Hannes Kuhn erinnert sich – am Nachmittag des 26. Juni 2013 erhält er einen Anruf. Herr J. am Apparat. Er, Kuhn, und Herr J., zwei Unternehmer, der eine aus Deutschland, der andere aus der Schweiz, stehen kurz vor dem Abschluss eines millionenschweren Finanzgeschäfts. In London bahnte Kuhn den Deal an, in Basel hat man sich getroffen, Businesspläne wurden erläutert, Zahlen erörtert. Es geht um internationale Investments, Firmenverkäufe, auch Tankstellen in Indonesien spielen eine Rolle. Alles ausgehandelt. Unterschriftsreif.

Herr J. spricht ins Telefon, er habe heute einen Zeitungsartikel im Schweizer Tages-Anzeiger gelesen. In dem Artikel, drei Spalten schlank, wird Kuhn, Gründer und Großaktionär der deutschen Solarfirma Solar Millennium, bezichtigt, am 8. März 2010 womöglich einen heiklen Börsenauftrag platziert zu haben. Er soll auf einen Aktiensturz der börsennotierten Solar Millennium gewettet haben. Kuhn habe demnach als Verwaltungsrat der Solarfirma sein Insiderwissen missbraucht, schreibt der Tages-Anzeiger und beruft sich bei seinen Informationen auf einen tags zuvor in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Bericht.

Unter diesen Umständen, sagt Herr J. am Telefon zu Kuhn, könne die geplante Zusammenarbeit nicht durchgeführt werden – weil, wenn die Behauptungen stimmten, er, Kuhn, ja bald in Haft genommen werde.

Deal geplatzt.

So sei das gewesen an jenem 26. Juni 2013, erinnert sich Hannes Kuhn fünf Jahre später, Februar 2018, in einem kleinen Sitzungssaal des Landgerichts Nürnberg-Fürth. Neben ihm sitzen die, die Kuhn verantwortlich macht für den Anruf, das vermasselte Geschäft, den entgangenen Profit: die Süddeutsche Zeitung und zwei ihrer Redakteure. Sie haben den ursprünglichen Artikel verfasst, die Süddeutsche hat ihn am 25. Juni 2013 abgedruckt.

Die Richterin blättert durch die Akten, schaut auf, sagt, es gehe hier also um eine Schadensersatzklage von 78.000 Euro.

Einer der Redakteure lacht auf und murmelt: "Schön wär’s."

"Oh", sagt die Richterin und korrigiert sich: "78 Millionen."

Sollte das Gericht der Klage folgen und Hannes Kuhn recht geben, würde dies die Süddeutsche in ihrer Existenz gefährden, von den beiden Journalisten ganz zu schweigen. Es bedeutete auch einen dramatischen Angriff auf die Arbeit von kritischen Wirtschaftsjournalisten, wenn seriöse Verdachtsberichterstattung in Zukunft mit Millionenklagen wegen Geschäftsschädigung rechnen muss.

Es geht um eine dubiose Finanzwette auf den Aktienkurs von Solar Millennium

Hannes Kuhn, Jahrgang 1964, Manager, Investor, Firmengründer, hat die Süddeutsche Zeitung und ihre beiden Redakteure auf 78.424.500 Euro verklagt. Dies sei der für ihn eingetretene Schaden, entstanden durch einen Artikel in einer Schweizer Zeitung, der, aus Sicht von Kuhn, auf einer falschen Berichterstattung der Süddeutschen beruhe. Allein aufgrund dieses Berichts, der seinem vermeintlichen Geschäftspartner Herrn J., vielleicht nichtsahnend am Frühstückstisch, in die Hände gefallen sei, sei ein Millionen-Investment gescheitert. Dafür müssten die Urheber zur Rechenschaft gezogen und also zur Kasse gebeten werden.