Unter unserer Treppe, die in den ersten Stock führt, gibt es einen Hohlraum, erreichbar durch eine Wandklappe. Hier lagere ich in einer großen Kiste alles, was ich im Notfall für meine Familie und mich brauche.

Ein paarmal habe ich den Fehler gemacht, Besuchern die Kiste zu zeigen und ihnen zu erklären, warum ich sie habe – immer habe ich dabei schnell hinzugefügt, dass ich nicht an die bevorstehende Apokalypse glaube, sondern mich lediglich an dem orientiere, was das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt. Vergeblich – auch wenn sie schwiegen, haben mich viele angesehen, als sei ich ein durchgeknallter Reichsbürger.

Wenigstens findet meine Cousine in Kanada es normal, dass ich diese Kiste habe. Sie wohnt an der Grenze zu Alaska und kann im Winter nur einkaufen, wenn der Yukon zugefroren ist. Zu Hause hat sie stets genug Vorräte, um zwei Jahre zu überstehen. Bei uns empfiehlt das BBK übrigens, man möge sich mit Essen und Trinkwasser für 14 Tage bevorraten.

Bis vor Kurzem hätte ich auch skeptisch geschaut, wenn mir jemand seine Notfallkiste gezeigt hätte. Inzwischen halte ich eher all jene für unwissend oder ignorant, die nicht über so etwas verfügen. Durch meinen Beruf als Journalist rede ich oft mit Leuten, die sich mit dem Thema Sicherheit befassen. Und was ich da gehört habe, ließ mich umdenken.

Einen Atomkrieg würden wir mit unseren Vorräten sicher nicht überleben, jedenfalls nicht, wenn wir ins Zentrum eines nuklearen Schlags gerieten. Aber die Kiste unter der Treppe und die Vorräte erhöhen unsere Resilienz – die Fähigkeit, eine überschaubare Krise zu bewältigen. Und wenn nichts passiert, umso besser.

Zum Beispiel will ich auf einen Stromausfall von mehreren Tagen vorbereitet sein. Dass der kommt, sagte mir ein Katastrophenschützer, sei nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann. Im Dezember 2015 waren 700.000 Ukrainer ohne Strom, nachdem Schadsoftware das Netz eines Stromversorgers manipuliert hatte; hinter dem Angriff wird eine russische Hackergruppe vermutet. Solche Cyberattacken sind Teil der neuen hybriden Kriegsführung. Die Drahtzieher sind viel schwerer zu überführen als bei einem Angriff mit konventionellen Waffen. Deutsche Sicherheitsbehörden sagen, sie wüssten, dass identische Schadsoftware auch bei hiesigen Energieversorgern platziert wurde – nur nicht, wo und bei wem. Man stelle sich vor, ein anderer Staat will uns eine Warnung schicken, beispielsweise damit wir uns aus einem Konflikt in Osteuropa heraushalten. Das Ausschalten der Stromversorgung kann dafür ein sehr effektives Mittel sein.

Wenn so etwas in meiner Heimatstadt Berlin passierte, wären die Folgen schwerwiegend: Geldautomaten, Ampeln, Straßenlaternen, Kühlschränke, das Internet – nichts würde mehr funktionieren. Geschäfte und Tankstellen wären geschlossen, Menschen säßen in Aufzügen fest. Patienten, angewiesen auf künstliche Beatmung, müssten evakuiert werden. Die Notrufe von Feuerwehr und Polizei wären überlastet, die Rettungsketten bald nicht mehr gewährleistet.