Folge 1: Der Mäzen baut seine Macht auf

Am 25. Mai 2014 gellt um 16.33 Uhr ein Jubelschrei durchs Stadion. Nicht weil auf dem Rasen gerade ein Tor für den HSV gefallen wäre. Sondern weil Jens Meier, der Leiter der Mitgliederversammlung, gerade ein Abstimmungsergebnis verkündet hat: Von den 9.702 anwesenden HSV-Mitgliedern haben 7.992 für den Antrag gestimmt, dass die Profifußball-Abteilung in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Die Fans stehen dicht gedrängt auf der Tribüne, sie schwitzen, klatschen und träumen von glänzenden Perspektiven für ihren HSV. Wie sollten sie auch anders? Schließlich haben ihnen die Initiatoren der sogenannten Ausgliederung Großes versprochen. Von nun an gebe es eine straff geführte AG, die nach dem Vorbild des besten und erfolgreichsten Fußball-Clubs des Landes strukturiert werde: des FC Bayern München.

Der Verein selbst besitzt 75 Prozent der Anteile an der AG, die wichtigen Entscheidungen können also weiterhin die Mitglieder treffen, dafür reicht eine Dreiviertelmehrheit. 25 Prozent werden an Aktionäre vergeben. Bei der FC Bayern München AG sind das drei mit gleich großen Anteilen: Adidas, Allianz und Audi. So etwas, dachte man sich beim HSV, müsste in Hamburg doch auch gehen! Weltfirmen, die viele Millionen Euro dafür zahlen, beim HSV mit dabei zu sein. Beim HSV gibt es aber nur einen Mann, der unbedingt dabei sein will: Klaus-Michael Kühne.

Kühne ist von der Ausgliederung begeistert. Der Verein, der ihm so sehr am Herzen liegt, soll sich professioneller aufstellen. Er soll nicht mehr von den rund hundert Millionen Euro Schulden gelähmt werden, die sich in den letzten Jahren angehäuft haben. Er soll in talentierte Spieler investieren können, damit die Mannschaft auf dem Platz nie wieder Angst vor dem Abstieg haben muss. Kühne bietet sich als erster Großkäufer von Aktien an. Und hat gleichzeitig wohl nichts dagegen, dass andere mögliche strategische Partner vergrault werden. Das zeigt eine Rückblende:

Kurz vor der Ausgliederung bereitete der Kühne-Vertraute und damalige Marketingvorstand Joachim Hilke einen Deal mit Adidas vor. Es ging um die Verlängerung des Vertrages mit dem Ausrüster bis 2024. Im Aufsichtsrat regt sich Widerstand, es hatte keine Ausschreibung gegeben, die Laufzeit sei zu lang, und die Konditionen seien zu schlecht. Hilke zog die Verhandlungen ohne Zustimmung der Kontrolleure trotzdem durch. Unter den Folgen wird der Verein noch lange leiden.

Zum einen, weil der Deal den HSV auf lange Sicht Millionen kostet: Die ZEIT hatte Einsicht in Protokolle von Aufsichtsratssitzungen, aus denen hervorgeht, dass Adidas die Gesamtsumme von 25 bis 30 Millionen Euro nicht wie üblich in jährlichen Raten an den HSV zahlte, sondern einen großen Teil im Voraus überwies. Mit diesem Geld konnte sich der HSV die Lizenz für die Bundesliga-Saison 2014/2015 sichern. Die Höhe der weiteren Einnahmen ist an das sportliche Abschneiden geknüpft. In der vergangenen Saison erreichte der HSV nur Tabellenplatz 14, deshalb musste er eine halbe Million Euro an Adidas zurückzahlen.

Zum anderen sind die Folgen dieses Deals bis heute zu spüren, weil er den Einstieg einiger potenzieller Großaktionäre unmöglich machte: Im Umfeld war damals zu hören, dass andere Sportartikelhersteller wie Under Armour oder Nike Interesse bekundet haben sollen, beim HSV einzusteigen – aber nur unter der Bedingung, dass sie auch Ausrüster des Clubs sein dürften. Diese Möglichkeit war durch den Hilke-Deal verbaut.

Ende der Rückblende.