Wladimir Putin steht gern spät auf. Vor dem Tagwerk schwimmt er ausgiebig oder geht ins Fitnessstudio. Wenn er dann ab dem späten Mittag die Berater oder Minister trifft, so meist nicht im Kreml, sondern in einer seiner zahlreichen Residenzen, die er aus der Zeit der Sowjetunion und des Zarenreiches geerbt hat. Putin will dieses Erbe wieder zum Glänzen bringen.

Das passt zum Bild, das sich viele im Westen von ihm machen: Putin restauriere die Sowjetunion, stelle das Imperium wieder her, so heißt es. Immerhin hat der Mann den Untergang der Sowjetunion als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet und 2014 die Krim nach Russland "heimgeholt". Doch die Sowjetunion ist ihm auch sehr fremd, denn er regiert ganz anders als die kommunistischen Herrscher. Früher fand die sogenannte Diktatur des Proletariats ihr Epizentrum im Politbüro. Darin saßen mächtige Männer, die zwar nie vom Volk gewählt worden waren, aber es waren immerhin mehrere. Putin dagegen lässt sich in Wahlen bestätigen, so demnächst wieder am 18. März. Er nennt die Wahl "demokratisch", doch er regiert ganz allein. Und das macht den ganz großen Unterschied aus.

Putins Amtssitz, der Kreml, war schon in der Sowjetunion zunächst Regierungssitz und später der zentrale Tagungsort der Kommunistischen Partei (KPdSU). Putin meidet diesen Ort. Wenn er nicht muss, geht er nicht hin. Die rot ummauerte Festung in Moskaus Herzen dient ihm vor allem als prächtige Empfangskulisse für Staatsgäste. Putin trifft sich mit seinen Getreuen lieber in Nowo-Ogarjowo vor den Toren Moskaus, im Konstantin-Palais, wenn er in St. Petersburg weilt, und am liebsten in den weiten Schwarzmeerpalästen von Sotschi.

Dort warten sie dann stundenlang in den Vorzimmern, die Minister, die Getreuen von der Osero-Datscha, loyale Sponsoren, die alten KGB-Kollegen aus Petersburg – und wen auch immer er zu sich vorlassen will. Oft ist sein Verteidigungsminister dabei, Sergej Schoigu, der Putin absolut treu ist und ihm vor Jahren einen noch treueren Labrador geschenkt hat. Weil Putin Außenpolitik so wichtig ist, sitzt oft auch Sergej Lawrow dabei, der stark rauchende Außenminister. Zum engsten Kreis gehören sicherlich die Chefs der Präsidialadministration und von Putin bestimmte Berater für die Ukraine, die Wirtschaft, die Wahlen. Im Kreis dieser subalternen Personen sehe sich Putin als "Person der Weltgeschichte", sagt sein Biograf Stanislaw Belkowski. "Niemand reicht an seine Erfahrung und an seine Intuition heran." Seine Herrschaft sei stark personalisiert.

Die Besetzung der Treffen wechselt. Es gibt keine Protokolle und keine Besuchsbücher. Die Zusammenkünfte haben keine Institution als Dach wie zum Beispiel den russischen Sicherheitsrat, der eher selten zusammentrifft. Putin bespricht sich lieber informell, trifft mündliche Absprachen. Was entschieden wurde, verkündet er. Wenn er will. Spuren hinterlässt er ungern.

In der Sowjetunion war das anders. Damals gab es ein Politbüro und ein Zentralkomitee (ZK) – die mächtigen Institutionen der KPdSU. Es gab Protokolle und viele Augenzeugen. Das Politbüro hatte fest ernannte Mitglieder. Selbst unter dem Diktator Josef Stalin, der Schriftliches hasste, gab es immerhin ein Besucherbuch und ein Politbüro – wenn auch ohne große Bedeutung. Nach Stalins Tod 1953 änderte sich das. Da trafen sich die sowjetischen Führer in einem Präsidium von 25 Mitgliedern, die vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei bestimmt wurden. Später nannte man das Gremium wieder Politbüro. Der Name der Institution war weniger bedeutend als der Brauch: Das Kollektiv entschied.

Der legendäre amerikanische Sowjetforscher Merle Fainsod nannte das Präsidium der fünfziger Jahre nach Stalin "eine Arena des Aushandelns". Anfang der sechziger Jahre maßte sich Nikita Chruschtschow an, wieder alles allein entscheiden zu wollen – er wurde 1964 gestürzt. Sowohl nach Stalin wie nach Chruschtschow herrschte ein Funktionärs-Triumvirat nahezu gleichberechtigter Führer. Erst mit der Zeit setzte sich Parteichef Leonid Breschnew gegen seine Konkurrenten, das Staatsoberhaupt Nikolai Podgorny und Ministerpräsident Alexej Kossygin, durch.

Entscheidungskraft zelebrieren

Doch unumschränkt herrschte Breschnew damit noch lange nicht. In der Außenpolitik zum Beispiel waren neben dem Generalsekretär andere Funktionäre prägend, der ZK-Sekretär für ideologische und der für außenpolitische Fragen, der Leiter der internationalen Abteilung des ZK, der Leiter der Abteilung für die USA und Großbritannien beim ZK und natürlich der Außenminister mit der Rekordamtszeit von fast dreißig Jahren, der gleich mehrere KP-Chefs überlebte: Andrej Gromyko. Gegen ihn war Genscher nur Episode. Wladimir Putin würde so viel Ruhm an seiner Seite nicht dulden.

Herrschaft und Einfluss waren in der Sowjetunion auf viel mehr Schultern verteilt. Es wäre übertrieben, von Checks and Balances zu sprechen, gegenseitige Kontrolle im Kollektiv trifft es besser. Breschnew hatte verschiedene Kräfte zu balancieren und traf seine Entscheidungen im Kreis der Politbüro-Mitglieder und Berater. Zum Beispiel die für den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan 1979. Der ehemalige KGB-Chef Wladimir Krjutschkow schreibt in seinen Erinnerungen, dass es "keinen alleinigen Urheber dieser Entscheidung" gegeben habe. Stattdessen habe es in dem Gremium ein "allgemeines Verständnis gegeben, dass die strategischen Interessen der Sowjetunion und Afghanistans einen solchen schweren Schritt unausweichlich machten".

Wladimir Putin hat den Einmarsch auf der Krim 2014 ganz anders beschrieben. In der Nacht des Sturzes des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch habe er mit vier Getreuen durchgearbeitet. Als er sich um sieben Uhr morgens von ihnen verabschiedet habe, habe er sie wissen lassen: "In der Ukraine hat sich die Situation so verändert, dass wir gezwungen sind, die Arbeit für eine Rückkehr der Krim nach Russland zu beginnen." Das war der Startschuss für eine Invasion, die Europa verändert hat. Von einem Mann allein.

Der russische Präsident liebt es, seine Entscheidungskraft zu zelebrieren. Das russische Fernsehen zeigt ihn regelmäßig dabei, wie er einen raffgierigen Oligarchen oder einen schwerfälligen Bürokraten zur Schnecke macht. Am besten ist die Entlassung vor laufenden Kameras, um dem Zuschauer eine Lösung für ungelöste Probleme vorzugaukeln. Putin knüpft hier nicht an die sowjetische, sondern an die russisch-imperiale Tradition an: der gute Zar, der sich der Nöte des Volkes annimmt und einen bösen Bojaren oder Bürokraten in die Schranken weist. Zugleich suggeriert er, dass die Untergebenen nur ordentlich arbeiten, wenn er das auch kontrolliert. Seine Biografen Fiona Hill und Cliff Gaddy beschrieben ihn 2012 als Russlands "Mr. Fix-it". Dem Bild eifert er noch heute nach.

Die Fernsehbilder zeigen ihn als Alleinentscheider. Wladimir Putin taucht in einer Kapsel auf den Meeresgrund, um Russland zu lenken. Er steuert ein Kampfflugzeug, er fängt einen vaterländischen Fisch in einem sibirischen Fluss, er erklärt seinen Generalen mit dem Stift auf der Landkarte, wo es langgeht, dann holt er die Krim "heim".

Als seine eigentliche Domäne sieht Putin die Außenpolitik. An ihr will er gemessen werden, hier hat er Erfolge vorzuweisen. Fragt man die Russen, warum Putin ihnen gefällt, steht Außenpolitik an erster Stelle. Die Ukraine und Syrien sind die Manövrierfelder. Amerika ist der Gottseibeiuns. Außenminister Lawrow ist ein guter Vollstrecker seiner Politik, aber niemand, der eine eigene Linie verfolgen würde wie einst Gromyko. In der Politik gegenüber China und Amerika, Europa und der Ukraine hängt alles von Putin ab, da lässt er wenig laufen, trifft täglich Entscheidungen. Dafür benutzt er keinen Befehlston, sondern legt Entscheidungen nahe, auch hier möglichst so, dass er keine Fingerabdrücke hinterlässt. Sein ehemaliger Mitarbeiter und Spindoktor Gleb Pawlowski beschreibt das so: Putin befehle nicht in grobem Ton: "Schickt Panzer in die Ukraine!" Sondern der Verteidigungsminister sage: "Ich habe da zufällig zwei Dutzend Panzer in der Nähe der Grenze, die könnten vielleicht helfen, die Situation zu lösen." Dann nicke Putin: "Nu, dawaj, no ostoroschno" – "Dann mach, aber vorsichtig!"

Was Putin dagegen langweile, sei Innenpolitik. Pawlowski sagt, er habe das Interesse an den verzwickten Fragen weitgehend verloren. Die Strukturkrise der Wirtschaft, die Budgetprobleme – das finde er alles ziemlich langweilig. Trotzdem bleibe er im Hintergrund der Gebieter. Entscheidungen, wenn sie denn fielen, würden "versteckt, unklar, hybrid" getroffen. "Putin will nicht Verantwortung für Entscheidungen seiner Minister tragen", sagt Pawlowski. Er möchte informiert sein, sich aber nicht mit Mikromanagement beschäftigen. Putin achte darauf, sich im Zweifelsfall immer auf die Ausrede zurückziehen zu können, er habe von nichts gewusst. Dinge bleiben im Unscharfen – ungeklärt. Das gibt dem Präsidenten mehr Manövrierraum. Es erklärt aber auch, warum Reformen, wie sie in Russland vonnöten wären, ausfallen.

Eine alte Lesart ist, dass in Moskau wirtschaftsfreundliche Liberale gegen die Vertreter der Sicherheitsministerien um Putins Gunst ringen würden. Die einfache Gleichung ist wohl überholt. Pawlowski sieht verschiedene Gruppen im Kampf gegeneinander. Sie konkurrierten um Entscheidungen Putins. Jeder berufe sich auf irgendein Zitat des ungekrönten Zaren, das dieser auf einem Zusammentreffen fallen ließ. So komme es, sagt Pawlowski, dass russische Institutionen in dramatischen Situationen nicht adäquat reagieren könnten. Wenn etwas schiefgeht, stehen die ausführenden Organe im Feuer, nicht der Entscheidungsträger selbst. Er steht über jeder Kritik.

Unersetzlicher Retter des Vaterlandes

Das war schon in der Sowjetunion so, der Generalsekretär war unantastbar. Aber anders als Putin wurde ihm auch widersprochen. Der Chef des USA-Kanada-Instituts, das ZK-Mitglied Georgi Arbatow, beriet mehrere Generalsekretäre und widersprach offen, wenn er etwas für falsch hielt. Er opponierte gegen die Sowjetinterventionen in Jemen, Äthiopien und Afghanistan, auch gegen die Stationierung von SS-20-Raketen gegen Westeuropa. Trotz des Protestes blieb er auf seinem Posten. Sowjetführer waren es gewohnt, mit vorsichtigem Widerspruch zu leben. Die Dialektik von Widersprüchen war schließlich ins Grundgesetz des Marxismus geschrieben. Gesellschaftlicher Fortschritt ergab sich demnach aus dem Kampf gegensätzlicher Kräfte und Tendenzen. Das beeinflusste auch die Sprachkultur, in der Rede und Gegenrede eine neue Position begründeten. In diesem Rahmen war Widerspruch ideologisch erlaubt, wenn er nicht das Ganze infrage stellte.

Nach Stalins Tod gewöhnten sich die Spitzen der KP auch daran, mit Konkurrenz zu leben. Chruschtschow sah Breschnew aufsteigen, Breschnew wurde vom Kollektiv eingehegt, seine Nachfolger Andropow und Tschernenko waren Rivalen, Gorbatschow wurde von der alten Sicherheitsgarde beargwöhnt. Der Geheimdienst KGB hat zweimal gegen einen KP-Chef konspiriert: 1964 beim Sturz von Chruschtschow und 1991 beim Putsch gegen Gorbatschow. Putin hat in 18 Jahren an der Macht keinen vergleichbaren Aufstand der Kader gegen ihn erleben müssen.

In der Sowjetunion gab es eben Wichtigeres als eine Person: Das waren die Partei und die Ideologie. Der Marxismus-Leninismus stand über persönlichen Eitelkeiten, nach der Entstalinisierung der fünfziger Jahre galt der "kult litschnosti" (Persönlichkeitskult) als verpönt. Nach den Erfahrungen mit dem Massenmörder Stalin und dem impulsiven Chruschtschow boten die Ideologie und die Institutionen von Zentralkomitee, Politbüro und Partei einen Rahmen, der schnelle, unerwartete Wendungen erschwerte. Die Sowjetunion, der Todfeind des kapitalistischen Westens, gewann in ihren letzten drei Jahrzehnten eine gewisse Berechenbarkeit. So wurde sie für den Westen zum Verhandlungspartner, sei es für die deutschen Ostpolitiker seit Willy Brandt, bei der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki 1975 oder im strategischen Ausgleich mit den USA.

Wladimir Putin arbeitet in die Gegenrichtung: Er hat die Institutionen Russlands ausgehöhlt und durch persönliche Beziehungen ersetzt. Die Duma ist den Namen "Parlament" nicht wert, seine Partei Einiges Russland wirkt im Vergleich zur eisernen KPdSU wie eine Briefkastenfirma auf Kamtschatka. An die Stelle des Glaubens an den Marxismus-Leninismus ist die bedingungslose Loyalität zum Präsidenten getreten. Der Historische Materialismus, der seit Marx den gesetzmäßigen Fortschritt der Menschheit in eine lichtere Zukunft beschrieb, ist heute durch die Einsicht ersetzt, dass der Präsident Russlands alternativlos ist. Damit aber könnte, so fürchten manche, das Putinsche System, anders als das Sowjetsystem, irgendwann zu einem jähen Ende verurteilt sein. Der heutige Duma-Vorsitzende Wjatscheslaw Wolodin bemerkte einmal: "Jest Putin, jest Rossija. Net Putina, net Rossii" – "Wenn es Putin gibt, existiert auch Russland. Ohne Putin kein Russland."

In der Sowjetunion stellte sich diese Frage gar nicht. Kaum hustete der KP-Chef, übernahm sogleich das Kollektiv. Wenn dagegen Putin für längere Zeit nicht im Fernsehen Kampfjets fliegt oder Generale und Fabrikdirektoren belehrt, machen sich alle Sorgen – nicht nur um den verschwundenen Putin, sondern um ganz Russland. Das wirkt übertrieben, denn es spricht viel dafür, dass die autoritäre Herrschaft Putins ihren Schöpfer überleben wird. Aber die Sorge um den einzigen, unersetzlichen und allmächtigen Retter des Vaterlandes mobilisiert eben viele Russen. Auf sie kommt es in den Wahlen am 18. März an, in der großen Messe zu Ehren Putins.

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