Plötzlich, als wir uns über seine Kindheit unterhalten, bricht diese Geschichte aus ihm heraus: Als kleiner Junge habe er sich einmal zwei Tage lang in einem Schrank versteckt, sagt Willem Dafoe. Mit Taschenlampe und Lebensmitteln. Nur zum Pinkeln sei er nachts heimlich herausgekommen. Das Verrückte: In dem chaotischen Haushalt der Familie – Dafoe hat sieben Geschwister – habe niemand sein Fehlen bemerkt.

Die prägende Kindheitserfahrung des Vergessen- und Übersehenwerdens: der Urgrund für das schauspielerische Ringen um Aufmerksamkeit? Wie hat sich Willem Dafoe im Schrank gefühlt? "Gar nicht so schlecht", sagt er. Er habe die zwei Tag als Übung gesehen. "Als Exerzitien, um sich dem Alleinsein und der Angst vor der Dunkelheit zu stellen."

Ohnehin wirkt er wie jemand, der ständig Extremes vor oder hinter sich hat. Sein an ein Renaissance-Porträt erinnernder Charakterkopf. Tiefe Linien und Furchen, die sich zu einer Art Willenslandschaft fügen. Schon als junger Mann sah Willem Dafoe aus wie ein Eremit, der gerade aus der Wüste kommt.

Der Junge aus dem Schrank wurde zum Extremschauspieler des amerikanischen Kinos. Kaum ein anderer ist auf der Leinwand so oft, so schön, so wild, so brutal und so hingebungsvoll gestorben wie Willem Dafoe. Und was ließ er sich nicht alles von seinen Regisseuren antun: In Oliver Stones Vietnamkriegsfilm Platoon wird er als GI von einem Kameraden angeschossen und dann von den Kugeln der Vietcong zerfetzt. Nach einem langen Todeslauf stirbt er wie ein Erlöser mit zum Himmel gereckten Armen. Martin Scorsese macht ihn in Die letzte Versuchung Christi zum Heiland, nagelt ihn nackt ans Kreuz und lässt ihn mit verdrehten Augen sterben. In dem erotischen Gerichtsthriller Body of Evidence hat er als Anwalt eine sadomasochistische Liebesszene mit seiner Mandantin, gespielt von Madonna. Sie träufelt ihm heißes Wachs auf die entblößte Brust und den Penis. In Lars von Triers Antichrist, einer Mischung aus Horrorfilm und Therapiesitzung, schlägt ihm Charlotte Gainsbourg die Hoden mit einem Holzklotz zu Brei.

Fast alle diese Szenen sind auf der Berlinale zu sehen, die Dafoe ihre Hommage widmet. Geehrt wird ein Schauspieler, der am liebsten an der wilden, struppigen Peripherie des amerikanischen Kinos arbeitet oder mit großen Autorenfilmern, die ihm ihre eigenen Abgründe auf den Leib schreiben: Scorsese, Paul Schrader, David Lynch. An Dafoes sehnigem Körper vermögen amerikanischer Familienkitsch und Patriotismus nicht zu haften, seine Männlichkeit ist zu feinnervig, um sich mit den gängigen Geschlechterbildern des Kinos zu verbünden. Wenn er sein zerfurchtes Gesicht Bösewichten leiht, etwa in Blockbustern wie Spiderman und Speed 2, verzerrt es sich zu furchterregend archetypischen Fratzen. "Die blasshäutige schöne Verkörperung des puren Bösen", schreibt die Village Voice.

Es kann einen frösteln beim Gedanken an Bobby Peru in Lynchs Wild at Heart, dem poppigen Albtraum einer Liebesgeschichte. Als Bobby mit dem widerlich braunen Gebiss bedrängt er die blonde Lula (Laura Dern) durch Blicke und Worte – und zieht sie für einen Augenblick in seinen Abgrund. Dafoe spielt diesen Kriminellen auf so hypnotische Weise abstoßend, dass sein Selbstmord wie eine Katharsis wirkt: Eingekreist von Polizisten, schießt sich Bobby den eigenen Kopf vom Hals. Selbst sein eher konservativer Vater sei ein Fan von Bobby Peru, sagt Dafoe. "Er klopft mir noch heute auf die Schulter und sagt, dass er diesen Film mag, in dem ich den Vergewaltiger spiele." Dafoe lacht. Es ist ein kehliges, ausgelassenes Lachen, fast ein bisschen dreckig, so wie von einem kleinen Jungen, der einen schmutzigen Witz erzählt hat. Während die Interviewerin noch an Bobby Peru denkt, der unablässig lächelt, als er der erstarrten Lula Gewalt antut, sagt Dafoe, dass er das Gefühl habe, seine bösartigen Figuren vor klischeehafter Erstarrung beschützen zu müssen. "Tugendhafte Figuren machen mich misstrauisch, denn sie liegen nicht in unserer Natur. Wir leben mit dem Makel, darin liegt auch eine gewisse Schönheit."

Mehr als hundert Filme hat Willem Dafoe gedreht. Die Frage, weshalb so viele abgründige Gestalten unter seinen Figuren sind, beantwortet er so: "Schon als Jugendlicher hatte ich einen natürlichen Hang zur Transgression, zu Menschen, die Regeln überschreiten. Für ein schulisches Dokumentarfilmprojekt habe ich einen Satanisten, einen Drogendealer und einen Nudisten interviewt. Das waren mit Abstand die interessantesten Typen in unserer Stadt. Als die Lehrer die Interviews im Schneideraum entdeckten, gab es einen Skandal, dabei wollte ich das pornografische Material nicht einmal verwenden." Was macht man in Appleton, Wisconsin, wenn man gerade von der Schule geflogen ist und einen gewissen Hang zur Kreativität verspürt? Man geht nach New York und gründet eine experimentelle Theatertruppe.

Die Wooster Group war die Vorreiterin des modernen Regietheaters und eine der einflussreichsten Theatergruppen der nächsten Jahrzehnte. Sie habe ihn als Darsteller geformt, sagt Dafoe. "Unsere Bühne war eine Hexenküche, in der wir amerikanische, japanische, afroamerikanische Theaterstile verbanden. Wir montierten Theaterstücke von Anton Tschechow, Eugene O’Neill, Jean Racine neu, dachten sie weiter mithilfe von Licht, Video, Musik. Es war eine andere, offene Idee der Performance, ein vor allem körperlicher Ansatz. Es ging um Aktion, Tanz, Tat und Bewegung." Fast dreißig Jahre lang war Dafoe Teil der Wooster Group, mit deren Mitbegründerin Elizabeth LeCompte ihn eine ebenso lange Liaison verband. Auch heute noch spielt er Theater, zuletzt mit Robert Wilson und Marina Abramović, die ja ebenfalls zwei große Exerzitienmeister sind. Wenn er vom Theater spricht, wirkt er entflammt, glücklich, er beschwört das Hier und Jetzt des physischen Moments: "Auch vor der Kamera fühle ich mich manchmal mehr als Tänzer denn als Schauspieler." Was er damit meint, kann man in dem australischen Film The Hunter sehen, dessen Vorführung sich Dafoe für den Abend der Berlinale-Preisverleihung gewünscht hat.