Thomas lässt den Blick über die Bilder der anderen Klassenkollegen streifen. Manche haben den Kopf rot angemalt, die Arme grün, die Brust gelb. Sein eigenes Bild hebt sich ab. Thomas, der wie alle anderen Jugendlichen hier in Wirklichkeit anders heißt, hat den ganzen Körper rot bemalt, nur der Penis ist grün. Auf den Penis zeigt ein Pfeil. "Nur Frauen" steht daneben.

Es ist Mittwoch zehn Uhr in einer Sonderschule in Wien-Meidling, draußen frostig, drinnen überheizt und stickig, so weit ein normaler Wintervormittag. Doch fehlen heute die Mädchen, die Lehrer auch. Zwei Dutzend männliche Teenager sitzen im Kreis, zwei erwachsene Männer haben sich unter sie gemischt. Sie tragen ausgebeulte Jeans und Kapuzenpullis und stellen viele Fragen. Fragen zu Gefühlen, zu Ängsten. Bubenarbeit nennt sich das.

Seit zehn Jahren gehen die Trainer des Wiener Vereins Poika in Schulen und Jugendzentren, um mit Buben und Burschen zu arbeiten. Während die schwarz-blaue Regierung nach einer umstrittenen Strafverschärfung bei Gewaltdelikten ruft, betreibt der Verein Präventionsarbeit – nach Meinung vieler Experten der sinnvollere Weg.

In der Meidlinger Sonderschule sind die Trainer fast Stammgäste. Die heutige Gruppe, Burschen aus verschiedenen Klassen, erlebt den zweiten Teil einer Workshopreihe, die sich über mehrere Monate erstreckt.

Hunderte Bubengruppen hat Philipp Leeb schon begleitet. Dort gab es Ministerialratssöhne ebenso wie unbegleitete Flüchtlinge aus Afghanistan. Letztere gelten oft als Problemgruppe: orientierungslos, frauenhassend, testosterongeladen, gewaltbereit. Mit Leebs Erfahrung deckt sich das nicht. Zwar bemerke der studierte Pädagoge in den Workshops kulturspezifische Unterschiede: Afghanische Burschen irritiere es mehr als österreichische, wenn sie vor einer Frau über Intimes sprechen müssen. Österreichische Jungen reagierten ablehnend auf zärtliche Berührungen durch andere Männer, während es für afghanische Burschen normal sei, auch einmal miteinander zu kuscheln. Was nicht bedeute, dass sie weniger schwulenfeindlich seien als die hier geborenen Altersgenossen.

Die Übung in der Sonderschule heißt Körperampel. Rot steht für: Hier will ich nicht berührt werden. Grün ist Berührungszone. Gelb heißt: Manche ja, andere nein. Jeder bekommt einen Zettel, auf den eine neutrale Silhouette gedruckt ist, und malt sie aus. "Eine gute Übung, um sich selbst besser zu spüren", sei die Körperampel, wird Philipp Leeb später, wenn die Schüler gegangen sind, erklären. "Und wer sich selbst spürt, schlägt weniger leicht auf andere hin."

Einiges deutet darauf hin, dass diese Mischung aus Selbstfindungsspielen und Partnerübungen dazu beitragen könnte, den Gewaltpegel unter jungen Männern zu senken.

Thomas knabbert am Fingernagel, während die Gruppe die Körperbilder bespricht. Leeb zeigt auf sein Bild. "Du willst also nur hier berührt werden", fragt ihn der Trainer, "und hier nur von Frauen?" Thomas nickt. "Ganz egal, welche Frau?" Thomas denkt nach. "Na ja", sagt er, und macht eine ausholende Geste, die nicht ganz zu seinem schmächtigen Körper passen will, "von alten nicht."