Die Krieger der Matabele hatten einen furchtbaren Ruf, schon der Klang des Namens verbreitete Angst im alten Simbabwe. Im 19. Jahrhundert zogen die Männer schwer bewaffnet durchs Land und überfielen andere Stämme. Raub war ihr Handwerk.

Ganz ähnlich leben die nach ihnen benannten Matabele-Ameisen Megaponera analis. Die Insekten bilden Kolonien von einigen Hundert Tieren. Von ihren Bauten schwärmen Späher aus, um sich auf die Suche nach Beute zu machen: Megaponera ernährt sich ausschließlich von Termiten-Arbeiterinnen.

Die werden allerdings von wehrhaften Soldaten bewacht. Mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen verteidigen die Termiten sich gegen die Angreifer. Sie durchtrennen Beine oder Antennen oder verbeißen sich manchmal komplett in die Ameisen. Durchschnittlich drei der Räuber werden so bei einem Beutezug verletzt.

Der Ökologe Erik Frank beschrieb im vergangenen Jahr, wie die Krieger lädierte Artgenossen nach dem Raubzug wieder in den Bau trugen (ZEIT Nr. 17/17). Dort konnten sie sich offenbar erholen. Schon nach kurzer Zeit beobachtete er die Verletzten wieder im Einsatz: versehrt, aber auf der Jagd.

Was allerdings in den unterirdischen Kolonien der Ameisen passierte, war lange Zeit ein Rätsel. Erst mit speziellen Infrarotkameras konnten Wissenschaftler um Frank einen Blick ins Nest der Megaponera-Kolonie werfen. Was sie dort erblickten, hatte zuvor noch nie jemand nachweisen können: Die Ameisen versorgen die Wunden ihrer Artgenossen sorgfältig und steigern so deren Überlebenschancen erheblich (Proceedings of the Royal Society B). Haben sich Termiten in ihre Angreifer verbissen, versuchen andere Ameisen, die toten Termiten abzuziehen. Meist gelingt das. Wenn nicht, trennen sie den Kopf vom Körper ab, sodass die Ameisen wieder fast ohne Einschränkungen weiterleben können. Sind die Gliedmaßen abgebissen, ist das Verhalten sogar noch ausgefeilter. Frank, der für seine Beobachtungen viele Monate in der Forschungsstation der Universität Würzburg im Comoé-Nationalpark an der Elfenbeinküste verbrachte, konnte beobachten, wie Artgenossen die Wunden der Verletzten einspeichelten. Das ist offenbar eine lebensrettende Maßnahme: Ohne diese Hilfe starben 80 Prozent der verletzten Tiere innerhalb von 24 Stunden, wahrscheinlich an einer Infektion. Kümmerten sich ihre Artgenossen um sie, waren es nur zehn Prozent.

Faszinierend ist auch, wie der Krankentransport der Ameisen geregelt ist. Auf dem Rückzug wird längst nicht jede Lädierte getragen. Sind die Verletzungen zu gravierend, lassen die Ameisen ihre Artgenossen zurück. Wem geholfen wird, darüber entscheiden aber nicht die Sanitäter, sondern die Verletzten selbst. Genauer: ihr Geruch. "Das Helferverhalten wird über ein Pheromon ausgelöst: Nur wenn die Tiere diesen speziellen Duftstoff verströmen, kümmern sich die anderen um sie", sagt der Ökologe Frank. Dieses Pheromon wird jedoch nur ausgeschüttet, wenn die Ameisen in der Lage sind aufzustehen. Das Aufstehen und die Pheromonausschüttung miteinander zu verbinden stellt sicher, dass nur in solche Individuen zusätzlicher Aufwand investiert wird, die später auch wieder Aufgaben übernehmen können.

Leicht verletzte Tiere blieben ruhig, solange Artgenossen in der Nähe waren. So ließ sich ihnen besser helfen. "Haben wir Schwerverletzten das Pheromon künstlich aufgetragen, gaben die Helfer nach etwa zehn Sekunden auf", sagt Frank – eine unkoordiniert herumzappelnde Ameise lässt sich offenbar kaum tragen. Waren keine anderen Ameisen in der Nähe, krabbelten die Leichtverletzten hastig in Richtung Kolonie.

Systematisch wurde solch ein Helferverhalten im Reich der Insekten noch nie beschrieben, auch für andere Tiere gibt es höchstens einzelne anekdotische Beschreibungen. Frank will jetzt weitersuchen: "Ich vermute, dass man bei sozialen Insekten noch mehr solcher Verhaltensweisen wird finden können", sagt er. Das nächste Mal will er aber nicht in Afrika suchen, sondern in Südamerika – im Regenwald von Ecuador.