Es ist erst drei Wochen her. Das World Economic Forum hielt sein großes Treffen in Davos ab, und Siemens-Chef Joe Kaeser stellte sich auf einer Bühne den Fragen der ZEIT. Das Generalthema sollte sich als weitsichtig erweisen: "Werte unter Druck – Die Rolle der Ethik im Business".

Der Vorstandsvorsitzende von Siemens redete viel von Verantwortung, zum Beispiel derjenigen für die Mitarbeiter der Gasturbinen-Produktion im ostdeutschen Görlitz, die der Konzern mangels Aufträgen schließt. "Wir werden diese Menschen nicht im Stich lassen", sagte Kaeser. Man fühle sich sozial verpflichtet und werde alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Görlitz eine Zukunft zu geben. Der Chef ist auch sonst einer, der sich um soziale Fragen kümmert und sich beispielsweise ein Grundeinkommen wünscht – ganz nach Siemens’ Motto, sich in seiner sogenannten Eigentümerkultur "um jeden Einzelnen zu sorgen".

Gut 24 Stunden später sitzt derselbe Mann links neben dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump beim Dinner mit 15 Unternehmenschefs. Und er kommt als Erster von ihnen dran. Ein wichtiger Moment: Joe Kaeser wird den Ton setzen für eine Runde, in der sich zeigt, wie sich die europäische Konzernwirtschaft gegenüber einem fragwürdigen Präsidenten benimmt. Und Joe Kaeser fällt nichts Besseres ein, als Trump zu seiner Steuerreform zu gratulieren. "Glückwunsch", sagt er wörtlich – und dass Siemens nun Gasturbinen in Amerika bauen werde.

Die extreme Senkung der Unternehmensteuern, die Kaeser meint, ist selbst fragwürdig. Sie stürzt die Vereinigten Staaten in Schulden und droht einen neuen Steuersenkungswettlauf in den Industrieländern auszulösen, unter dem vor allem die Ärmeren zu leiden hätten.

Auch ein Grundeinkommen wäre durch die geringeren Einnahmen schwieriger zu finanzieren. Aber selbst wenn Kaeser das anders sehen mag, könnte der Siemens-CEO sagen: Tolle Steuerreform, aber Ihre Einwanderungspolitik, Herr Präsident, die ist nicht das Gelbe vom Ei. Tut er aber nicht, genauso wenig wie die anderen in der Runde.

Der Kreis schließt sich mit dem Mann rechts von Trump, dem SAP-Vorstandsvorsitzenden Bill McDermott. Der Software-Konzern SAP kommt aus Deutschland, sein Chef aus Amerika. Auch er bedankt sich, und zwar für den "Schwung", den der Präsident in die Weltwirtschaft gebracht habe. "Wir freuen uns darauf, Ihnen zu helfen, wo wir nur können", schließt er seine Huldigung.

Wer sich im Ausland duckt, dem nimmt man die Moral zu Hause nicht mehr ab

Natürlich haben Großkonzerne wie Siemens und SAP ihre wohlformulierten Wertekanons. Und ihre Topmanager meinen es auch durchaus ernst mit ihrer Moral – bis irgendwo ein mächtiger Politiker mit Niedrigsteuern und Aufträgen winkt. Oder aber mit Absatzrückgängen droht.

Doch mit Werten ist das so eine Sache. Entweder sie sind universell, oder sie taugen nicht viel.

Der Chef eines anderen deutschen Industrieriesen, Dieter Zetsche von Daimler, hat sich in Sachen Ethik auch gerade eher widersprüchlich verhalten. Diese Woche bewies er in der Süddeutschen Zeitung demokratische Achtsamkeit, als er vor rechtsnationalistischen Betriebsräten in den Autokonzernen warnte. Eine ihrer Gruppierungen hat im Stammwerk von Daimler schon fast zehn Prozent der Sitze erreicht. "Wir verfolgen diese Entwicklung mit Sorge", so Zetsche. "Das lässt uns nicht kalt."

Was Daimler indes kaltzulassen scheint, ist der Dalai Lama (siehe "Kotau vor Peking"). Dessen Aufruf, die Situation von allen Seiten aus zu betrachten, hatte Daimler in einer Werbung benutzt – und sich natürlich den Zorn Pekings zugezogen. Auf den ersten, eher diplomatischen Fehler folgte ein zweiter, strategischer: Der Konzern entschuldigte sich eilig, und als Peking nicht zufrieden war, entschuldigte er sich noch einmal und bereute seinen "unsensiblen Fehler" zutiefst. Daimler warf sich in den Staub.

Werte zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass sie keine Frage von Angebot und Nachfrage sind. Wer dem amerikanischen Präsidenten oder dem chinesischen Staat mit Unterwerfungsgesten begegnet, dem nimmt man die Moral nicht mehr ab. Nicht, wenn er in kleineren Ländern saubere Praktiken verlangt – dort, wo es nicht so viel kostet. Und auch nicht, wenn er zu Hause seinen Wertekanon hochhält.

Wo das staatsbürgerliche und das moralische Argument nicht reichen, um die eigenen Werte konsequent zu vertreten, kann vielleicht die langfristige Kosten-Nutzen-Rechnung helfen. Natürlich lässt sich ein Konzern kurzfristig Gewinne entgehen, wenn seine Topmanager auf den Kotau gegenüber den Mächtigen verzichten. Aber auf die Dauer macht er sich dafür gegenüber Potentaten weniger angreifbar.

Das ist ja gerade der Charme von Werten: Man lässt nicht alles mit sich machen – und macht auch selbst nicht alles mit.