Da fahren wir nicht wieder hin! Seekrank angekommen, im Regen über den Felsen. Unterland, Oberland: enge Gassen zwischen Sechziger-Jahre-Butzen, Fuselläden, Haifischbarkitsch. Und dann auch noch das erste Haus am Platz geschlossen, weil auf Jahre an die Techniker eines Windradbauers vermietet. Nein, Helgoland ist nicht gerade ein High-End-Performer der Heimat-Touristik. Verblasst die Farben der Häuser, verblasst der Ruhm – Deutschlands einzige Hochseeinsel –, verblasst die Erinnerung an rote Felsen namens Mönch und Lange Anna, an Lummen, Deutschlandlied, des Kaisers Flotte und das perfide Albion, dem man nach dem Zweiten Weltkrieg das Helden-Eiland ein zweites Mal entwinden musste.

Und doch: Das alles hat einmal das Vaterland bewegt. Und wie! Helgoland, Kreis Pinneberg, die deutsche Schicksalsinsel. Romane, Versepen, Gemälde, symphonische Gedichte preisen diese 4,2 Quadratkilometer in der Nordsee. Alle waren sie hier, die großen Deutschen, von Georg Christoph Lichtenberg bis Edith Stein, und es bleibt schon ein bisschen rätselhaft, wie das so in Vergessenheit geraten konnte.

Jetzt aber erzählen gleich zwei Kenner des heiligen Felsens seine sagenhafte Geschichte mit roten Backen neu: der Theologe Eckhard Wallmann, in den neunziger Jahren Pfarrer auf Helgoland, und der Londoner Historiker Jan Rüger. Wahrlich zupackend – auf 672 und 519 Seiten – schildern sie Helgolands Blüte, Fall und Wiederauferstehung. Dabei rückt Rüger die letzten 200 Jahre in den Blickpunkt und entwickelt das Drama der deutsch-englischen Konfrontation; Wallmann hingegen öffnet die riesige Seekiste der Kulturgeschichte, von den amorphen Anfängen bis zur Trip-Hop-Combo Massive Attack mit ihrem Album Heligoland. Faszinierend und unglaublich, wie bunt der bunte Felsen war, wie inspirierend bis heute.

Tatsächlich lassen sich viele Kapitel der Kulturgeschichte am Beispiel dieser Insel in nuce nachzeichnen. Die politische Romantik. Der Irrsinn des Nationalismus und Militarismus. Religiöse Konflikte, rassistischer Wahn. Aber auch eine kleine Geschichte der Freiheit und der Anarchie. Schließlich hat noch die Wissenschaft ihren Auftritt, über die berühmte Biologische Anstalt hinaus, war es doch hier, wo Werner Heisenberg der Geistesblitz traf, der Durchbruch zur Quantenmechanik, welche die Physik revolutionierte, Juni 1925 auf Helgoland, Hotel Villa Redell. "Warum", fragte schon 1849 ein Musikkritiker seinen Redakteur in Leipzig, "halten Sie sich denn keinen Correspondenten auf dieser Insel? Stoff en masse – ein wahrer Ocean an Stoff!"

Ja, und Mythen ohne Ende. Allein schon das märchenhafte Leuchten, das die Anfänge umgibt: Bibliotheken der tollsten Theorien wurden zusammengeschrieben. Mal war Helgoland die heilige Insel der Germanen, mal Teil von Hellas, mal römischer Außenposten, mal Wikingerport und Freibeuternest. Nordische Säulen des Herakles, Sitz der Göttin Hertha, des Jupiters, des Gottes Giedt. Noch in den fünfziger Jahre debattierte der Spiegel die These, Helgoland sei nicht weniger als das verwunschene Atlantis.

Ungewiss blieb vielen der alten Chronisten das Ausmaß der Insel. War sie einst vielleicht doppelt oder dreimal so groß? Dies immerhin ist gewiss: Helgoland und die vorgelagerte Düne verband eine Landbrücke, Neujahr 1721 hat eine Sturmflut sie zerstört; seither setzt man über vom Fels zum Sand.

Wohin aber gehörte er, dieser so markante und zugleich so vage Fleck Land? Zum Alten Reich? Zu Dänemark? Wer wüsste es zu sagen. Die deutsch-dänisch-schleswig-holsteinische Geschichte ist die komplizierteste der Welt, wie bereits im 19. Jahrhundert Englands Außenminister Lord Palmerston befand. Drei Menschen bloß hätten sie begriffen: "Prinzgemahl Albert, der ist tot; ein deutscher Professor, der ist darüber verrückt geworden; und ich. Nur habe ich alles vergessen."

Den Helgoländern war sie ohnehin völlig wurscht. Die 1.500 bis 2.000 Menschen, die das Eiland bewohnten, vom Fischen lebten und von Lotsendiensten, waren immer schon ein Volk für sich, friesisch, dänisch, englisch, deutsch ... vor allem: helgoländisch. Und das bekamen alle zu spüren, die Helgoland zu ihrem Besitz erklärten. Bis heute.

Jan Rüger jedenfalls beginnt seine Chronik vom Ringen um Helgoland kurz nach 1.800 – im Anfang ist auch hier Napoleon. Damals weht der Danebrog über dem Felsen, und die Dänen sind mit Frankreich im Bunde. Das provoziert die Briten, Napoleons Erzfeind. Im Handstreich nehmen sie 1807 die Insel, zumal sich von hier aus Weser- und Elbmündung und die norddeutsch-dänische Westküste kontrollieren lassen. Es ist der Beginn von Helgolands Aufstieg und Untergang zugleich: Zum ersten Mal gerät der Felsen auf das Schachbrett der Strategen.