Noch immer wundert sich der Pfarrer in El-Or: "Das waren normale Jungen, ganz normale Jungen. Niemals hätte ich gedacht, dass das einmal Heilige werden!" Er kennt die meisten der Ermordeten von Kindesbeinen an, 16 von ihnen lebten in derselben Gasse des ärmlichen oberägyptischen Dorfes. Zwanzig Wanderarbeiter aus Ägypten wurden am 15. Februar 2015 unweit von Sirte am libyschen Strand zusammen mit einem Arbeiter aus Ghana vom IS abgeschlachtet – in einer ausgefeilten Choreografie gleichzeitig vor laufender Kamera, als Zeichen für die Welt. Die Getöteten waren Christen und hatten in 43-tägiger Geiselhaft ihrem Glauben nicht abschwören wollen. Dafür wurden die 21 geköpft, mit einem gemurmelten "Jarap Jesoa!" – "Herr Jesus!" – auf den Lippen.

Wer erinnert sich noch an diesen Fall? In der unendlichen apokalyptischen Gewaltgeschichte des Nahen Ostens, die allabendlich neue Bombenanschläge und blutige Gemetzel für die Fernsehbildschirme liefert, war das vielleicht nur eine besonders abscheuliche Episode. Jeden Tag verdrängen neue Grausamkeiten die bisherigen Entsetzlichkeiten aus dem Gedächtnis des Westens. Nicht aber in jener Welt, aus der die Ermordeten stammen: Sie waren Kopten. Tawadros II., der in Alexandria residierende Papst der koptischen Kirche, hat sie zwei Wochen nach dem Massaker in die Liste der heiligen Märtyrer aufgenommen. Seither pilgerten viele nach El-Or: der ägyptische Machthaber al-Sissi, die koptischen Würdenträger, zahllose einfache Pilger. Seit Langem sind die Kopten bevorzugtes Ziel des islamistischen Terrors, mit zahlreichen Toten. Doch dieser Fall ist anders.

Im Frühjahr 2017 kam auch ein Europäer hierher. Der Schriftsteller Martin Mosebach begab sich auf die Spuren jener 21 Martyrer, wie er sie in einer weniger gebräuchlichen Variante nennt. Er reiste durch Ägypten, sprach mit Einheimischen, Kopten und Muslimen, Intellektuellen und Geistlichen, erlebte Gottesdienste und vom Militär bewachte Kirchen, Landschaft und Armseligkeit. Und er besuchte in El-Or mit dem örtlichen Pfarrer und Dolmetschern die Hinterbliebenen der Martyrer. Sein Buch über diese Reise nennt Mosebach Die 21, es ist ein außergewöhnliches Werk. Denn zum einen bildet diese literarische Reportage in symbolischen 21 Kapiteln – jedem ist ein Foto eines der Ermordeten vorangestellt – ein besonderes Gedächtnisbuch für die Toten. Zum anderen erkundet Mosebach das uralte koptische Christentum und präsentiert einen erstaunlich kraftvollen, selbstbewussten Glauben, der inmitten einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft eine Renaissance erlebt. Dabei ist Mosebachs Mission bei aller Fremdheit, die er artikuliert, natürlich klar, und er verschweigt sie nicht: Er will dem ausgenüchterten Westen zeigen, was ihm mit dem Glauben abhanden gekommen ist. So staunt er selbst über die modernen, lockeren Koptinnen in engen Jeans und mit langem offenen Haar, die begeistert von ihrem Christentum und von ihren Martyrern sind.

Das also sind die 21 Männer, die im Alter von 22 bis 46 starben: Tawadros. Magued. Hany. Ezzat. Malak der Ältere. Samuel der Ältere. Malak der Jüngere. Luka. Sameh. Milad. Issam. Youssef. Bishoy. Samuel der Jüngere. Abanub. Girgis der Ältere. Mina. Kiryollos. Gaber. Girgis der Jüngere. Schließlich Matthew aus Ghana; er ist ein "Hinzugefügter", wie ihn die frühchristliche Martyrologie kannte, weil er sein nicht koptisches Christentum in der Haft ebenfalls nicht verleugnen wollte.

Normale Jungen aus ärmlichen Verhältnissen waren sie. Mosebach schildert ihren Tod gleich am Anfang in einer schwer erträglichen Beschreibung des ästhetisch perfekt inszenierten IS-Propagandavideos. Doch auch wer sich um der Würde der Opfer willen bislang weigerte, solche Videos zu betrachten, bemerkt den Sinn dieser Analyse: Denn für Millionen Kopten sind diese 21 keine Opfer, sondern verehrungswürdige Blutzeugen des Glaubens, der sie auch erstaunlich gefasst in den Tod gehen lässt. Die Individualität der Ermordeten steht gegen die Anonymität der Täter hinter ihren Masken, was die beabsichtigte verängstigende Wirkung durchkreuzt. In den Häusern der Hinterbliebenen wird der Film gerne auf dem iPad herumgezeigt, wie Mosebach verblüfft registriert.

"Ich bin ein schlechter Reporter", meint der Autor, weil er in seinen Gesprächen mit den jungen Witwen und in den Familien aus Diskretion nicht nachzufragen wagt, wie die Toten denn nun tatsächlich gewesen seien. Die stereotypen Antworten ("Er war ruhig, gehorsam und beichtete oft") sind längst Teil einer Heiligenverehrung, ihm wird von diversen Wundern erzählt, und er bekommt von Minas Mutter wundertätiges Öl in Plastikflaschen, allerdings heimlich, weil die Polizei einen Massenandrang verhindern will.

Getrauert wird nirgendwo, längst ist der Schmerz transzendiert in Tradition. Blechpokale zum Andenken stehen wie Vereinspokale in den Vitrinen der Häuser, allesamt übrigens triste Betonneubauten, die für die Heiligenfamilien eilig anstelle der traditionellen ägyptischen Lehmziegelhäuser errichtet wurden. Sofort entstand eine volkstümliche, am Computer erstellte Ikonografie in grellen Farben: Passfotos der Heiligen mit kitschigen "Disney-Königskronen" (Mosebach) zum Beispiel, die die Lebendigkeit des Kultes belegen. Eine Gedenkkathedrale wird errichtet, mit strengeren, archaisierenden Ikonen und wohl mit den Gebeinen der Martyrer, die im Herbst 2017 gefunden wurden.

Der vermeintlich schlechte Reporter Mosebach beherrscht eine besondere Kunst: die tiefe Achtung vor dem Fremden, selbst dann, wenn der Autor leise Ironie mitschwingen lässt. So beim Gesang der Angehörigen vor ihren Reliquienschreinen, der für ihn wie ein endloses "Bata pam pam pam – dideldideldum" klingt, so bei seiner Audienz beim Metropoliten, den die Rückenlehne seines modernen Thronsessels sanft hin- und herwiegt. Die erzählerische Kraft des Büchner-Preisträgers zeigt sich in vielen Szenen: Nach der Lektüre wird man eine Müllhalde mit anderen Augen betrachten, so farbenprächtig exzessiv und präzise vermag sie der Autor zu beschreiben. Immer wieder flammt bei Mosebach eine Ästhetik des Schreckens auf ("während sich die Messer durch die Kehlen gruben"); wie ein römischer Barockkünstler will er uns das Hinschauen lehren. Und er weiß die Kontraste zu inszenieren: Nichts könnte dem koptischen Gottesdienst ferner stehen als die Shoppingtour einer ägyptischen Freundin, die Mosebach in ein glitzerndes Einkaufszentrum bei Kairo begleitet.

Natürlich bleibt der Schriftsteller bei seinem höchst subjektiven Erleben, mitnichten mimt er als Laie den Ethnologen oder religionswissenschaftlichen Analytiker. Geschickt imaginiert er am Anfang einen religiösen Disput mit einem jungen, westlich-aufgeklärten Araber. Den hatte er im Kairoer Teehaus El Bustan nur kurz getroffen, und der junge Mann hatte sich irritiert gezeigt von Mosebachs Interesse an den 21 Martyrern. Er ist der "Bezweifler", Mosebach der "Beschwörer" auf der Suche nach der Kraft des christlichen Glaubens, der 2000 Jahre überdauerte. Agnostisch gestimmte Zeitgenossen werden darüber ebenso irritiert sein wie theologisch anders ausgerichtete Geister; und Mosebach wäre nicht Mosebach, wenn er sich nicht das ahistorische Bewusstsein gönnen würde, noch heute den Kirchenspaltungen der ersten Jahrhunderte nachzutrauern. Lernen von den Kopten: Längst sieht er die westlichen Kirchen vor der Herausforderung, in einer ungläubigen Umgebung zu überleben.

Doch weil er als Erzähler seine Sicht nie verbirgt, zudem seine faszinierte Skepsis, seine Fremdheit und Befangenheit stets mitreflektiert, gelingt ihm sein Porträt der Kopten ohne Abwehr und Anbiederung, mit vielen historischen und religiösen Exkursen über diese christliche Kirche, deren Gläubige etliche Jahrhunderte vor den muslimischen Eroberern dort lebten, immer wieder unterdrückt wurden und heute entgegen offiziellen Schätzungen wohl erstaunliche zwanzig Prozent der ägyptischen Bevölkerung ausmachen. Entzaubert wird in diesem aufwühlenden, beeindruckenden Buch nichts, dennoch erhellt es wie ein Lichtstrahl westliche blinde Flecken und fremde Welten. Beinahe möchte man den Beschwörer Martin Mosebach einen Aufklärer nennen.