Einen Sport sollte ich mir daraus machen: Wie lange dauert es, bis ich auf Marc Jongen angesprochen werde? Nach Vorträgen, egal zu welchem Thema, will jemand wissen, wie ich zum Ex-Kollegen stehe. Ebenso bei Vorgesprächen zu Rundfunkinterviews: Kaum ist das Sendungsthema angerissen, wird vorgefühlt, ob man sich denn auch zur "Causa Jongen" äußern würde. Den Geschwindigkeits- und zugleich Peinlichkeitsrekord hält die Anmoderation einer jüngst besuchten Podiumsrunde: Noch bevor die Teilnehmenden begrüßt worden waren, erinnerte man daran, dass heute "auch ein Stück Dr. Marc Jongen" unter uns sei. Schließlich sei "mit dem Hornuff" jemand gekommen, der quasi "Tür an Tür" mit ihm gearbeitet habe.

Zu den Fakten: Mit Marc Jongen gab es eine kollegial-verlässliche Zusammenarbeit an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Jeweils angestellt als Akademische Mitarbeiter, waren es vorwiegend organisatorische Fragen, die den Austausch bestimmten: Sitzungen zur Auswahl neuer Studierender, Gremienarbeit, Absprachen zu Lehrplan- und Prüfungsangelegenheiten – institutionelles Tagesgeschäft in sachlicher Atmosphäre. Tiefere Auseinandersetzungen blieben aus, wohl auch, weil Jongen in seiner Rolle als Assistent des damaligen Rektors Peter Sloterdijk buchstäblich aufzugehen schien und im Grunde keine eigenständige intellektuelle Kontur entwickelte. Als "Apostel eines Genies" stellte er sich bei einem Vortrag vor, zu dem eigentlich die Präsenz des Gehuldigten erwartet worden war: "Wir sind uns einig über die Unmöglichkeit, Peter Sloterdijk zu vertreten." Als Paulus-Figur erlaube er sich "kein anderes Mandat, als die Botschaft des Absenders möglichst rein und ungefiltert weiterzuvermitteln". Gemeinsame Lehrveranstaltungen bewarb Jongen mit adventistischer Aussicht auf messianische Beglückung: "Prof. Sloterdijk wird in unregelmäßiger Folge am Seminar teilnehmen."

Paradoxerweise war es die Erlangung des Bundestagsmandats, die Jongen erste Reaktionen an den Rändern des akademischen Systems einbrachte – zu dem er bis heute keinen nennenswerten Beitrag leistete. Die Dissertation ist nie verlegt worden und verschanzt sich, in Form der archivierten Pflichtexemplare, in einigen Bibliotheken. Von den wenigen Aufsätzen gingen weder Einsichten noch methodologische Perspektiven aus. Letztlich beschränkt sich das publizistische Œuvre auf esoterische Huldigungen des akademischen Übervaters.

Längst haben beide Seiten miteinander gebrochen: der eine enttäuscht über eine nie vorgelegte Habilitationsschrift, der andere getroffen davon, philosophisch unsichtbar geblieben zu sein. Umso deutlicher trat nach Ende des Lehrer-Schüler-Verhältnisses Jongens intellektuelle Abhängigkeit hervor: Anstatt nun endlich ein autarkes Profil zu entwickeln, verstieg er sich in obskure Theorien, die sich magnetisch an Sloterdijks Kulturessenzialismus anhefteten. Für kritische Reflexionen blieb Jongen zu fasziniert. Der Weg in die Politik war letztlich ein Fluchtweg, der dazu diente, neuen Vätern die Gefolgschaft zuzusichern: erst Bernd Lucke, dann Jörg Meuthen, jetzt Alexander Gauland.

Zu einer verschärften Auseinandersetzung zwischen Jongen und mir kam es, als sich Jongens AfD-Engagement intensivierte – und ich erwog, ein geplantes Buch der damals von ihm betreuten Schriftenreihe zu entziehen. Warf mir Jongen in Gesprächen Wankelmütigkeit vor und drohte mit dem Publikmachen meines vorgeblich opportunistischen Verhaltens, beharrte ich auf der Trennung von akademischer Forschung und ideologischer Vereinnahmung – war doch offenkundig, dass Jongen, milieutypisch, seine politischen Ambitionen durch universitäre Girlanden ornamentieren würde.

Wer sich also – wie ich – zur "Causa Jongen" äußert, tut zunächst nichts anderes, als diese Personalie überhaupt erst zu einem öffentlich relevanten Fall zu erklären. Nun allerdings liegt eine Aussage von Jongen vor, von der ich meine, dass sie nicht einfach ignoriert werden sollte. Sie ist thematisierungswürdig, weil sie in ebenso unfreiwilliger wie symptomatischer Weise die ideologische Schizophrenie des neurechten parlamentarischen Establishments sichtbar macht. Sie findet Verstärkung darin, dass Jongen nicht nur von AfDlern unterstellt wird, "Parteiphilosoph" zu sein und Anteile am Entwurf des weltanschaulichen Überbaus zu halten.

Aufhänger der Einlassung ist ein fraktionsinterner Posten, der Jongen infolge des jüngst verpassten Kulturausschuss-Vorsitzes von der AfD-Truppe übertragen wurde. Im Arbeitskreis Kultur und Medien soll er fortan die Funktion eines kulturpolitischen Fraktionssprechers ausüben. Auf seiner Homepage schrieb er am 23. Januar dazu: "Es wird mir eine Ehre und Freude sein, dieses Amt auszuüben und die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen."

Wie glaubhaft kann er entsiffen?

Der Inhalt bestätigt Muster. Pflichtschuldig werden rassistische Hygienefantasien in altbekannten Sprachregelungen nachgeplappert – um sich hernach als gezielt missverstanden viktimisieren zu können. Ideologisch kennzeichnend ist diese Aussage, weil sie verschweigt, von welcher Position aus Jongen spricht. Denn Jongen steht nach wie vor in einem regulären und entfristeten Arbeitsverhältnis mit der Karlsruher Hochschule. Mit einem jener "Kulturbetriebe" also, dem eine "notwendige Entsiffung" ins Haus stehen soll. Für die Zeit des Mandats ruht das Beschäftigungsverhältnis lediglich, sodass er ein Rückkehrrecht an die Hochschule besitzt. Seine Verstetigung hatte sich Jongen einst eingeklagt – und folglich mit schärfster Waffe seine kulturbetriebliche Zugehörigkeit auf Lebenszeit gesichert.

So stellen sich einfache Fragen: Was halten eigentlich AfD-Mitglieder davon, dass sie einen in ihren Reihen haben, der im Brustton der Überzeugung die Entsiffung des Kulturbetriebes zu seinem Projekt erklärt – und diesen Betrieb zugleich als persönliches Auffangnetz für die Zeit danach wertschätzt? Jongens Sprache und Logik weitergedacht: Wie glaubhaft kann jemand entsiffen, der als Mittelbauvertreter einer Kunsthochschule jahrelang selbst mitversifft hat – und der sich an die staatlich finanzierten Versifften bis zum Renteneintritt vertraglich gebunden hat? Der also vielleicht bald schon wieder aktiv mitversiffen möchte? Mehr noch: der sich all seine Versorgungsansprüche durch ebendiesen Betrieb garantieren lässt? Einen Betrieb, der sich in besonderer Weise durch Offenheit, kulturelle Vielfalt, internationalen Austausch, ästhetische Heterogenität und gestalterische wie theoretische Komplexität auszeichnet.

Es genügt die Erinnerung an allseits bekannte Beispiele, um die Symptomatik in Jongens ideologischer Schizophrenie zu sehen: Jongen selbst, der sein Entsiffungsprojekt in größeren Dimensionen wähnt und von nationalistischen Partikularismen träumt, ist ein italienischer Migrant, der im öffentlichen Dienst durch deutsche Steuergelder seinen Lebensunterhalt bestreitet. Jörg Meuthen, besonders glühender Verfechter traditionalistischer Familienordnungen, blickt auf zwei gewesene Ehen. Alexander Gauland, in einer Endlosschleife Ressentiments gegenüber Journalisten und "Altparteien" schürend, war einst tätig als Journalist und vierzig Jahre treues Mitglied der CDU. Frauke Petry und Marcus Pretzell entschieden sich zu Zeiten ihres intensivsten AfD-Engagements für das Modell der Patchworkfamilie. Alice Weidel, notorische Predigerin nationalkonservativer Werteformeln, lebt im Steuerparadies Schweiz in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft und mit adoptierten Kindern. Kurzum: Die allermeisten der reaktionär Posaunenden sind auf lebenspraktisch-biografischer Ebene ganz selbstverständlich im postmigrantischen, durchlässigen, hybriden, queeren, wechselvollen Multikulturalismus der Moderne verankert – und dies viel umfassender und tiefer, als es ihre eigene Doktrin je erlauben würde.

Dies aber zeigt: Rechte Identitätspolitik ist nur möglich, solange die eigene Identität in eine private und in eine programmatische aufgespalten wird. Je eifriger Wesenseigenschaften von Kulturen und Nationen beschworen werden, desto umfassender muss die eigene Wesenskontingenz ausgeblendet werden. Die Bekenntnispolitiker der Neuen Rechten suchen die Überwindung kultureller Ambivalenzen und verraten sich gerade damit als ultra-ambivalente Figuren. Der Wunsch nach Eindeutigkeit unter Bedingungen der Mehrdeutigkeit löst sich eben nur in erweiterter Mehrdeutigkeit ein.

Marc Jongens angekündigte Säuberungstat dient als Anschauungsmodell. Die Herstellung kulturbetrieblicher Asepsis wird er gemäß seiner eigenen Voraussetzung einzig um den Preis einer Selbstentsiffung realisieren können. Da er offenbar weiß, wie die Entsiffung der anderen durchzuführen ist, dürfte er sich auch darüber bewusst sein, was das für ihn selbst bedeutet.

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