Warum habt ihr uns verlassen?

Mit Kritik muss man umgehen können. Der katholischen Kirche fällt das oft schwer. Wer ihr den Rücken kehrte, wurde bisher nur selten nach seinen Gründen befragt, sondern belehrt. In einem Musterbrief der Deutschen Bischofskonferenz von 2012 etwa – entworfen für Pfarrer, die ihn an Abtrünnige aus der Gemeinde schicken sollen – heißt es wenig charmant, der Austritt sei "eine schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft". Es folgt eine Drohkaskade: keine Teilnahme an Sakramenten, kein Recht auf Patenschaft, Hochzeit in Weiß nur noch mit Ausnahmegenehmigung. "Ebenso kann Ihnen, falls Sie nicht vor dem Tod irgendein Zeichen der Reue gezeigt haben, das kirchliche Begräbnis verweigert werden." Ein Abschied im Bösen.

Das Bistum Essen – seit Jahrzehnten von stark sinkenden Mitgliedszahlen und schweren Geldnöten gebeutelt – entschied sich für einen neuen Zugang zu den Abgewanderten: Es ließ ausgetretene Katholiken nicht belehren, sondern ernsthaft befragen: Die Essener haben eine ungewöhnliche Studie zu den Gründen von Kirchenaustritten bei Wissenschaftlern aus verschiedenen theologischen Fakultäten in Auftrag gegeben. Das Bistum aus dem Ruhrgebiet hat damit wenige Monate vor dem Katholikentag eine Vorlage geliefert, die auch auf dem Treffen in Münster diskutiert werden wird. Die Ergebnisse werden sich von den Erfahrungen in anderen Regionen kaum unterscheiden. Wer also darüber sprechen will, wie sich die Kirche in Zukunft aufstellen muss, sollte die Antworten von Leuten kennen, denen das Angebot nicht mehr passte.

60 Prozent der katholischen Jugendlichen bezweifeln, dass die Kirche Antworten auf Fragen hat, die sie wirklich bewegen.

Klaus Pfeffer, Generalvikar in Essen und ein moderner Kirchenmanager, beschreibt die neue Strategie so: "Es braucht eine Auseinandersetzung mit den Menschen, die unsere Kirche verlassen haben oder verlassen wollen. Was bewegt sie eigentlich? Wie ist es zur Distanzierung von der Kirche gekommen? Was hätte helfen können oder könnte künftig helfen, Kirchenaustritte zu vermeiden?", schreibt Pfeffer. "Diese Menschen müssen uns doch etwas zu sagen haben!" Man will also nicht mehr drohen, sondern demütig fragen, wie man das Angebot verbessern kann.

Denn ein wichtiger Punkt hat die Forscher nach eigener Analyse überrascht: "Das Geld, also die Kirchensteuer, ist nicht der zentrale Grund, warum Menschen aus der Kirche austreten", sagt Tobias Faix von der CVJM-Hochschule in Kassel. Die Steuer wurde zwar auch in den Interviews und Befragungen, die Faix und seine Kollegen für die Essener Studie geführt haben, besonders häufig genannt. Aber meist in Verbindung mit einem inhaltlichen oder persönlichen Argument: Die von der Kirche vertretene Moral passt nicht mehr zum eigenen Weltbild, die Arroganz von oberen Kirchenleuten stört schon länger. Auch die Kirche wird heute, sagen die Studienautoren, nach einem Kosten-Nutzen-Kalkül betrachtet. Viele Ex-Katholiken wären bereit, Kirchensteuern zu zahlen, wenn Pfarrer und Bischöfe ihnen die richtigen Angebote machen. Die wichtigsten Austrittsmotive lassen sich in diesen vier Punkten zusammenfassen:

Der Zeitpunkt

Studium, erster Job, erster Karrieresprung oder -knick, Hochzeit, Kinder. Die von Soziologen als "Rushhour des Lebens" bezeichnete Phase ist aufregend, weil vieles gleichzeitig passiert – für das Verhältnis zur Kirche ist sie besonders kritisch: Zwischen Karriere- und Familienplanung kündigen so viele Menschen ihre Mitgliedschaft wie in keinem anderen Lebensalter, schreiben die Autoren. Von gut 4.300 Katholiken, die 2016 das Bistum Essen verließen, waren etwa 40 Prozent zwischen 23 und 35 Jahren alt. Das hat auch mit dem Blick auf dem Gehaltszettel zu tun: Wer plötzlich realisiert, dass er einige hundert Euro an die Kirche zahlen muss, wägt zum ersten Mal Kosten und Nutzen ab. Das Geld sei aber nur der letzte Schubser, sagen die Wissenschaftler.

162.000 Menschen haben 2016 die katholische Kirche verlassen, etwas weniger als im Vorjahr.

Die Skandale

Jeder zehnte Befragte nannte die zahlreichen Missbrauchsfälle oder die Affäre um die teure Residenz von Limburgs Ex-Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst als Austrittsmotiv. In der Bewertung von kirchlichen Skandalen erkennen die Forscher eine Veränderung: Der Wunsch nach Transparenz und Aufarbeitung sei gestiegen. Skandale würden heute nicht mehr als Indikator für die Rückständigkeit der Kirche gesehen – und relativiert. Die mögliche Folge: Eine Kirche, die nicht mehr als integer gilt und dauerhaft mit Skandalen behaftet ist, verlässt man eher.

500 Euro an Steuern verliert das Bistum Essen im Schnitt pro Kirchenaustritt.

Die Entfremdung

Nach den hohen Steuern ist die fehlende emotionale und praktische Bindung zur Kirche der meistgenannte Austrittsgrund, oft verbunden mit persönlichen Glaubenszweifeln oder der Begründung, dass man die Kirchenmitgliedschaft vom persönlichen Glauben trennen wolle.

Was lässt sich verändern?

Das Weltbild

Frauenbild, Zölibat, Haltung zur Homosexualität – die traditionellen Bruchlinien zwischen liberaler Gesellschaft und katholischer Morallehre zählen auch heute noch zu den am meisten genannten Austrittsgründen.

Doch der bloße Befund macht noch keinen Aufbruch. Was aber lässt sich verändern? Die Autoren der Studie empfehlen die folgenden ersten Schritte, um dem Trend etwas entgegenzusetzen:

Standpunkte vermitteln

Da sich die katholische (Sexual-)Moral schwerlich über Bord werfen lässt, empfehlen die Wissenschaftler einen offensiven Umgang damit. Positionen zu Homosexualität und wiederverheirateten Geschiedenen sollten umso klarer und verständlicher formuliert sein, damit auch Ehrenamtliche sie vertreten könnten. Auch sollten nicht nur Verbote, sondern auch der Wert der Moral herausgearbeitet werden. In einer pluralen Welt würde diese Positionierung zwar womöglich nicht von allen geteilt, sie könne aber das Profil der Kirche schärfen. Die Hoffnung: Wer seine Haltung ehrlich erklärt, verdient zumindest Respekt.

Beschwerdestellen

Der Kirchenaustritt ist den Erhebungen zufolge eine gut überlegte Entscheidung am Ende eines langen Prozesses. Dieser letzte Schritt ließe sich verhindern, meinen die Forscher. Etwa wenn es einen Ort für Beschwerden gäbe, aus denen sich bessere Angebote ableiten ließen. Mit guten Erfahrungen könnten negative Motive überwunden werden.

Ansprache

Eine große Zahl der Mitglieder sind nur noch formal Teil der Kirche. Sie besuchen selten oder gar nie einen Gottesdienst, sie kennen ihre Pfarrer nicht. Schon eine kleine Aufmerksamkeit könne helfen, die Bindung zu stärken. Konkret: Zugezogene mit einem Brief willkommen heißen oder Beerdigungen und Taufen zur direkten Ansprache nutzen. Kirche müsse an Orten präsent sein, die jungen Familien wichtig sind: in Kindergärten und Schulen.

Tradition pflegen

Überrascht hat die Forscher, dass so manchem die Kirche offenbar nicht mehr traditionell, nicht mehr spirituell genug ist. Sie empfehlen, auch für diese Zielgruppe eigens Angebote zu schaffen.

Personal schulen

Viele Menschen seien aufgrund einer persönlichen Enttäuschung in der Seelsorge ausgetreten, was sich durch bessere Personalplanung und Fortbildungen vermeiden ließe.

Glaubwürdigkeit

Durch eine symbolische Führungsrolle in der Aufarbeitung des Attentats auf Utøya habe etwa die norwegische Kirche ihre Reputation in der Gesellschaft verbessert. Den deutschen Kirchen sei das in der Flüchtlingskrise so nicht gelungen – sie habe die Deutungshoheit und damit auch die Orientierung Horst Seehofer überlassen. Bisher fehle den Kirchen oft der Mut zur kraftvollen Erzählung, die in der Öffentlichkeit auf Interesse stößt. Die Wissenschaftler raten deshalb den Bischöfen, sich stärker als Identifikationsfiguren in ihrer Region zu verstehen und auch als solche aufzutreten.

Die Studie wird in anderen Regionen fortgeführt. Der Fragebogen ist unter www.kirchenstudie.de abzurufen.

Die Studie ist als Buch im Herder-Verlag erschienen: "Kirchenaustritt - oder nicht? – Wie Kirche sich verändern muss". 312 Seiten, 25 Euro.