Contra

Die Idee ist schlecht: Wer mit Bus oder Bahn fährt, soll auch dafür zahlen. Sonst kollabiert der gesamte Verkehr

Im Garten unserer Nachbarn stand kurz nach der Wende ein aus Ostdeutschland importierter Trabi. Zum Spielen. Irgendwann waren die Scheiben von Kieselsteinen eingeschmissen, dann regnete es hinein. Am Ende landete der Trabi auf dem Schrottplatz. Was nichts kostet, ist offenbar schon Kindern wenig wert.

Wenn Fahrten mit der U-Bahn und dem Bus nichts mehr kosten, wird es dem Nahverkehr in Deutschland bald genauso ergehen wie dem Trabi unserer Nachbarn. Er wird verkommen.

Natürlich ist es eine schöne Idee, dass plötzlich alle Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen, aber das wird auch mit Gratisnutzung nicht passieren.

Denn wer fährt denn heute mit dem Auto in die Stadt? Der gut verdienende Angestellte wohnt schon mittendrin. Mit dem Gratisbus würde er künftig nicht mal mehr für seine Fahrt zur Arbeit zahlen. Die Friseurin, die sich das Leben in der Stadt nicht leisten kann, wird aber weiter mit dem Auto fahren. Sie wohnt eher auf dem Dorf, weil es dort günstiger ist, zu wohnen – was wiederum auch daran liegt, dass die Anbindung an den Nahverkehr dort eine Katastrophe ist. Kostenlose Tickets helfen ihr gar nichts, sondern nur ein Ausbau des gesamten Netzes aus Bus und Bahn. Und der kostet nicht ein paar Milliarden, sondern Dutzende.

Mancherorts ließen Kommunen schon entsprechende Versuchsballons steigen, die dann platzten. Ob im belgischen Hasselt oder im brandenburgischen Templin. Am Ende wollten mehr Menschen mitfahren, als Sitz- und Stehplätze da waren.

Wer jetzt ruft: Dann investiert noch mehr, wir können es uns doch leisten!, der sei an den 29. September 2012 erinnert. Damals stellte die örtliche Verkehrsbehörde von Seattle nach 40 Jahren kostenlose Fahrten in der Innenstadt ein. Seattle ist in etwa so groß wie Frankfurt, und es ist eine der reichsten Städte der USA. Doch die Gratisnutzung des öffentlichen Nahverkehrs wurde zu teuer und sprengte das Budget.

Wie soll das in Städten wie Berlin werden? Eine Milliarde Euro nimmt die Verkehrsgesellschaft dort mit dem Verkauf der Tickets ein. Diese Einnahmeausfälle zu ersetzen ließe sich vielleicht noch verkraften. Aber dann? Steigen die Leute um, worum es ja auch geht. Um den Zuwachs an Mitfahrern zu stemmen – heute sind es schon eine Milliarde Fahrten im Jahr –, bräuchte Berlin nicht nur mehr Züge, sondern auch mehr Busse, mehr Fahrer, mehr Schienen, neue Werkstätten. Es würde mehr Strom und Öl verbraucht, und geputzt werden müssten die Wagen auch. Das würde Milliarden Euro kosten, denn wenn nicht wirklich viele Menschen umsteigen, hat die ganze Idee ja gar keinen Sinn.

Im aktuellen Boom lässt sich das Gedankenexperiment ohne Kopfschmerzen durchspielen. Aber schon in der nächsten Wirtschaftskrise wird wieder gespart werden müssen. Aufgeschlitzte Sitzbezüge werden nicht erneuert, Graffitibeschmierungen nicht entfernt und überfällige Reparaturen so weit wie möglich verschoben werden.

Dazu kommt, dass das System umso anfälliger wird, je mehr Menschen mit der Bahn fahren. Man sieht das bei der Deutschen Bahn, die auf vielen Strecken die Taktung der Züge nicht einfach erhöhen kann. Wenn sie es tut, summieren sich die Verspätungen.

Die Probleme des schlechten Zustands der Waggons und der höheren Taktung würde sich wahrscheinlich noch dadurch vergrößern, dass auf einmal unnötig viele Fahrten gemacht würden. Ökonomen sprechen von der Tragik der Allmende. Die Allmende war früher einmal Weideland, das sich viele Menschen teilten. Das ökonomische Argument dagegen geht so: Wenn jeder seine Kuh auf dem gleichen Feld kostenlos weiden lassen kann, ist das Feld früher oder später zertrampelt, abgegrast und am Ende vollgekackt. Es kümmert sich keiner darum, weil es ihm nicht gehört, und ein jeder nimmt sich davon, was er haben kann.

Damit der öffentliche Nahverkehr nicht zertrampelt endet, hilft nur eines. Die Nutzung muss etwas kosten. Das Versäumnis der Verkehrspolitik ist nicht, dass U-Bahn und Bus zu teuer sind, sondern dass Autofahren zu günstig ist. Unbegrenzt können selbst Topmanager Kilometer für Kilometer als Fahrtkosten in der Steuererklärung absetzen, Dieselkraftstoff wird mit acht Milliarden Euro im Jahr subventioniert. Dieser Irrsinn sollte gestoppt werden, ehe das Land die Nutzung des Nahverkehrs kostenfrei macht. Die einzige Maßnahme, die wirklich etwas bringt, um die Umweltprobleme in den Städten zu lösen, ist unbequem: Der Mensch muss für Umweltschäden zahlen, die er mit der Autonutzung erzeugt, oder er muss sich selbst bewegen. Zur Not mit dem Rad. CLAAS TATJE