DIE ZEIT: Frau Andresen, wie geht es den Kindern in unserem Land?

Sabine Andresen: Der Mehrheit geht es gut. Sie fühlen sich wohl und sind zufrieden. Die meisten, die Kinder großziehen oder sich in Kitas und Schulen um sie kümmern, machen da einen guten Job.

ZEIT: Zum vierten Mal haben Sie für die World Vision Studie 6- bis 11-Jährige nach ihrem Wohlbefinden, ihren Lebensumständen, nach Familie und Freunden befragt. Unter welchen Bedingungen geht es Kindern nicht gut?

Andresen: Kinder mit Armutserfahrungen, das sind in dieser Studie 19 Prozent, haben in allen Bereichen ihres Lebens ein wesentlich eingeschränkteres Wohlbefinden. Das betrifft das eigene Zuhause, die Schule und die Nachbarschaft. Kinder generell fühlen sich aber auch nicht wohl, wenn ihre Eltern zu wenig Zeit für sie haben.

ZEIT: Was wäre in Deutschland anders, wenn die 6- bis 11-Jährigen das Sagen hätten?

Andresen: Sie würden versuchen, die Erwachsenen davon zu überzeugen, Kinder stärker in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Aus den Antworten der 2.500 befragten Kinder lässt sich auch ableiten, dass sie sich offensiver gegen ungerechte Verhältnisse einsetzen und dafür sorgen würden, dass auch in der Schule ihre Rechte geachtet werden.

ZEIT: Jungs galten in den letzten Jahren immer wieder als Sorgenkinder, die durch ihr Verhalten mehr auffallen und anecken als Mädchen – und in der Schule weniger leistungsbereit sind. Spiegelt sich das auch in ihrem Wohlbefinden?

Andresen: Jungen äußern tatsächlich ein geringeres Wohlbefinden im Kontext der Schule als die Mädchen. Aber es sind die Mädchen, nicht die Jungen, die sich mit zunehmendem Alter immer weniger wohlfühlen und weniger zufrieden sind. Ihr Selbstbewusstsein sinkt, sie machen sich viele Gedanken um ihr Aussehen, den eigenen Körper. Dieser Befund deckt sich mit anderen, auch internationalen Studien. Wir sollten uns fragen, was das zu tun hat mit sozioökonomischen Ursachen und Diskriminierungserfahrungen – und ob diese jungen Mädchen bereits darunter leiden, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben, in der das gängige Frauenbild noch sehr unter Druck setzt.

ZEIT: Die Studie wird seit 2007 in Abständen von drei bis vier Jahren durchgeführt. Welche Veränderungen stellen Sie fest?

Andresen: Die Kinder besuchen inzwischen zu einem großen Teil Ganztagsschulen, bleiben also bis nachmittags in der Betreuung. Zugleich lebt ein immer kleinerer Anteil von Kindern in Familien, in denen nur einer das Geld verdient. Beide Trends haben enorme Konsequenzen für den Alltag von Kindern und Eltern, für ihre gemeinsame Zeit, aber auch für ihr Stressempfinden.