Montag, 17.15 Uhr im sogenannten Alten Einstein, einem altmodischen Berliner Café außerhalb des Regierungsviertels. Hier treffen sich Leute, die möglichst niemandem begegnen wollen, mit dem sie nicht verabredet sind, also Parteifreunden oder so. Sigmar Gabriel kommt nur unmerklich zu spät, er trägt seine gewöhnliche blaue Uniform und ist richtig geladen – mit Energie, mit Gedanken, mit Sorge. Und mit einem ziemlich schlechten Gewissen.

Der ehemalige Parteichef hält es für möglich, in diesen Tagen zum Zeitzeugen des Untergangs einer großen Volkspartei zu werden. Zeuge, nicht Täter? Gabriel winkt ab und sagt, dass die aktuelle Führung jederzeit das Gegenteil von dem gemacht habe, was er ihr geraten hat.

Die ganze Führung? Nein, so einig sind die sich nicht, außer vielleicht darin, ihn, Gabriel, wegzukriegen. Einigkeit gebe es da nur im Abschieben.

Und war es wirklich Martin Schulz, Ihr alter, nun ja, Kumpel, der Sie weghaben wollte, ist er Ihr größter Gegner? Nein, das ist ein anderer.

Dienstag, elf Uhr im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale, 6. Stock, Raum des Vorsitzenden. Es ist ein merkwürdiges Zimmer, dreieckig, Glasfenster bis zum Boden, zu hell, zu exponiert, man braucht ein großes Ego, um sich hier wohlzufühlen. In der Mitte steht der vielleicht tragischste Tisch der Republik, oval, in Buche. Hier saß man schon mit Gerhard Schröder, mit Franz Müntefering, mit Kurt Beck und mit Sigmar Gabriel, alle mehr oder weniger gescheitert beim Versuch, SPD-Vorsitzender zu sein. Nun also Martin Schulz.

Wie geht es Ihnen?

"Ich habe in meinem Leben noch viel schwerer Wiegendes erlebt und weiß daher: Man muss immer nach vorne blicken. Meine Familie und meine Freunde sind in diesen Tagen sehr wichtige Stützen."

Martin Schulz hat schlimme Tage und Wochen hinter sich. Seit der Bundestagswahl am 24. September hat die SPD-Führung, gemeinsam und einstimmig, sieben Fluchtwege eingeschlagen: Nach der bösen Niederlage am Wahltag ins große Nein. Nach dem Scheitern von Jamaika erneut ins große Nein. Dann, quasi über Nacht, plötzlich aus Angst vor Neuwahlen Flucht ins konditionierte Ja. Dann Flucht an die Basis, Parteitag, dort Rückzug auf drei rote Linien. Als die in den Koalitionsverhandlungen nicht gehalten werden konnten: Flucht in die Posten. Als die Basis dagegen aufmuckte: Flucht aus den Posten. Nun wieder Flucht in die Inhalte.

Alles wurde, wie gesagt, gemeinsam beschlossen, doch immer und immer wieder hielt vor allem Martin Schulz sein Gesicht hin. Man sieht es ihm an, er ist müde, vergrippt, geschlagen. Noch wenige Stunden, und er ist kein Politiker mehr. So viel jedenfalls steht für ihn in diesen tollen Tagen fest: dass es das war. Viele sagen mit Blick auf sein erstes Wahlergebnis als Parteichef: Trotz 100 Prozent binnen Jahresfrist auf null. Er würde sagen: Wegen der 100 Prozent auf null. Denn dass Martin Schulz vor einem Jahr einstimmig gewählt wurde, lag nicht in erster Linie an ihm, es lag an einer Partei, die um jeden Preis gerettet werden wollte. 100 Prozent Verzweiflung in der Gestalt von 100 Prozent Hoffnung. Den Hoffnungsträger hat das niedergedrückt. Aber nicht nur das.

Alle können jetzt aus dem Effeff die politischen Fehler und menschlichen Schwächen von Martin Schulz aufzählen, so wie die von allen Vorsitzenden, die schon mal an diesem unglückseligen ovalen Tisch residierten. Doch Martin Schulz hat auch eine Liste: desolate Partei übernommen; Olaf Scholz’ dramatisches Scheitern mit seinem G20-Gipfel in Hamburg; Gerhard Schröder, der sich von Putin wieder mal die Taschen füllen lässt, während Schulz landauf, landab von Solidarität spricht; Hannelore Kraft, damals als NRW-Ministerpräsidentin eine mächtige Frau in der Föderalpartei SPD, die Schulz vorschreibt, welcher Wahlkampf ihr behagt, um dann krachend zu verlieren; Peer Steinbrück, SPD-Kanzlerkandidat von 2013, der unversehens zum Kabarettisten avanciert und als Erstes wen aufs Korn nimmt? Natürlich: Martin Schulz. Und Gabriel, der auch sehr lustig sein kann. Als er im Wahlkampf gefragt wurde, wen er wählen würde, Schulz oder seine Tochter Marie, sagt er doch tatsächlich: Marie. Das hat Schulz wirklich verletzt. Und Gabriel weiß es.

Apropos Marie.

Altes Einstein. Sigmar Gabriel war wütend, als ihn ein Reporter seiner Goslarer Heimatzeitung anrief, wütend darüber, dass keiner aus der SPD-Spitze ihm irgendwie gedankt hat für seine Arbeit als Außenminister, dass man ihn kalt abserviert hat. So weit, so gut. Doch dann diese Mann-mit-Haaren-im-Gesicht-Bemerkung, angeblich von Marie, wieder Marie.

Warum, Herr Gabriel? "Das war großer Mist."