Notwendig wäre eine Wahrnehmungsschulung durch eine Disziplin, die ich "angewandte Irrtumswissenschaft" nennen möchte. Sie verdankt ihre Grundeinsichten den Experimenten zum Gruppen- und Bestätigungsdenken, der Analyse von Fälschungen und Fehleinschätzungen, dem historischen Studium von Vorurteilen. Ein solches Studium der Irrtumswissenschaft vermittelt, wie Wissen zustande kommt und wie manipulationsanfällig die Wahrnehmung des Menschen sein kann. "Das Wissen um dieses Wissen sollte die entscheidende Voraussetzung bilden, um unseren Geist auf die ständige Bedrohung durch den Irrtum und die Täuschung vorzubereiten, der er ausgesetzt ist", so der Philosoph Edgar Morin. "Es geht darum, den Geist im Entscheidungskampf um Klarheit zu bewaffnen." Und natürlich ginge es in einem so verstandenen Schulfach auch praktisch zu. Man würde in Zeiten global zirkulierender Fake-News und anonymer Hass-Attacken die Kunst der öffentlichen Rede einüben, Quellen einschätzen lernen, die Qualität von Argumenten im Unterschied zu Propaganda studieren. All dies getrieben von der Einsicht, dass die öffentliche Welt als der geistige Lebensraum einer liberalen Demokratie vor verbaler Gewalt, vor Manipulation und Desinformation geschützt werden muss.

Warum auch Journalisten heute einen Bildungsauftrag haben

Auf dem Weg in die redaktionelle Gesellschaft der Zukunft müssten Journalisten ihr Verhältnis zu einem medienmächtig gewordenen Publikum überdenken. Sie müssten sich von der Rolle des Predigers, des Pädagogen und des autoritär auftretenden Wahrheitsverkünders verabschieden. Man kann das Ideal eines transparent und dialogisch orientierten Journalismus anhand von zwei Imperativen formulieren. Der erste Imperativ: "Gib deinem Publikum jede nur denkbare Möglichkeit, die Qualität der von dir vermittelten Informationen einzuschätzen!" Der zweite Imperativ: "Begreif die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoß von Dialog und Diskurs."

Natürlich muss man erneut fragen, was das konkret heißt. Es bedeutet zum einen, dass man nicht bloß verkündet und in einem Jargon der Unumstößlichkeit formuliert, was man selbst für richtig und wichtig hält, sondern sich selbst berührbar zeigt und den Austausch auf Augenhöhe sucht, im Bewusstsein eigener blinder Flecken, aber auch der Grenzen des Miteinander-Redens. Und es bedeutet zum anderen, dass man die eigenen Rezepte der Quellen- und Wissensüberprüfung mitliefert, gerade in Zeiten des großen Verdachts und eines grassierenden Medienmisstrauens. Man muss – in Redaktionsblogs, Foren, sozialen Netzwerken, durch Netztutorials, die Veröffentlichung von Rohmaterialien – erklären, was man warum auswählt. Es gilt, Ungeklärtes und noch Offenes zu benennen, eigene Fehler transparent zu machen und zu begründen, warum guter Journalismus Geld kostet und wie die Ökonomie der Qualität funktioniert. Die Aufklärung über die Gesetze der eigenen Branche ist der unvermeidliche Zweitjob von Journalistinnen und Journalisten, die kollektive Medienmündigkeit als Ziel begreifen. Am Ende könnten von dieser Öffnung der Profession alle profitieren: die vernetzten Vielen, die längst zur fünften Gewalt geworden sind. Und der organisierte Journalismus selbst, der das Vertrauen seines Publikums notwendig braucht.

Soziale Netzwerke müssen reguliert werden. Von einem Plattformrat

Soziale Netzwerke wie Facebook, Suchmaschinen wie Google und Dienste wie Twitter sind Zwitter-Medien, publizistische Machtinstanzen in einem schwer fassbaren Grau- und Grenzbereich. Mal geben sich ihre Betreiber neutral und tun so, als seien ihre Algorithmen stumpf vor sich hin rechnende Gerechtigkeitsautomaten, die mechanisch Informationen sortieren. Dann wieder wird bekannt, dass sie mehr oder minder willkürlich redaktionelle Entscheidungen treffen, Todesdrohungen und Hass-Postings ignorieren, aber die Löschanträge von einzelnen Lobbygruppen bevorzugt behandeln.

Damit stellt sich die Frage: Wie könnte eine transparente, die Urteilsfähigkeit des Einzelnen fördernde Plattform-Regulierung aussehen, die sich zwischen den gleichermaßen schlechten Extremen von Gesinnungsvorgabe und gleichgültigem Laisser-faire bewegt?

Mein Vorschlag: Plattform-Monopolisten müssen sich eigene, detailliert ausbuchstabierte Richtlinien und Ethikkodizes geben, die der öffentlichen Diskussion zugänglich sind und von ihr entscheidend mitgeprägt werden. Sie brauchen in jedem Land Ombudsgremien des Publikums. Sie benötigen Öffentlichkeitsredakteure, die den Dialog mit dem Publikum pflegen. Nötig ist zu diesem Zweck eine Art Plattformrat, angeregt vom Modell des Presserats. Diese Institution könnte als Schiedsrichter fungieren, der Diskurs- und Transparenzpflichten einfordert, Formen der Desinformation und des Missbrauchs offenlegt und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung dokumentiert.

In einem solchen Plattformrat kämen Plattformbetreiber, Journalisten, Verleger, Wissenschaftler, Juristen und Vertreter der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammen. Die Debatten und die angeblichen oder tatsächlichen Verletzungen von Standards müssten von den Plattformen selbst veröffentlicht, von unabhängigen Wissenschaftlern geprüft und den Nutzern prominent zugänglich gemacht werden.

Das breite Publikum würde so für den Einfluss von Algorithmen, die unterschiedlichen Spielformen der Manipulation (Social Bots, Dark Ads et cetera) und die Effekte der Monopolbildung in der öffentlichen Welt sensibilisiert – auf dem Weg zu einem bewussteren, mündigeren Umgang mit den Medien der digitalen Zeit.

Die Debatte um Fake-News sollte nicht auf das Juristische verengt werden

All diese Versuche, auf Bildung und nicht auf Bevormundung zu setzen, sind mühsam, anstrengend und im Letzten unberechenbar. Aber was wäre die Alternative? Es wäre fatal, wenn die spürbare Nervosität über den desolaten Zustand der öffentlichen Welt jenen Antiliberalen weiter Auftrieb verliehe, die den Wahrheitspaternalismus schon immer für eine gute Idee gehalten haben. Und es wäre falsch, die Debatte über die Regeln der öffentlichen Kommunikation, wie dies jetzt bereits durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz geschieht, auf das rein Juristische zu verengen. Das Recht hat seinen guten Zweck. Aber es ist nur das letzte Mittel, wenn die ethisch-moralischen Maßstäbe zu schwach geworden sind. Heute, da sich Autoritäre und Autokraten als Profiteure der Netzmanipulation entpuppen und Medienmündigkeit zur Existenzfrage liberaler Demokratien geworden ist, käme es darauf an, diese Maßstäbe zu stärken.