Wir brauchen Bildung, nicht Bevormundung

Vielleicht hatte Marshall McLuhan als Erster verstanden, vor welcher Bildungsherausforderung der vernetzte Mensch heute steht. Vielleicht hat dieser Magier der Medientheorie am besten beschrieben, was wir wissen müssen, um publizistische Verantwortung neu zu denken. Wir sind, so schrieb der Philosoph McLuhan schon 1964, "von den Nerven der gesamten Menschheit umgeben. Sie sind nach außen gewandert und bilden eine elektrische Umwelt." Heute trifft das zu. Alles, was geschieht, was das Nervenkostüm anderer Menschen reizt, was sie bewegt, verstört und verängstigt, vermag auch uns zu erreichen. Und alle, die online sind, verändern das Kommunikationsklima und entscheiden schon durch das permanente Plebiszit der Kommentare und Klickzahlen, der Likes und Shares, was als relevant und interessant erscheint. Der Tweet eines delirierenden amerikanischen Präsidenten? Der Tod eines Löwen, den ein Trophäenjäger in Simbabwe zur Strecke gebracht hat?

In einer Zeit, in der die Autorität des klassischen Journalismus schwindet, die Lügenpresse-Schreie lauter werden und sich Nachrichten in frei umherwirbelndes Informations-Konfetti verwandeln, ist jeder zum Sender geworden. Auch der gerade noch einsam vor sich hin rasende Wutbürger findet nun blitzschnell Bestätigung und scheinbar gute Gründe für die eigene Erregung – ohne dass seine Beweise und Belege noch eine Art offiziellen Glaubwürdigkeits- und Realitätsfilter passiert haben müssten. Kurzum: Das Ethos des Einzelnen ist heute so bedeutsam wie nie, weil alle zu Beteiligten geworden sind. Das ist die große, noch unverstandene Bildungsaufgabe der digitalen Zeit. Aber wie könnte die Ausweitung der Verantwortungszone gelingen?

In der redaktionellen Gesellschaft gehört Journalismus zur Allgemeinbildung

Eine Antwort liefert die Utopie der redaktionellen Gesellschaft. Sie kann helfen, die revolutionäre Öffnung des kommunikativen Raumes zu verarbeiten, die derzeitige Phase der mentalen Pubertät im Umgang mit den Medien der vernetzten Welt zu überwinden. Denn sie vermag das plötzlich medienmächtig gewordene Publikum genauso zu involvieren wie den klassischen Journalismus oder die Plattformbetreiber, die Informationsströme entlang ihrer Geschäftsinteressen und Sensibilitäten ("Keine Brustwarzen!") regulieren.

In einer redaktionellen Gesellschaft sind die Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung geworden, so mein Definitionsvorschlag. Sie werden an Schulen, Universitäten und bürgernahen Journalistenschulen gelehrt. Sie taugen als Wertegerüst des öffentlichen Sprechens. Man muss diese Prinzipien nicht neu erfinden. Sie liegen in Form der handwerklichen Regeln und Maximen des journalistischen Arbeitens bereits vor.

Denn was machen gute Journalisten? Sie prüfen, was sie publizieren, sie analysieren Quellen, recherchieren. Bemühen sich, die Blase eigener Vorurteile zu verlassen, sind skeptisch gegenüber großen und kleinen Ideologien, den Interessen von Informanten und dem Spin raffinierter PR-Strategen. Sie folgen dem verständigungsorientierten Credo Audiatur et altera pars ("Man höre auch die andere Seite"), zeigen also idealerweise die nötige Portion Offenheit für andere Argumente. Und schließlich gehört es zu ihren ureigenen Aufgaben, Machtmissbrauch und echte Skandale mit Entschiedenheit aufzudecken – und doch gleichzeitig die Persönlichkeitsrechte und die Unschuldsvermutung zu beachten, das Anprangern und die kleinlich-mäkelnde Dauermoralisierung von unbedeutenden Grenzüberschreitungen zu vermeiden.

Wie gesagt, das ist alles normativ gedacht. Und selbstverständlich muss man sofort hinzufügen, dass zu den Journalisten auch jene zählen, die Fotos von gerade Verunglückten organisieren ("Witwenschütteln"), Prominente bespitzeln und im Wettlauf um die Sensation Biografien zerstören. Aber die Tatsache, dass es auch korrupte und schlechte Journalisten gibt, ist kein Einwand, weil ein Ideal nicht schon durch seine Verletzung wertlos wird. Gebraucht wird das Ideal der redaktionellen Gesellschaft hingegen schon deshalb, weil es als Katalysator von Diskurs und Debatte taugt. Doch wie ließe sich die Medienmündigkeit im Konkreten fördern?

Medienkompetenz lässt sich erlernen. Am besten in einem neuen Schulfach

Es braucht, der föderalistisch zersplitterten Bildungslandschaft zum Trotz und in bewusster Ignoranz all der diffusen, von einer leblosen Floskelsprache infizierten Medienkompetenzdebatten, ein eigenes Schulfach an der Schnittstelle von philosophischer Ethik, Sozialpsychologie, Medienwissenschaft und Informatik. Dieses ließe sich als Labor der redaktionellen Gesellschaft begreifen, in dem die Mechanismen des Öffentlichen studiert werden und das publizistische Vermögen aller Beteiligten geschult wird. Man könnte hier lernen, dass Medien, von der Erfindung der Schrift, der Druckerpresse, des Telefons, des Radios, des Fernsehens oder eben des Netzes an, Wirklichkeitsmaschinen und Werkzeuge der Welterkenntnis sind, die bestimmen, was wir für wahr halten, worüber wir sprechen, wie wir Autorität begreifen. Es wäre in einem solchen Fach ein Thema, was etwa Big Data, Quantified Self, algorithmische Informationsauswahl und Microtargeting in Werbung und Politik und im eigenen Alltag bedeuten.