Es war der Vorgeschmack auf den Krieg, den niemand wollen kann. Am frühen Morgen des vergangenen Samstags lenkten iranische Revolutionsgarden eine Drohne in den israelischen Luftraum. Israels Streitkräfte (IDF) fingen sie ab, bombardierten daraufhin den Stützpunkt der Revolutionsgardisten. Bei dem Einsatz wurde ein Kampfbomber abgeschossen, dessen Piloten sich über israelischem Territorium per Schleudersitz retten konnten. Daraufhin startete Israel einen weiteren, sehr viel massiveren Luftangriff. Diese bislang größte direkte militärische Konfrontation zwischen Israel und dem Iran spielte sich auf dem momentan verheerendsten Schlachtfeld der Welt ab: in Syrien.

Das "Kalifat" des IS ist zerschlagen, Baschar al-Assad wohl bald wieder Herr über das Land, der Krieg flaut ab, dachte man noch Ende 2017. Tatsächlich eskaliert der Konflikt auf neue Weise. Im Norden Syriens hat sich die türkische Armee in einer Intervention gegen PKK-nahe kurdische Milizen festgebissen, die dort eine autonome Region errichtet haben. Ein Krieg im Krieg, der auch die Lage in der Türkei erhitzt. Im Osten Syriens kontrollieren ebenjene Kurden im Bündnis mit US-Truppen weite Gebiete und geraten immer häufiger in Kämpfe mit Pro-Assad-Milizen, die wiederum mit Russland alliiert sind. Der zweite Krieg im Krieg, in dem sich die militärische Supermacht mit der Möchtegern-wieder-Supermacht direkt gegenüberstehen.

Und im Süden?

© ZEIT-Grafik

Israel ist in Syrien die Interventionsmacht, die nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren hat. Nach diversen Kriegen gegen seine arabischen Nachbarn hatte es sich mit der Assad-Diktatur arrangiert, solange diese Ruhe an den Golanhöhen garantierte und nichts gegen die jüdische Besiedlung des israelisch okkupierten Teils unternahm.

Als sich jedoch nach 2011 der syrische Bürgerkrieg ausweitete und moderate Rebellen durch radikale Fraktionen verdrängt wurden, stand die Regierung Netanjahu vor einem Dilemma: Stürzt Assad, marschieren auf der syrischen Seite der Grenze womöglich islamistische Extremisten auf. Bleibt er an der Macht, breiten sich seine Verbündeten aus: der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz – beide Erzfeinde Israels.

Fall zwei ist nun eingetreten.

Irans Revolutionsgarden benutzten den Drohnenflug am vergangenen Samstag womöglich als kleine Provokation, als Botschaft: "Wir sind hier, wir bleiben, und wir tun das, weil wir es können." Für Israel war eine der "roten Linien" überschritten, die es im Verlauf des Syrienkrieges gezogen hat: keine Angriffe, kein Eindringen in israelisch kontrolliertes Territorium; keine militärische Präsenz des Irans oder von Hisbollah nahe den Golanhöhen; keine iranischen Waffen an Hisbollah, die das Kräfteverhältnis zu deren Gunsten verändern.

Gegen die Miliz hatte Israel zuletzt 2006 Krieg geführt. Auslöser war ein Angriff von Hisbollah auf israelisches Gebiet und die Entführung zweier Soldaten der IDF. Daraufhin bombardierte Israels Luftwaffe vier Wochen lang den schiitischen Süden des Libanon und Teile Beiruts – mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung und ohne größeren Schaden für Hisbollah.

Nach Angaben der Crisis Group, einer Organisation zur Konfliktprävention, hat Israel seit Anfang 2013 rund 100 Luftangriffe auf Syrien geflogen. Die meisten richteten sich gegen Stellungen der iranischen Revolutionsgarden und Waffenkonvois von Hisbollah, der jüngste von vergangener Woche auch gegen die syrische Luftabwehr. Deren Rakete hatte den israelischen Kampfbomber getroffen.

Bleibt demnach die Frage, was Russland, inzwischen De-facto-Herrscher über den syrischen Luftraum, zu alldem sagt. Israels Angriffe geschahen bislang mit Moskaus Kenntnis. Weil die USA trotz anti-iranischer Rhetorik wenig gegen Teherans Expansion in Syrien unternommen haben, verhandelt Netanjahu die Sicherheitsinteressen seines Landes nun immer öfter mit Wladimir Putin. Der duldete Israels Bombardements – auch weil sie zumindest punktuell etwas erreichten, wozu Putin selbst offenbar nicht in der Lage ist: seinen iranischen und libanesischen Verbündeten Grenzen zu setzen. Am vergangenen Samstag müssen jedoch auch im Kreml alle Alarmglocken geläutet haben. Nach Informationen der israelischen Zeitung Ha’aretz stellte Israels Luftwaffe die Angriffe kurz nach einem Telefongespräch zwischen Putin und Netanjahu ein. Ob dabei eher die Überzeugungskraft des russischen Präsidenten oder Drohungen wirkten, ist ebenso unklar wie die russische Einflussnahme auf Teheran. Weder der Iran noch Hisbollah reagierten direkt auf die israelischen Luftangriffe. Das überließ man der syrischen Armee.

Bis auf Weiteres hat sich der Konflikt wieder auf die Propaganda-Ebene verlagert. Syrische Staatsmedien, iranische Hardliner und Hisbollah feiern den Abschuss des Kampfbombers als Anfang vom Ende der militärischen Überlegenheit Israels in der Region. Israel reklamiert, innerhalb weniger Stunden die halbe syrische Luftabwehr zerstört und ein klares Signal an Teheran und Moskau gesandt zu haben.

Unbestritten ist: Die Verluste der syrischen Luftabwehr sind massiv – und ohne es zu wollen, hat Israels Luftwaffe demonstriert, wie schnell man Assads militärische Infrastruktur lahmlegen könnte, mit der er inzwischen fast täglich Massaker in der Zivilbevölkerung anrichtet. Die iranischen Revolutionsgarden werden sich genauer überlegen, ob sie ihre militärische und ökonomische Ausdehnung bis ans Mittelmeer durch einen Krieg mit Israel gefährden wollen.

Unbestritten ist auch: Viele Israelis sind nicht nur über den Abschuss des Kampfflugzeugs geschockt. In diesen Tagen verbreitet sich die Einsicht, dass ihr Land so angreifbar ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Aller "roten Linien" zum Trotz verfügt Hisbollah inzwischen über ein Raketenarsenal – vom Iran geliefert, durch Syrien transportiert –, mit dem sie Verheerung in israelischen Städten anrichten kann. Ein Krieg gegen den Iran und Hisbollah, der sich von Syrien und dem Libanon auf Tel Aviv und Haifa ausdehnen würde, ist für Israel nicht mehr führbar.

Alles spräche also für Deeskalation. Aber die braucht einen diplomatischen Rahmen, in dem man "rote Linien", Pufferzonen, Rüstungslieferungen und anderes verhandeln kann. Den könnte im Moment nur Wladimir Putin bieten. Kann oder tut er das nicht, kommt irgendwann die nächste Provokation. Und sollte der eine Kettenreaktion auslösen, hilft womöglich auch kein Telefonat mit dem Kreml mehr.