Wenn Olaf Scholz öffentlich über den Zustand seines Herzens spricht, muss einiges passiert sein. Am Sonntag war es so weit, der Druck war derart angestiegen, dass der Bürgermeister beim Neujahrsempfang der SPD-Fraktion im Festsaal des Rathauses einen winzigen Einblick in sein Innenleben gab.

Er stand auf der Bühne, die Stimme noch immer rau von der Erkältung, die er sich bei den Koalitionsverhandlungen im eiskalten Adenauer-Haus in Berlin eingefangen hatte. Er sagte den fast tausend Zuhörern: "Obwohl, wie sich wahrscheinlich jeder vorstellen kann, mein Herz übervoll ist und ich unglaublich viel zu sagen hätte, mach ich das dann. Ich hoffe um Verständnis."

Dann – das heißt: in drei Wochen, wenn die SPD-Mitglieder abgestimmt haben über die große Koalition in Berlin. Erst wenn das Ergebnis da ist, will Olaf Scholz etwas sagen zur Frage nach seiner persönlichen Zukunft, auch wenn jeder die Antwort schon zu kennen glaubt: dass er Vizekanzler wird und Bundesfinanzminister, der zweitmächtigste Politiker der Republik also.

Warum steht er nicht einfach dazu? Warum hält er die Hamburger hin?

"Total irre" sei die aktuelle Lage, sagt einer seiner Vertrauten. Man muss sich Scholz in diesen Tagen als Mann unter gewaltigem Druck vorstellen. Als einen Politiker, der in den vergangenen Wochen mehrmals seine eigenen Aussagen wieder einsammeln musste, weil ihn der Lauf der Dinge schlicht überrumpelt hat. Und der jetzt vor allem eines hofft: dass seine SPD und er selbst heil durch die nächsten Tage kommen.

Die Hamburger Opposition glaubt, dass Scholz’ Schweigen vor allem mit Hamburg zu tun hat. Dass er sich zurückhält, weil er im Falle eines Scheiterns der großen Koalition nicht als Bürgermeister dastehen will, der eigentlich keine Lust mehr auf Hamburg hat. Wer das so sieht, zeigt, dass sein Blick kaum über die Stadtgrenzen hinausreicht.

Der wichtigste Grund für Scholz’ Seiltanz ist ein anderer: Er bangt ernsthaft um das Überleben seiner Partei. Wenn er jetzt bekannt gibt, dass er Finanzminister werden will, gibt es kein Halten mehr. Dann folgen Fragen, auf die die Partei bislang keine Antworten kennt: Und wer wird Außenminister? Was ist mit den anderen Posten? Dann hat die Parteiführung keine Chance mehr, das Chaos zu ordnen. Deshalb versucht sie, sich mit der Parole "Jetzt geht es um die Inhalte" etwas Zeit zu verschaffen. Ob sich das durchhalten lässt, ist zweifelhaft. Aber Scholz’ Priorität lautet: Erst mal die SPD stabilisieren. Auch wenn er dafür die Hamburger zappeln lassen muss.

Es sind gefährliche Tage für den Bürgermeister. Er will sich nicht wegducken, kann aber auch nicht offen reden. In Interviews erinnert er deshalb wieder an einen Sprechroboter, der schablonenhaft die Segnungen des Verhandlungsergebnisses preist, obwohl die Fragesteller etwas ganz anderes von ihm wissen wollen. Seine aktuellen Auftritte im Fernsehen sind ein Rückfall in traurige Zeiten, alles andere als vorteilhaft fürs Image.

Andererseits ist es genau diese Härte, auch gegen sich selbst, die Scholz immer von anderen Politikern abgehoben hat. In den Berliner Verhandlungsnächten, so ist zu hören, sei er einer der Unerbittlichsten gewesen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagte danach: "Olaf, wenn wir noch einen halben Tag länger gemacht hätten, dann hätten die uns wahrscheinlich auch noch das Kanzleramt gegeben in diesen Verhandlungen."