Es gibt zwei Fenster in meinem Leben. Das eine geht hinaus auf die Straße vor meinem Haus in Leipzig, wo sich kahle Rosenranken im Sturm beugen und Pfützen eisiger Regenschauer auf dem Asphalt sammeln. Das andere öffnet sich auf meinem Smartphone hinter der App Instagram und zeigt Freunde beim Kopfstand auf Bali oder Cocktail trinkend auf einer Dachterrasse in Tel Aviv. Zwischen beiden Fenstern sitze ich, gucke auf das Display, dann raus, dann wieder aufs Display, dann raus, und sinke dabei jedes Mal ein Stück weiter zusammen unter dem Druck des Fernwehs, das in mir wächst und wächst. Im Januar und Februar lässt es mich ausdauernd im Rondo jammern: Ichwillwegichwillwegichwillweitweg.

Aber muss ich, um der Krise entgegenzuwirken, wirklich gleich um den halben Globus fliegen? Kann das Warme und Fremde nicht auch näher liegen? Lässt sich mein Fernweh vielleicht in der Heimat stillen? Einen Versuch ist es doch wert.

Der Begrüßungscocktail

In tropischen Ländern wird dem Reisenden zu Beginn seines Aufenthalts oft ein Cocktail mit unbekannten Zutaten gereicht, der wie ein erster flotter Urlaubsexpress wirkt. Ich suche einen möglichst exotischen Drink und finde auf kochbar.de den "Blue Lotus". Schnell die Zutaten eingekauft, schnell zusammengeschüttelt, schnell getrunken, zieht mit dem blau schimmernden Mix aus Pflaumenlikör, Blue Curaçao, Pfirsichlikör und Grapefruitsaft die Blaue Lagune in mich ein. Auf der Zunge breitet sich eine Süße aus, die von der fruchtgezuckerten Leichtigkeit eines ewigen Sommers erzählt. Ich denke an das blaue Wasser in den Buchten einsamer Inselatolle, an die blassblauen Fassaden der Kolonialvillen in karibischen Hafenstädtchen, an mein blaues Strandtuch. Hach. Der Initiationsritus funktioniert tatsächlich überall.

Das Körpergefühl

Im Urlaub heißt es fünfe gerade sein lassen, weshalb ich alle Heizungsthermostate der Wohnung auf gnadenlose Fünf stelle, bis sämtliche Räume bei etwa 28 Grad liegen. Kombiniert mit Kokosöl auf der Haut und einer Sonnenbrille im Haar will ich meinem konditionierten Hirn suggerieren: Sonne, Sommer, Kaktus. Der Effekt ähnelt einem "dramatisch-warm"-Fotofilter bei Instagram – nur in echt. Zusätzlich zünde ich im Wohnzimmer Moskito-Coils an, deren Schwaden im Sommer die gesamten Tropen durchwabern, um gefährliche Dengue-Mücken abzuhalten. Ihr ganz spezieller Räucherstäbchen-Geruch triggert sofort das dazugehörige Karibik-Gefühl. Plötzlich bin ich wieder auf Trinidad und Tobago, erinnere mich an meine nackten, angewinkelten Beine im Korbstuhl und an die huschenden Eidechsen auf den weißen Fliesen im zum Meer hin abfallenden Garten. Natürlich weiß mein Kopf, dass hinter meinem Yucca-Topf keine Eidechse hervorgucken wird. Aber mein olfaktorisches Gedächtnis beamt mich trotzdem weit über den Zimmerpalmenhorizont hinaus.

Der Sonnenteint

Mein erster Ausflug führt mich auf die Home-Malediven, also ins nächstgelegene Solarium. "Dass es Sie überhaupt noch gibt", rufe ich dem Betreiber zu, der vor einer Fototapete mit zwei Steinlöwen und einem Steintunnel auf Kundschaft wartet. Weiß gekleidet wie ein Arzthelfer sitzt er hinter einem weißen Tresen auf einem weißen Stuhl und schaut missmutig auf. Natürlich gebe es ihn noch! "Wir alle brauchen Sonnenlicht, und besonders im Winter: um Vitamin D zu bilden, um unsere Gelenke zu wärmen, um uns gut zu fühlen. Und bei dem Wetter in Deutschland kann man das nur im Solarium – oder man wandert aus."

Ich weiß genau, wovon er spricht, und betrete die Kabine, in der der Leuchtröhren-Sarkophag steht. Als das Gerät mit tosendem Rauschen anspringt, mache ich fest die Augen zu, um keinen UV-Schutz-Zwicker aufsetzen zu müssen. Nach fünf Minuten ist mein ausgestreckter, von Kunstwind umwehter Körper tatsächlich schön sonnenwarm. Es riecht süßlich nach verbranntem Fleisch und Desinfektionsmitteln. Ich falle in eine Art Melanin-Meditation, bei der die völlige Sterilität der Szenerie verschwindet. Ich atme tief ein und glücklich seufzend aus. Offenbar kann auch Konservenlicht ein paar Sommer-Endorphine herauskitzeln. Nach 15 Minuten möchte ich niemals mehr aus dem Gerät heraus, nach 20 Minuten piept es dreimal, das Licht wird abgeschaltet, und die Illusion fällt mit einem Schlag in sich zusammen. Meine Haut spannt leicht und scheint zart getönt. Jetzt kommt mir die Welt da draußen noch viel kälter vor.

Der Tag am Meer

Eine Sturmwarnung wurde für Leipzig durchgesagt, aber das interessiert mich nicht, denn ich bin in eine bessere Welt abgetaucht. Im Keller des Hotels Fürstenhof gibt es ein Spa mit "mediterraner Felsenlandschaft", mit Schwimmbad, zwei Saunen und einer "einzigartigen Duschgrotte", die auch Nicht-Hotelgäste benutzen dürfen. Ich habe die Landschaft zwar ganz für mich, reserviere mir aber trotzdem mit dem Hotelhandtuch eine Sonnenliege und gehe dann erst ins Wasser.

Sieben Züge schwimme ich bis zur Mauer mit dem blassen Meerpanorama-Wandgemälde, Wende, sieben Züge zurück zu den Sonnenliegen. In jedem Swimmingpool, egal wie unterirdisch, steckt für mich ein wenig lässige Dekadenz, ein bisschen Saint-Tropez, Romy Schneider und Bikini-Stimmung. Leider fehlt Alain Delon. Auf der Liege mache ich ein Angeberfoto von Beinen, Pool und Felslandschaft und schicke es an Freunde. "Erinnert mich an das Pelikan-Innenbecken in Hagenbecks Tierpark", antwortet einer. An eingesperrte Riesenvögel zu denken deprimiert mich. Fernweh wird manchmal auch mit dem Flugdrang von Zugvögeln verglichen. Pelikane kennen den aber gar nicht. Die bleiben lange in ihrem Tümpel hocken. Wie ich.

Folklore

Um in fremde Kulturen einzutauchen, muss ich wirklich nicht weit reisen. Chinesische Teezeremonien, indonesische Schattenspiele und indische Tanzspektakel gibt es auch im Grassi-Museum für Völkerkunde. Bei einer Kinderführung durch die Kulturkreise der Welt darf ich sogar in eine mongolische Jurte krabbeln. Ringsherum stehen bemalte Holzmöbel, ein Beutel für die Schafsmilch hängt in meinem Rücken, es fehlt nur noch ein qualmendes Feuer. Den Kindern wird ein Brettspiel aus angemalten Ziegenknochen gezeigt, das angeblich während harter Winter in der Wärme der Gemeinschaft endlos gespielt wird. Aber ist dieses Zelt-Arrangement ganz ohne Plastik, ohne Fernseher und ohne Handyempfang jetzt besonders authentisch – oder doch eher ein Stück romantischer Verklärung? Mir fehlt darin das wahre Leben, der spielenden Kinder zum Trotz.