Die Kapitalistin aus Nordkorea

Das Essen aus Nordkorea schmeckt mild. Manche finden es auch fad, aber Lee Ae Rans Stammgäste loben die "zurückhaltende Note" ihrer Küche. "Heiße Nudeln", das typischste Gericht Nordkoreas, besteht aus Zwiebeln und Schnittgemüse, einem halben Ei sowie dünnen Nudeln in klarer Brühe. Das Besondere ist, wo es serviert wird. Draußen an der Straße springen einem Logos von Starbucks, McDonald’s und ein paar südkoreanischen Gastroketten ins Auge. Darüber thront im ersten Stock das NeungRa – das bekannteste und auch fast das einzige Restaurant mit nordkoreanischer Küche in Seoul.

Doch wenn man die freundliche Bemerkung fallen lässt, dass der Kapitalismus und der Kommunismus also offenbar doch koexistieren könnten, wird die Besitzerin grimmig. Lee Ae Ran sieht das ganz anders. Sie hat sich zur Staatsfeindin ihrer alten kommunistischen Heimat erklärt. Am Revers ihrer Jacke trägt sie eine Anstecknadel mit der Flagge Südkoreas. "Im Norden haben sie mir erzählt, der Kapitalismus basiere auf Betrug", sagt sie in einem energischen Ton, der den weichen Klang der koreanischen Sprache vergessen lässt, und schlägt mit der Handkante auf den Tisch. "Aber genau das trifft doch auf den Kommunismus zu!" Als eine Landsfrau mit Schürze und gebundenem Haar die Heißen Nudeln serviert, lächelt Lee Ae Ran wieder.

Das NeungRa-Restaurant beschäftigt neben der Chefin zehn Arbeitskräfte, sieben davon in Vollzeit. Die ganze Belegschaft besteht aus Nordkoreanern – Flüchtlingen, die aus dem kommunistischen Nachbarstaat entkommen sind wie die Chefin selbst. "Ich wollte bei meinen Anstellungen eigentlich keinen Unterschied nach der Herkunft machen, aber es ergab einfach Sinn. Sie sprechen meinen Akzent. Die Gerichte verstehen sie besser als jeder Südkoreaner. Und einige Kunden kommen vielleicht in der Erwartung, von jemandem aus dem Norden bedient zu werden."

Ihre Eltern mussten ins Arbeitslager, beim Kochen wuchs ihr Hass auf das System

Lee Ae Rans Familie hatte schon immer ein gespanntes Verhältnis zum nordkoreanischen Regime. 1974 fand die Regierung heraus, dass ihre Großeltern das Land während des Koreakriegs gen Süden verlassen hatten, und die Familie fiel in Ungnade. Gemeinsam mit ihren Eltern wurde sie in einen nördlichen Landesteil umgesiedelt und zu harter Arbeit verdonnert. Ihr Vater, zuvor ein Funktionär des Sportverbands, musste Bäume fällen, ihre Mutter wurde in eine Kantine geschickt. Das Lager konnten sie erst verlassen, als Lee Ae Rans Vater anderswo gebraucht wurde, bei der Errichtung neuer Statuen für den Führerkult um den Diktatorenclan der Kim.

Die Tochter lernte kochen, und als Heranwachsende stand sie für die Familie in der Küche, weil die Mutter nach der Arbeit in der Kantine abends nicht mehr an den Herd wollte. Diese Fähigkeit und die Verbindungen der Mutter brachten ihr einen Job in der nordkoreanischen Behörde für Lebensmittelkontrolle ein, wo sie elf Jahre lang arbeitete. "Wenn ich ehrliche Urteile ausgesprochen hätte", sagt Lee Ae Ran und blättert ein bisschen gehässig durch die Speisekarte ihres Restaurants, "wäre dort fast nichts genehmigt worden." Die Brauerei habe häufig nicht hinreichend fermentiert, weil Regierungskader schneller als eigentlich möglich an ihr Bier kommen wollten. Manche Speisezutaten hätten das Verfallsdatum überschritten. "Aber hätte ich auf die Probleme hingewiesen, wäre der Fall eine Ebene höher gelandet. Und die hätten sowieso widersprochen."

Weil sie so gut kochen konnte, wurde Lee bald für Feiern der Kommunistischen Partei engagiert. Doch ihre Erlebnisse in der Küche der Bonzen ließen ihre Systemzweifel vollends zu Hass anschwellen. "Die Parteimitglieder haben Gerichte bekommen, die in dem Restaurant gar nicht auf der Karte standen", erzählt sie. "Sie bekamen Fleisch, dabei gab es offiziell nur Heiße Nudeln."

Mitte der 1990er Jahre grassierte in Nordkorea eine Hungersnot, der womöglich Millionen zum Opfer fielen. Lee Ae Ran hatte zwar meist etwas zu essen, weil sie an der Quelle saß. "Aber wir mussten da weg", sagt sie heute. Wir, das hieß auch ihre Mutter, ihre Geschwister, ihre Schwiegertochter und ihr vier Monate alter Enkel.

An einem Abend des Jahres 1997 machten sie sich auf zur Nordgrenze, überquerten Dank eines Schleppers und bestochener Grenzsoldaten den Tumen-Fluss, der Nordkorea von China trennt. Über den Landweg schafften sie es binnen zwei Monaten nach Vietnam, von wo aus sie mithilfe der südkoreanischen Botschaft nach Seoul fliegen konnten.

In der schon damals hochmodernen Hauptstadt Südkoreas kam Lee Ae Ran erst nur langsam an. Sie verbrannte sich den Mund am scharfen Essen, versuchte sich in der kleinen Wohnung, die sie mit ihrer Familie bewohnte, an Gerichten aus dem Süden. Doch mit Unterstützung der südkoreanischen Regierung konnte sie schon bald Ernährungswissenschaften studieren, promovierte danach als erste Geflüchtete aus dem Norden. Titel: "Die Entwicklung der Nahrungsmittelversorgung Nordkoreas in den 1990er Jahren." Sie schrieb über die Auswirkungen der Hungerkrise. Lee interviewte 1.000 andere Flüchtlinge aus dem Norden und fand heraus, dass Nordkoreaner vermutlich wegen der Mangelernährung einige Zentimeter kleiner waren als die Vergleichsgruppe aus dem Süden.

Als Nächstes eröffnete sie ihr Restaurant, anfangs noch gekoppelt mit Kochkursen nordkoreanischer Prägung. "Ich wollte die Küche aus dem Norden bekannt machen." Vier Jahre brauchte sie, bis die Investitionen für das Geschäft wieder drin waren. Heute läuft es, obwohl die meisten Südkoreaner wenig Interesse an den Genüssen des Nordens haben. "Kochen war doch alles, was ich tun konnte." Dass sie im Präteritum spricht, verrät, was sie eigentlich sagen will: Sie hat sich zur Managerin weiterentwickelt, die mittlerweile kochen lässt, und zur Aktivistin, die häufig prominent in rechtskonservativen Medien zu Wort kommt. Sie bezieht dort gern Stellung zu politischen Fragen und propagiert einen harten Umgang mit dem Norden.

Vielen geflüchteten Nordkoreanern fällt die Integration schwer

Irgendwann beim Essen trübt sich ihr Blick. Auf dem Samsung-Fernseher an der Wand ihres Restaurants ist eine Biathlon-Übertragung zu sehen, von den Olympischen Spielen in Pyeongchang, 100 Kilometer weiter östlich. Lee sieht schnell wieder weg. Für sie ist es ein Horror, dass Nord- und Südkorea im Zuge der Spiele den Dialog wieder aufgenommen haben. "Es bricht mir das Herz, dass sich Kim Jong Un jetzt inszenieren kann", wettert sie, "und unser Präsident in Südkorea tanzt nur nach Kim Jong Uns Pfeife." Dass der liberale Regierungschef im Süden, Moon Jae In, zum Jahreswechsel Südkoreas Mindestlohn um 16 Prozent auf 7.530 Won (rund 5,70 Euro) angehoben hat, ist für sie noch so ein Anflug von Kommunismus. Der Ton der Unternehmerin klingt wieder hart und unerbittlich.

In ihrem Restaurant steht ein Sparschwein, in das man für Kims Ermordung spenden kann

Jedenfalls steuern viele der täglich rund 100 Gäste das NeungRa nicht bloß zum Essen an. So erklärt es ein Gast, der gerade Kartoffelteigtaschen isst, ein ehemaliger Offizier aus dem Wiedervereinigungsministerium. "Viele wollen eigentlich Frau Lee unterstützen", sagt er. Eine politische Geste. Nur – was für ein Statement gibt man da ab, wenn man ins NeungRa einkehrt? Für Völkerverständigung durch kulinarischen Austausch? Oder für Solidarität mit den Flüchtlingen aus dem Norden und Stimmungsmache gegen jede Annäherung mit dem Kim-Regime?

In diesem ungewöhnlichen Restaurant, auf dem polierten Kachelboden, an den dunklen Holztischen und auf Stühlen mit Bastlehne kann man jede der beiden Haltungen einnehmen. Hier sitzen einige, die die Nähe zum Bruderstaat suchen, allen politischen Überzeugungen der Ladenbesitzerin zum Trotz. Andere applaudieren, als Lee Ae Ran an diesem Vormittag mit einer Handvoll Aktivisten Luftballons aufsteigen lässt, worauf ein Kopfgeld auf Nordkoreas Regenten Kim Jong Un ausgeschrieben ist. Im Restaurant steht auch ein Sparschwein, in das man für Kims Ermordung spenden kann.

Lee Ae Ran ist aus mehreren Gründen ein Extremfall. Sie macht nicht nur massiv gegen die Regierung im Norden Stimmung. Für eine Geflohene ist sie außerdem ungewöhnlich erfolgreich. Mehr als 1.000 Nordkoreaner schaffen es jedes Jahr in den Süden, rund 30.000 leben im Olympia-Gastgeberland, und vielen fällt die Integration schwer. Jeder Zweite wird wegen Depressionen oder Angststörungen behandelt, nur gut die Hälfte arbeitet. Trotz gesicherter Studienplätze und Stipendien liegt die Abbrecherquote von Flüchtlingen über dem nationalen Durchschnitt. Die Selbstmordrate ist hoch.

Das Leben im Süden sei schnelllebig, von Konkurrenzdruck geprägt, und viele Flüchtlinge bekämen den Reichtum nur im Schaufenster zu sehen. So erklären manche Betroffene die Anpassungsprobleme.

"Ich will den Nordkoreanern zeigen, dass man es im Kapitalismus schaffen kann, wenn man sich anstrengt und an sich glaubt", setzt Lee Ae Ran dagegen. Diese einfache Formel fänden heute sogar viele Südkoreaner gewagt. Ein Drittel hat hier keinen festen, abgesicherten Job, es gibt viele prekäre Arbeitsverhältnisse. Lee Ae Ran besteht trotzdem auf ihrer Logik. Sie selbst habe sich wahre Freiheit erarbeitet, und wenn sie das könne, dann andere auch.

Lee Ae Ran steht auf, sie stöckelt durch den länglichen Speisesaal, verschwindet hinter einem Vorhang. Eine Minute später kommt sie mit einem runden Tellerchen mit hellbraunen Würfeln zurück. "Auch eine Spezialität aus dem Norden." Ein festes Mehlgebäck, in Honig getränkt und mit Pinienkern bestückt, wie eine Art trockene Baklava vom Dönerladen. "Das hab ich schon als Mädchen gebacken. Mag eigentlich jeder."

Lassen sich Probleme der Welt auch dann mit Essen lösen, wenn der ärgste Hunger gestillt ist? "Das dachte ich bis vor Kurzem", sagt Lee Ae Ran und muss lachen. "Mittlerweile glaube ich, dass es nur um Wirtschaftssysteme geht." Sie überlegt jetzt, ein zweites Mal zu promovieren, diesmal in Volkswirtschaft. Die Arbeit am Herd im NeungRa erledigen ja längst ihre Mitarbeiterinnen.

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