Sommer 2016, eine malerische Kulisse in den Schweizer Alpen, ein Literaturfestival. Obgleich bereits alle Besucher abgereist waren, wurde von den Autoren erwartet, dass man noch ein letztes Abendessen miteinander an einem großen Tisch in einem am Dorfplatz gelegenen Restaurant verbringt. Ich fand mich am Tischende wieder, einem Mann gegenüber, von dem ich bereits erfahren hatte, dass er ein renommierter deutsch-jüdischer Schriftsteller mit spitzer Zunge war.

Wir stellten einander höflich vor, schätzten einander behutsam ab. Ich bin wie dafür geschaffen, den Spießrutenlauf typischer Fragen zu erdulden, zunächst die harmlosen: Wo kommst du her (New York), was hast du geschrieben (Autobiografien), was für eine Art Jüdin bist du (Ex-Chassidin), warum sprichst du so gut Deutsch (meine Muttersprache ist Jiddisch). Dann aber gingen wir über zu ebenjener krönenden Nachfrage, die ich inzwischen so sehr gewohnt bin: Warum, um Himmels willen, bist du hier, wenn dich nichts und niemand dazu zwingt?

In den Augen der Leute, die mich das fragen, ob sie nun Juden oder Deutsche sind, funkelt dann stets eine perplexe Ernsthaftigkeit. Ich habe mir im Laufe der Zeit so viele Antworten auf diese Frage zurechtgelegt, dass ich häufig nur noch einige Versionen, wie zufällig aus einem Kartenspiel gezogen, vorlegte und prüfte, welche wohl meinem Zuhörer jene Dosis an Erklärungen bot, die ihn am ehesten befriedigte. Bei diesem besonderen Gegenüber aber nun schien keine meiner Antworten diese Aufgabe zu erfüllen; mit jeder Trumpfkarte, die ich zog, schien die Verwirrung des Schriftstellers noch zu wachsen. Er glaubte nicht, dass der Umstand, in Deutschland familiäre Wurzeln zu besitzen, auch nur irgendeine emotionale Verbundenheit mit dem Land rechtfertigte. Er mochte nicht einsehen, wie ich Gemeinsamkeiten zwischen dem Jiddischen, der Sprache meiner Kindheit, und dem Deutschen, der Sprache der Täter, ausfindig machen wollte. Er erkannte auch die schlichte Linderung nicht an, die Berlin mir bereitet, nachdem mich die kapitalistischen Sitten von New York City fünf Jahre lang gequält haben. Und auch meinen Versuchen, in der weit zurückreichenden Geschichte der Schtetl-Juden mit ihrer Ambition, Aufklärung und Emanzipation im deutschen Kult der Bildung zu suchen, intellektuelle Wurzeln zu finden, wollte er nicht folgen; nein, all meine vorsichtig vorgebrachten Erklärungen hielt er für Bagatellen. Er insistierte auf der einen wahren Antwort, als hätte ich sie vor ihm absichtlich verborgen gehalten, und vielleicht stimmt es sogar, dass ich für den tieferen Grund meines Enthusiasmus für das Deutschsein noch keine Worte gefunden hatte.

Der Schriftsteller begann nun zu deklamieren; von meinen Rechtfertigungen unbefriedigt, schien er mir erklären zu wollen, warum ich einen schrecklichen Fehler begangen hätte, warum Deutschland der falsche Ort für mich und aus dem nämlichen Grunde für alle von uns sei. Und so unternahm er den Versuch, die Verbindungen zu zerlegen, die ich in eineinhalb Jahren in Deutschland geknüpft hatte, indem er Namen von Personen aufzählte, die ich eben erst kennengelernt hatte, und sie allesamt unmissverständlich zu Antisemiten erklärte. Er nannte Menschen, für die ich Zuneigung empfand, Menschen, denen ich vorbehaltlos vertraute, und Menschen, die ich nur vage kannte. Einige von denen, die er nannte, so wusste ich, waren Juden – ich verwendete mich für sie aus dem Gefühl ihrer verletzten Ehre heraus, aber er wischte mein Flehen mit einer Mischung aus Herablassung und Ungeduld vom Tisch. Ich sei eine Amerikanerin, ließ er mich wissen, als wäre dies der ultimative Marker, und also könnten mir naturgemäß keine Vorwürfe gemacht werden, das verstehe sich von selbst, die Form des Antisemitismus, mit der er sein Leben lang zu tun gehabt habe, wäre für eine amerikanische Jüdin einfach nicht zu erkennen; kurz gesagt, ich dürfe allenfalls hoffen, diese verdorbene Kultur erst nach jahrzehntelanger beharrlicher Beobachtung zu durchschauen.

Ich bekenne, dass ich an einem bestimmten Punkt aufgehört hatte zuzuhören, und dies zum Teil deshalb, weil ich diesen Sermon schon oft gehört hatte, und zwar von anderen, sich als Juden bekennenden deutschen Schriftstellern, die während meiner Auftritte abfällige Bemerkungen fallen gelassen und mich darauf aufmerksam gemacht hatten, dass jede einzelne deutsche Person, die meine Lesungen besucht und meine Bücher liest, allein von selbstgefälligen, maliziösen Intentionen bewegt sei. Zugleich aber tauchte, als ich mich auf die scharfsichtigen Augen des Schriftstellers hinter seinen dicken Brillengläsern konzentrierte, auf seinen five-o’ clock shadow, auf die Art und Weise, wie seine Augenbrauen tanzten und die Stirn sich kräuselte, wenn er wetterte, irgendwo in mir die Erinnerung an meinen Onkel Yishai auf. Was diese Erinnerung heraufbeschworen hatte, war wohl diese drängende Körpersprache, von der jene drastischen Behauptungen über Verhängnis und Verdammung begleitet waren.

Das Bild meines Onkels Yishai, das in diesem Augenblick in meinem Kopf auftauchte, entstammte einem frühen Moment meiner Kindheit. Es war Purim, jener mit seinen karnevalesken Possen am ehesten mit dem Fasching vergleichbare Feiertag, der dazu eingeführt worden war, die Geschichte einer weiteren Rettung der Juden vor dem Bösen in letzter Minute zu zelebrieren, und ich entsann mich, an jenem Tag meinem Onkel zugesehen zu haben, wie er ein Stück Kreide nahm und die hebräischen Buchstaben H, M und N auf die Gummisohlen seiner Schuhe schrieb. Er lud mich ein, mein Schuhwerk auszuziehen, und vollzog an ihm dasselbe, und als er fertig war, zogen wir gemeinsam wieder unsere Schuhe an, woraufhin er mir zeigte, wie ich die kreidebehafteten Sohlen heftig an den rauen Sandsteinen unseres Treppenabsatzes vor der Haustür abreiben sollte, bis die Buchstaben vollständig ausgelöscht wären und die letzten weißen Schmieren sich über die Steinstufen zögen.

Was wir da gemeinsam vollzogen hatten, war nichts anderes als das zeitlose Ritual des Yemach Shemo, des Akts des "Auslöschens seines Namens", was nicht allzu weit entfernt ist von der damnatio memoriae. In diesem besonderen Fall handelte es sich um den Namen Haman, unerlässlicher Bösewicht aus der Purim-Erzählung, den wir "auslöschten".

Haman war ein Agagiter, sagte mein Onkel, Nachkomme von Agag, König der Amalekiter, der großen archetypischen Feinde der Juden in der hebräischen Bibel, von denen es heißt, alle künftigen Feinde der Juden seien ihre Nachkommen, ganz gleich, ob nun dem Blute oder dem Geiste nach. Gut möglich, dass wir verschont geblieben wären von den vielen Bösewichten, die dann folgten, hätte König Saul Samuels Befehl – verkündet direkt vom hebräischen Gott selbst – nur eingehalten, jeden einzelnen lebenden Amalekiter zu zerstören, ihre Ochsen und Schafe eingeschlossen. Dass Agag als Ergebnis von Sauls Gnade einen zusätzlichen Tag zu leben hatte und so genügend Zeit besaß, ein Kind zu zeugen in der Nacht vor seiner Exekution, ließ ihn das Schicksal erleiden, zum Stammvater Hamans und einer Vielzahl ähnlicher Gegner zu werden.