An dem Tag, an dem Olaf Scholz vorübergehend an die Spitze der SPD rückt, trifft sich Burgunde Grosse mit den Genossen ihres Ortsvereins in Berlin-Spandau. Bei Filterkaffee und Karnevalskrapfen diskutieren sie über die Eintrittspreise der örtlichen Schwimmbäder und darüber, wie man die Altstadt von Spandau seniorengerechter machen kann. Außerdem steht die Wahl eines neuen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft 60plus auf der Tagesordnung. Normalität in unnormalen Zeiten: Oben an der Spitze der Partei mag es drunter und drüber gehen, unten an der Basis geht die Arbeit weiter.

"Sozialdemokratin zu sein heißt für mich, sich zuerst um die Menschen zu kümmern, denen es nicht gut geht", sagt Burgunde Grosse, 74. Das Chaos, das die Parteiführung in den zurückliegenden Tagen angerichtet hat, macht sie fassungslos: "Ich habe mich immer gefragt, was als Nächstes kommt."

Burgunde Grosse ist seit einem Vierteljahrhundert in der SPD. Bis vor Kurzem saß sie im Berliner Abgeordnetenhaus, heute leitet sie einen Ortsverein in Spandau. 140 Genossen, elf neue Mitglieder allein in den vergangenen zwei Wochen. Als Grosse in die SPD eintrat, galt Rudolf Scharping als Hoffnungsträger; seitdem hat sie zehn Parteivorsitzende erlebt – in 24 Jahren. Die SPD hat der Sozialdemokratin Burgunde Grosse manches zugemutet, aber sie hat ihr auch viel ermöglicht.

Bald wird Grosse darüber entscheiden, ob ihre Partei in eine große Koalition eintritt und Deutschland endlich eine Regierung bekommt. Oder auch nicht. Selten haben Parteimitglieder so großen Einfluss gehabt wie die 463.723 Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die bis zum 2. März über den Koalitionsvertrag, den Union und SPD verhandelt haben, abstimmen werden. Wohl noch nie hatte eine Urabstimmung so weitreichende Folgen. Die künftige Regierung, die politische Zukunft Angela Merkels, das Schicksal der deutschen Sozialdemokratie – das alles liegt nun in den Händen der SPD-Mitglieder.

Wie deren Entscheidung ausfallen wird, ist völlig offen. Es gibt keine repräsentativen Umfragen. Aber wer sich in diesen Tagen umhört an der Basis, mit Menschen wie Burgunde Grosse und ihren Genossen spricht, der ahnt, wie schwer die Entscheidung auf der SPD lastet und wie sehr es viele Mitglieder zerreißt.

Ein Sonntagnachmittag Anfang Februar, Burgunde Grosse ist in ihrem alten Kiez unterwegs, einer Hochhaussiedlung im Berliner Westen. "Sollen wir in die große Koalition gehen?", ruft sie einer Frau mit Rollator zu, die ihr auf der Straße zuwinkt. Die Frau ruft zurück: "Solange ich nicht wieder wählen gehen muss."

Die Ungeduld ist groß, und das Unverständnis wächst. Auch das von Burgunde Grosse. Ihre politischen Überzeugungen sind eng mit dem verknüpft, was sie in ihrem Kiez erlebt hat. 35 Jahre lang hat sie selbst in einem der Hochhäuser gewohnt und ihre beiden Kinder großgezogen. Politisch war die Siedlung damals fest in sozialdemokratischer Hand. Heute, sagt Grosse, erreiche ihre Partei die Leute hier nicht mehr, die SPD habe den Bezug zu ihnen verloren: "Dabei ist das eigentlich genau unsere Klientel." Viele Sozialhilfeempfänger, Hilfsbedürftige, ältere Menschen. Aber auch: immer mehr AfD-Wähler.

Schon unter Bundeskanzler Gerhard Schröder habe der Niedergang ihrer Partei begonnen, sagt Grosse, mit der Agenda 2010 hätten die Sozialdemokraten die Arbeitnehmer damals im Stich gelassen. "Aber richtig bergab ging es mit Merkel, als wir anfingen, ständig in große Koalitionen einzutreten."