn dich von Menschen, die dir nicht guttun, so wie du auf Alkohol verzichtest. Lass schlechte Nachrichten außen vor."

Abgesehen davon, dass in diesen Fastenkuren eine gehörige Portion Zynismus steckt: Sie sind dem christlichen Sinn der Fastenzeit entgegengesetzt. Nicht die Perfektionierung des Ichs und seines Weltwohlgefühls, sondern die Besinnung darauf, dass Menschen nicht perfekt sind, vielmehr verletzlich, stand einmal im Zentrum. "Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst", heißt es in der Aschermittwochsliturgie.

Die Fastenzeit ist Zeit der Konzentration auf das, was im Leben wirklich trägt, ein geschenkter Freiraum für die Gottesbegegnung, die auch zu einer vertieften Selbstbegegnung führen wird. Die Welt, so traurig und schön sie ist, die Menschen, die wunderbaren, die bösen und die Nervensägen, all das rückt in die richtige Perspektive. Weltentgiftung, aber anders.