Was, wenn alles ganz anders wäre? Wenn nicht nur Menschen eine Innenwelt hätten, sondern alles, was lebt? Wenn nicht nur Menschen Subjekte wären, sondern auch Bäume, Gräser, Affen und Schmetterlinge?

Bis vor Kurzem galt solche Hoffnung als sentimentale Schwärmerei. Doch heute hat sie sich durch harte Verkaufszahlen den Rang einer ernst zu nehmenden Position erstritten. Die Ahnung, dass wir vielleicht doch nicht inmitten automatenhafter Biomaschinen leben, lässt ein Genre auf dem deutschen Buchmarkt boomen, das noch vor einem Jahrzehnt niemand ernst nahm: das Schreiben über Natur.

Eine bislang nur im anglophonen Sprachraum vertretene Sparte hat auch in Deutschland Bestsellererfolge. Die Klassiker des Genres, von Henry David Thoreau über Roger Deakin bis Gary Snyder, verkaufen sich genauso gut wie Bände über Krähen, Kröten, Nelken und Brennnesseln – Titel, die jeder Literaturagent noch vor Kurzem nur müde belächelt hätte. Vorläufiger Kulminationspunkt des Booms ist Das geheime Leben der Bäume des Försters Peter Wohlleben, das ein echter Weltbestseller geworden ist und seit 139 Wochen auf der Spiegel- Bestsellerliste steht. Das Genre trifft einen Nerv. Vielleicht, mag sich der Leser denken, schläft ja doch ein Lied in allen Dingen!

Gerade das macht die Eliten skeptisch. Spöttisch. Zynisch. Wer nachliest, was deutsche Rezensenten über Naturliteratur schreiben, fühlt sich an das Verdikt erinnert, das Richard Strauss über Rachmaninows 2. Klavierkonzert fällte: "Gefühlvolle Jauche."

Naturschönheit? Da waren wir doch schon einmal! Das ist doch Romantik! Und Romantik, das wissen wir, legte den Grundstein für die krassesten Entgleisungen des Denkens. Sie ist der röhrende Hirsch schaler Eigentlichkeit oder schlimmer noch: das Sinnlose, aufgeladen mit Sentimentalität.

Naturverachtung hat sich nicht nur in den Wirtschaftsetagen breit gemacht, sondern auch in den Deputaten des Geistes. Wer in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren Geisteswissenschaften studierte, lernte vor allem eins: Natur ist eine Fiktion, ausgedacht von uns Menschen. Bestenfalls ist die Biosphäre eine sinnentleerte Maschine, auf die wir unsere Suche nach Bedeutung projizieren, die aber in Wahrheit kalt und ungerührt bleibt. Wen dennoch das Aufblühen im Frühling rührt, der ist einfach naiv.

Und jetzt das: Millionen kaufen Bücher und Zeitschriften, in denen nicht nur die Begegnung mit anderen Lebensformen als Schlüssel zum eigenen Selbstverständnis ausgekostet wird, sondern diesen anderen Lebensformen sogar Gefühle zugesprochen werden, die den unsrigen kaum nachstehen. Muss das nicht als massive Verdummung bekämpft werden?

Was aber ist, wenn die Verlage, die von der neuen Naturwelle profitieren, recht haben und die Kulturkritik mit ihrem verbreiteten Spott das nicht wahrhaben will? Was, wenn das florierende Nature-Writing die jahrhundertealte Gegenüberstellung des Humanen und der Anderen auflöste und somit eine ganz neue Wirklichkeitssicht einschleuste?