Nun ist die Idee also auch bei uns angekommen: Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD findet sich ein Passus, der nahelegen könnte, nach englischem Vorbild einen Regierungsbeauftragten zu installieren, der sich um Einsamkeit und Einsamkeitsschäden in der Gesellschaft kümmern soll.

Dabei ist vielleicht nicht gleich an ein ausgewachsenes Einsamkeitsministerium gedacht wie in Großbritannien, wo Theresa May eigens die Staatssekretärin Tracey Crouch (Sport und Ziviles) mit dem Aufbau einer Behörde betraut hat. Aber der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat schon vor Wochen eine mögliche Zuständigkeit des Gesundheitsministeriums ins Spiel gebracht, und zwar mit Verweis auf die erheblichen medizinischen Folgen: "Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen." Marcus Weinberg, der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der ebenfalls bereits Ende Januar "die soziale Isolation" und den Verlust "familiärer Bindungen" beklagte, sieht die Zuständigkeit naturgemäß eher beim Familienministerium.

Man muss sich nicht darüber lustig machen, traditionell empfiehlt nun einmal jeder Experte das Seine, der Gesundheitspolitiker die Gesundheitspolitik, der Familienpolitiker die Familienpolitik. Es ist ohnehin kein lustiges Thema, es ist ein trauriges Thema – und vor allem, was den Wunsch nach regierungsamtlichem Eingreifen anlangt, auch ein sehr gruseliges Thema.

Warum nicht gleich ein Ministerium für Glück?

Was überhaupt hat den Staat die innerseelische Befindlichkeit seiner Bürger anzugehen? Muss er jetzt neben Steuerehrlichkeit auch die Geselligkeit der Menschen überprüfen, auf ein behördlich erwünschtes Niveau heben? Liegen nicht Zahl, Dichte und Pflege sozialer Beziehungen allein in des Einzelmenschen Verantwortung oder Schicksal? Muss der Staat den Workaholic behindern, seinem familienzerstörenden Arbeitseifer amtliche Fesseln anlegen? Müssen die Frauen daran gehindert werden, ihre Männer um so viele trostlose Jahre zu überleben, wie sie es unklugerweise notorisch tun?

Wenn es denkbar erscheint, ein Einsamkeitsministerium zu schaffen, das solche Probleme bekämpft – denn dieses sind die Probleme! –, warum dann nicht gleich ein Glücks- oder Unglücksministerium, eine Dienststelle, die den rechten Umgang mit dem Leben lehrt und kontrolliert? Sich so etwas vorstellen zu können, waren bisher exklusiv skandinavische Albträume. In Dänemark, da könnte man sich denken, dass ein Gemütlichkeitsministerium die Möblierung von Wohnungen bestimmt. In Schweden, das sowieso die Gängelung liebt, könnten staatliche Wanzen in Privatwohnungen familienzerstörende Streitigkeiten melden und mit einem scharfen Alarmton die Beteiligten vor drohender Vereinsamung warnen. Aber in Deutschland? In Deutschland sind die Politiker selbstverständlich nicht so blöd, an Eingriffe in die private Unglücksstruktur der Menschen zu denken. Sie denken eher an die öffentlichen Strukturen, die an der Einsamkeitsproduktion mitwirken, an die sterbenden Dörfer, an die vereinzelnde Entmischung der Innenstädte, die keine Begegnungsstätten mehr enthalten, an die Ausbreitung überfordernder Berufsbilder, die kein Privatleben zulassen.

Da allerdings stößt die Politik auf die Folgen ihres eigenen Handelns. Der Bund hat seine Liegenschaften in den Innenstädten verhökert, anstatt auf eine sozial förderliche und begegnungsfreundliche Bebauung zu dringen. Die bundeseigene Bahn hat die Verkehrsverbindungen auf dem Land ausgedünnt. Die Kommunen haben in ihrer Gewerbesteuergier Einkaufszentren gefördert und Dörfer veröden lassen. Die Propagandamaschine, die mit der Agenda 2010 in Bewegung gesetzt wurde, hat den flexiblen Arbeitnehmer gefordert, der umziehen müsse, den Arbeitsplätzen hinterher, ohne Rücksicht auf Familie, Freunde, Kinder. Die Ich-AG wurde erfunden und mit ihr das Ideal eines Menschen, der für die Selbstvermarktung jede soziale Bindung und Rücksicht kappt.

Die deutschen Politiker, die etwas gegen Einsamkeit tun wollen, sind nicht blöd. Sie sind zynisch. Sie wollen im Hinterhof eines Ministeriums den gewaltigen Schaden ausbessern, den sie mehr als ein Jahrzehnt lang hergestellt haben.