Fast auf den Tag genau vor 27 Jahren habe er in Hamburg seine Frau kennengelernt, sagt Robert Longo. Barbara Sukowa lebte damals in Övelgönne, sie kam zur Eröffnung von Robert Longo, der Ausstellung, die er 1991 dort zeigte, wo er seine neue Ausstellung aufbaut: in den Deichtorhallen.

Eine Menge ist passiert seitdem. Die Schauspielerin und er leben in Brooklyn und haben einen erwachsenen Sohn, Joseph, Filmemacher. "Ich hatte immer gehofft, dass ich ein normales Kind bekomme, einen Rechtsanwalt oder Arzt", sagt Longo.

Was außerdem passiert ist: Longo ist einer der Pop-Ikonografen des neuen Jahrtausends geworden. Der in eine weiße Straßenschlucht hineintaumelnde Scherenschnitt-Mann aus dem Vorspann zur Serie Mad Men, die vor monochromen Hintergründen tanzenden Silhouetten aus der Werbung für iPods: Sie alle zitierten Longos Serie Men in the Cities aus den Achtzigern, Anzugträger in verdrehten Posen, sich windend vor Schmerz oder Euphorie. Eingefrorene Bewegung, gezeichnet in Grafit und Kohle auf Papier.

"Die Freundin meines Sohnes hat mich gefragt, ob ich die Idee von Apple hatte", lacht Longo, 65, ein kleiner Mann mit dichter grauer Rock-’n’-Roll-Tolle. "So ist das, wenn man als Künstler einen Archetyp erschafft: Man verliert die Autorschaft darüber."

Mit Proof setzt sich Longo mit den, wie er sagt, "Giganten" auseinander: Francisco de Goya (1746–1828) und Sergej Eisenstein (1898–1948). Dem spanischen Hofmaler, der in seinen düsteren Radierungen die Verachtung für das Feudalsystem festhielt. Und dem russischen Filmemacher, dessen stumme Propagandafilme Oktober und Panzerkreuzer Potemkin heute als Meisterwerke des Kinos gelten, der aber Probleme mit Stalin und der Zensur bekam. Beide hätten mit ihrem Werk einen "Drahtseilakt" vollführt, nah an der Macht, zu nah vielleicht, sagt Longo.

In Proof zeigt er großformatige Kohlezeichnungen von Flüchtlingsbooten und Teletubbies neben Radierungen aus Goyas Die Schrecken des Krieges und Projektionen von Eisensteins Filmen. Vollführt er, als Dritter in der Giganten-Reihe, auch einen Drahtseilakt? "Mein Drahtseilakt ist der Kunstmarkt", sagt Longo. "Das ist die Macht, mit der ich zu tun habe. Goya hatte die spanischen Könige, Eisenstein hatte die sowjetische Regierung, ich habe meine Sammler." Ivanka Trump und Jared Kushner meint er damit aber nicht. "Die haben nie etwas von mir gekauft."

Wie reagieren Künstler auf die Umstände ihrer Zeit? Das ist die entscheidende Frage von Proof. Goya habe die Gräueltaten Napoleons gegen die Spanier, die er im Zyklus Die Schrecken des Krieges festhielt, nie mit eigenen Augen gesehen. Und Eisenstein sei während der Oktoberrevolution, der er 1928 ein Denkmal setzte, nicht in Petrograd gewesen, sagt Longo. Dennoch gelten ihre Werke heute als wahrhafte Zeugnisse des historischen Geschehens. Wie schafft Kunst den Eindruck von Wahrheit? Longo fasziniert diese Frage.

"Ahmt die Kunst das Leben nach, oder imitiert das Leben die Kunst?", fragt denn auch die legendäre Chefkuratorin des New Yorker Guggenheim Museums, Nancy Spector, in ihrem Beitrag zum Katalog der Ausstellung. Spector wurde kürzlich noch ein bisschen legendärer, als sie die Anfrage des Weißen Hauses, man möge zur Schmückung von Präsident Trumps Regierungsgeschäften doch bitte einen Van Gogh aus dem Guggenheim-Bestand ausleihen, abwies und stattdessen eine voll funktionsfähige Toilette aus 18-karätigem Gold von Maurizio Cattelan anbot. Lassen sich der Macht mit Kunst die Schranken weisen?