DIE ZEIT: Herr Rohrbach, als WDR-Fernsehspielchef, als Chef der Bavaria und als freier Produzent haben Sie mit Rainer Werner Fassbinder, Wolfgang Petersen, Edgar Reitz gearbeitet. Haben Sie in Ihrer Karriere sexistische Vorfälle erlebt?

Günter Rohrbach: Nein.

ZEIT: Oder blicken Sie heute vielleicht anders auf Vorfälle in der Vergangenheit?

Rohrbach: Ich habe in meiner ganzen Zeit als Produzent in dieser Branche keinen Fall erlebt, der auch nur annähernd vergleichbar wäre mit dem von Dieter Wedel, was nicht unbedingt heißen muss, dass es ihn nicht gegeben hat. Nur wusste ich nichts davon. Es hat sich nie eine Schauspielerin an mich gewendet, weil sie sexuell belästigt worden wäre. Natürlich gab es Situationen, in denen ich dachte, der Regisseur könnte sich, gelinde gesagt, etwas freundlicher gegenüber seinen Mitarbeitern verhalten. Dass es zwischen den emanzipatorischen Inhalten mancher Filme und der Methode ihrer Herstellung Differenzen gab, will ich nicht bestreiten.

ZEIT: Als WDR-Fernsehspielchef haben Sie allein etwa ein Dutzend Filme mit Rainer Werner Fassbinder zusammen gemacht ...

Rohrbach: Gewiss, Fassbinder war ein Mensch, der eine Neigung dazu hatte, andere Menschen psychisch zu quälen. Und zwar unabhängig von deren Geschlecht. Fassbinder hatte seinen Clan. Und der war wie ein Kokon, in den man nicht hineinschauen konnte und mit dem man auch nichts direkt zu tun hatte. Fassbinder war das einzige wirkliche Genie, das mir in meinem Leben begegnet ist. Er hatte eine unglaubliche Energie für alles, was er machte. Diese Produktivität konnte er überhaupt nur bewältigen, indem er sich in die Droge flüchtete. Und unter Drogeneinfluss passieren halt Dinge.

ZEIT: Was für Dinge?

Rohrbach: Ausbrüche, Demütigungen, geschürte Eifersüchteleien, was weiß ich. Was die Besetzungen angeht, kann man Fassbinder aber nichts vorwerfen. Sicher hat er in Nebenrollen auch Liebschaften bedient. Mit Ausnahme von Irm Hermann erinnere ich mich an keine prominente Schauspielerin, die von ihm abhängig gewesen sein könnte. Hanna Schygulla und Ingrid Caven waren unabhängig, genauso wie Margit Carstensen, Barbara Sukowa, Rosel Zech. Nein, bei Fassbinder ging es nicht um physische Gewalt. Allerdings, es gibt fast nichts, was schwerer zu ertragen ist als eine Erfolgswelle, wie er sie hatte.

ZEIT: Glauben Sie, man würde Fassbinder sein Verhalten heute noch durchgehen lassen?

Rohrbach: Schauspieler haben heute ein anderes Selbstbewusstsein. Man darf aber nicht vergessen, dass die meisten Menschen, die in dieser Branche arbeiten – Darsteller, Kameraleute, Ausstatter und nicht zuletzt auch die Regisseure –, in prekären Verhältnissen leben. Sie müssen sich mit jeder Rolle, die sie spielen, mit jedem Film, den sie fotografieren oder inszenieren, den nächsten Film verdienen. Das ist ein enormer Druck.

ZEIT: Und der führt dazu, dass man schweigt, wenn Sexismus oder Missbrauch stattfindet?

Rohrbach: Er führt zu Ängstlichkeit. Ich habe mich oft gewundert, dass gerade Schauspieler zu den lebensängstlichsten Menschen gehören, die ich kenne. Egal, wie viel Geld sie verdienen. Weil sie nie sicher sein können, ob es den nächsten Film für sie noch gibt. Das ist eine Besonderheit dieses Berufs. Sie erzeugt Lebensängstlichkeit, die vielleicht dazu führt, dass man sich Dinge gefallen lässt, die man sich sonst nicht gefallen ließe. Oder dass man über Dinge schweigt, die man vielleicht sonst öffentlich machen würde. Auch die angeblich so mächtigen Regisseure stehen mit jedem Film auf dem Prüfstein ihrer Existenz.

ZEIT:Dieter Wedel hat ab den späten Neunzigern auch für die Bavaria gearbeitet, deren Chef Sie bis 1994 waren. Sein Verhalten kann an der Firma nicht vorbeigegangen sein.

Rohrbach: Ich habe die Bavaria am 31. Januar 1994 verlassen, und was dann danach passiert ist, weiß ich nicht. Man sollte auch nicht vergessen, dass Dieter Wedels mutmaßliche Taten Jahrzehnte zurückliegen. Die Welt hat sich verändert. Auch unsere kleine Welt des Films.

ZEIT: Inwiefern?

Rohrbach: Sie ist weiblicher geworden. Als ich Anfang der sechziger Jahre beim WDR anfing, waren Frauen mit ganz wenigen Ausnahmen Sekretärinnen oder Ansagerinnen. Auch beim WDR-Fernsehspiel waren wir nur Jungs. Heute arbeiten dort fast ausschließlich Frauen. Die großen Filmförderinstitutionen werden heute alle von Frauen geleitet. Gerade ist der letzte Mann, Klaus Schäfer von der Bayerischen Filmförderung, abgetreten. Er wurde durch eine Frau ersetzt. Die ARD Degeto, wichtigste Institution, was das Geld für Filmproduktionen betrifft, wird von einer Frau geleitet.

ZEIT: Und damit ist der Sexismus verschwunden?