Kleine Glosse über eine akademische Unart

"Ich möchte an dieser Stelle meiner Frau für ihre engelsgleiche Geduld danken: All die furchtbaren Stunden, Tage, Wochen, die ich nervös und gereizt mit Gedanken und Formulierungen gerungen habe – nicht nur ich, auch sie hat es überlebt!"

Eigentlich müsste jeder Text, egal, wo er erscheint und worum er sich dreht, mit einem solchen Satz beginnen; das Wort "Frau" lässt sich natürlich durch Mann, Freund, Freundin, Mitbewohner oder Hund ersetzen, aber ansonsten dürfte nichts am Satz geändert werden, weil Schreiben nun mal ein anstrengendes Geschäft ist und ein hohes Maß an Konzentration erfordert, die notwendig mit Formen der Vernachlässigung einhergeht von allem, was sich jenseits der Schrift abspielt.

In der durch Literatur geprägten Epoche der Gutenberg-Galaxis konnte man allerdings davon ausgehen, dass jeder weiß, wie es sich mit Schreibenden verhält. Wer sich ihnen dennoch näherte, der hatte selbst Schuld und den Schaden zu tragen, folglich brauchte sich der Schreibende nicht fortwährend mit Danksagungen zu entschuldigen.

Damit ist es nun vorbei. Ein unwürdiges Schauspiel hat sich an den Hochschulen ausgebreitet. Professoren schreiben hochwissenschaftliche Werke über den spekulativen Realismus, über Strukturfunktionalismus oder Rechtspositivismus – und stottern dann im Vorwort herum, wem sie alles zur Last gefallen sind, dass sie an ihrer Mutter hängen oder sich überglücklich schätzen, ihr Buch an die Nachwelt adressieren zu können respektive an ihren dreijährigen windelnässenden Spross.

Mittlerweile ist diese Unsitte auf die Studierenden übergegangen. Man hört, dass auch Hausarbeiten mit Widmungen versehen werden: "Danke, Tobias", "Für Luise", "Meinen Eltern". Irgendwie rührend und peinlich zugleich: die Diskrepanz zwischen dem nichtigen Gegenstand – sagen wir, einer stilistisch klappernden wirtschaftsgeschichtlichen Arbeit von zehn Seiten über die Rolle der Mühle im ausgehenden 17. Jahrhundert – und dem hochfliegenden Gestus des Widmens.

Das eigentliche Problem ist aber ein anderes: Am allgemeinen Hang zur Widmung lässt sich ein allgemeiner Niedergang der Schriftkultur herauslesen. Weil die Werke selbst auf immer weniger Verständnis stoßen, weil sie gesellschaftlich immer weniger zählen, muss sich wenigstens der Schreiber als netter, mitfühlender Mensch empfehlen – und Abbitte dafür leisten, dass er zeitweilig aus der Gesellschaft herausgetreten ist, während er sich seinem Text gewidmet hat.

Jetzt, wo das Semester zu Ende ist und die Studierenden zum Schreiben ihrer Arbeiten in Klausur gehen, sich die Haare raufen und unleidig aufführen, sei darum Folgendes geraten: Leisten Sie Abbitte nicht bei Ihren Mitmenschen und schon gar nicht bei der Nachwelt. Wenn Schreibende irgendjemandem etwas schuldig sind, dann den Vorgängern und Vordenkern. Diese Riesen, auf dessen Schultern man steht, brauchen keine Widmungen, sondern einen klugen Kopf, der ihr Werk fortschreibt. Das ist Abbitte genug.