Wer sich immer an alle Regeln hält, der geht nicht in die Geschichte ein. Das ist eine historische Konstante. Thomas de Maizière, der bisherige CDU-Innenminister mit Wahlkreis in Meißen, galt lange Zeit als ein solcher Regeleinhalter. Parteifreunde und Journalisten beschrieben ihn immer als überkorrekt und dadurch, ja, geradezu langweilig.

Aber nachdem Thomas de Maizière in der vorigen Woche erklärt hatte, dass er der neuen Bundesregierung nicht angehören werde, bewegte er doch alle. Als er sagte: "Ich bin sehr dankbar, dass ich diesem Land in einer schwierigen Zeit dienen durfte", dass es nun aber vorbei sei. Nun wird man ihn vermissen, schmerzlich. In Berlin. In Ostdeutschland und in Sachsen, seiner Heimat seit vielen Jahren. "Der Thomas ist unser bester Mann", sagt zum Beispiel Marco Wanderwitz, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Sachsen. De Maizières Ausscheiden aus dem Kabinett sei "ein echtes Problem, es bringt für uns Sachsen einen Bedeutungsverlust im politischen Berlin. Da gibt es nichts drum herumzureden." Und übrigens, ergänzt Wanderwitz noch, sei de Maizière ein Charakter, "den es nicht so oft gibt in der Politik".

Ja, doch: Thomas de Maizière wird politisch fehlen, wenn er sich jetzt wirklich in ein Dresdner Rentnerleben zurückziehen sollte. Und zwar viel mehr, als viele das vorher gedacht hätten. Ausgerechnet er, dieser Regeleinhalter, der kein Charismatiker ist und kein Volksheld. Die Tatsache, dass er gehen muss, schürt Unzufriedenheit und Verlustängste; insbesondere in Ostdeutschland. Und zwar gleich aus mehreren Ursachen.

Erstens verstärkt de Maizières in Wahrheit eher unfreiwilliger Abgang das Gefühl mancher ostdeutscher Abgeordneter, im Zweifel eben doch übergangen zu werden. Denn eigentlich wäre er gern Innenminister geblieben. So war sein Plan und auch der der CDU. Aber den Posten als Chef des Innenministeriums hatte in den letzten Koalitionsverhandlungsstunden plötzlich CSU-Chef Horst Seehofer für sich beansprucht. Und einen anderen Posten wollte de Maizière nicht haben. Also verkündete er das Ende seiner Karriere, die im Osten Deutschlands erst so richtig begonnen hatte. Qua Geburt in Bonn ist er ein Westdeutscher, aber qua Biografie ist er längst zur Stimme und zum Vertreter der Ostdeutschen geworden. Das Wort "Wossi" ist für ihn beinahe unangebracht, so sehr ist er Ossi inzwischen.

Denn als er 1990 als Staatssekretär nach Mecklenburg-Vorpommern kam und als er vier Jahre später Chef der Staatskanzlei in Schwerin wurde, bekam er die volle Wucht ostdeutscher Nachwende-Probleme zu spüren. Den gleichen Posten übernahm er 1999 in Sachsen, damals unter Kurt Biedenkopf, später leitete de Maizière in Dresden das Finanz-, dann das Justiz-, zuletzt das Innenministerium, ehe Angela Merkel ihn 2005 zum Chef ihres Bundeskanzleramtes machte, später zum Verteidigungs- und dann zum Innenminister. Das ist eine feine und lange Karriere, deren Ende man bedauern kann, aber eigentlich nicht betrauern muss: Schließlich hatte de Maizière seine Zeit und seine Chancen, schließlich ist er 64 Jahre alt.

Dass die Wehmut so groß ist, hat etwas mit der Rolle zu tun, die de Maizière – ohne dass die Öffentlichkeit das bemerkt hätte – für eine Reihe von ostdeutschen Politikern gespielt hat. Zum Beispiel für Michael Kretschmer, Sachsens jungen Ministerpräsidenten. De Maizière machte sich vor Jahren zu dessen Mentor, gab ihm Tipps, warnte ihn vor Fehlern, wurde zu einer Art Karriereberater. Vor allem aber bewies er all den Ostdeutschen, die sich an das politische System der Bundesrepublik erst gewöhnen mussten, dass man es mit Anständigkeit und gesundem Selbstzweifel weit bringen kann. Spricht man mit noch amtierenden und ehemaligen Politikern über de Maizière, dann reden sie oft und bemerkenswert anerkennend über die Chancen, die er nicht ergriffen hat – bewusst.

Drei Mal zum Beispiel hätte Thomas de Maizière Ministerpräsident in Sachsen werden können. Als im Jahr 2002 Kurt Biedenkopfs Rücktritt unausweichlich war, wollte dieser, so heißt es, de Maizière zu seinem Nachfolger machen. De Maizière griff nicht zu – mit der Begründung, er sei erst seit wenigen Jahren in Sachsen und könne nicht wie ein Eroberer einreiten in dieses Bundesland, um so schnell wie nur möglich nach oben zu kommen.

Dann, als im Jahr 2008 Sachsens zweiter Ministerpräsident Georg Milbradt abtreten musste, fragte dieser zuerst de Maizière, ob er übernehmen wolle. Wieder sagte de Maizière ab. Damals war er bereits Kanzleramtschef in Berlin und der Meinung, diesen Posten nicht einfach aufgeben zu können.