Warum bloß legt Janaina diesen Döner nicht aus der Hand? Schließlich soll sie über den rostigen Zaun klettern. Aber sie steht nur gleichgültig da und kaut, in Shorts und Sneakers, müde von der letzten Nacht. Sie hat nicht viel geschlafen, ihre Augen sind rot.

Es ist heiß an diesem Augustwochenende im Sommer 2016. Schweiß läuft ihr über die Schläfe, die langen schwarzen Haare hängen über ihren Schultern. Dann setzt sich Janaina endlich in Bewegung. Mit dem Döner in einer Hand greift sie nach einer Metallstange, zieht sich hoch – und rutscht ab.

"Fuck", ruft sie.

Abbie, Joy und Emily lachen. Neben Janaina sind sie die Hauptfiguren von Yung, dem Film, der hier gedreht wird. Die vier sind Laiendarstellerinnen, gerade haben sie ihr Abitur gemacht, nur Joy geht noch zur Schule. Auf der anderen Seite des Zaunes liegt das Gelände des ehemaligen "Berliner Luft- und Freizeitparadieses", ein verwaistes Schwimmbad in Neukölln. Zwischen Graffiti, Vogelkot und Glasscherben soll hier eine Szene entstehen: ein Sommertag nach einer Partynacht. Eine Drehgenehmigung gibt es nicht, alles muss schnell gehen. Aber dafür müssen sie erst mal über den Zaun.

"Zack, zack, rüber da!" Alle drehen sich um. Auftritt Henning Gronkowski. Der Drehbuchautor, Regisseur und Produzent von Yung kommt über einen Schotterweg herangehumpelt. Er trägt eine schmale Sonnenbrille, das weiße Hemd ist halb offen. Sein Knie ist entzündet, das rechte Bein steckt in einer viel zu großen Schiene. Stress, sagt sein Arzt. Er lässt zwei schwere Taschen mit Proviant und Requisiten auf den Boden fallen und legt Janaina väterlich die Hand auf die Schulter. "Aufgeben läuft nicht", sagt er.

Eineinhalb Jahre später, im Dezember 2017, hat Gronkowski, 29 Jahre alt, immer noch Stress, aber keine Schiene mehr am Bein. Er spürt langsam auch eine gewisse Erleichterung. Produktion und Postproduktion von Yung sind durch. Jetzt wartet er darauf, dass das Ding abhebt. Sein erster großer Film. Erst mal die internationalen Festivals, dann Mitte 2018 der Start in Deutschland. Er hofft auf einen Skandal.

Yung soll eine Art deutsches Kids werden, ein Film über junge Menschen, die Drogen nehmen und Sex haben. Nur halt in Berlin, nicht in New York. Roh soll der Film sein, schockierend. Und eine Emanzipation von seinem Mentor Klaus Lemke, Regisseur von Filmen wie Rocker in den siebziger Jahren. Der hat Gronkowski entdeckt. Von Lemke hat er gelernt, wie man erfolgreich provoziert.

Gronkowski atmet laut aus und wirft seine Jacke auf einen Stuhl. Er hat einen Tisch im Diener Tattersall reserviert, einer alten Künstlerkneipe in Berlin-Charlottenburg. Er redet schnell, eine Anekdote jagt die nächste. Zweimal Königsberger Klopse wird er verschlingen, hintereinander, dazu jede Menge Pils.

Er fühlt seine Jacketttaschen ab, betastet seine Brust. Schließlich findet er seine Zigaretten und knallt sie mit einer ausladenden Handbewegung auf den Tisch. An der Wand hängen Schwarz-Weiß-Bilder von Berliner Boxern. "Schätzelein, machst du uns zwei Halbe?", ruft er der Bedienung zu. "Na aber sicher, Kleiner." Hier ist er oft, seine Wohnung liegt in der Nähe. Er fährt sich mit der Hand durch die Haare, wirft der Frau am Nebentisch noch ein forderndes Lächeln zu und spielt mit dem Metallkreuz, das an einer langen Kette um seinen Hals baumelt.

Gronkowski redet und benimmt sich wie jemand, dem es egal ist, was die Leute über ihn denken. Oder wie jemand, der sehr bedacht darauf ist, so zu wirken.

"Du willst wissen, wie alles angefangen hat?" Er hat drei schnelle Zigaretten weggeraucht und bestellt noch ein Bier nach. "Es ist so: Der hassle mit den Frauen hört einfach nie auf", sagt er.

Hamburg, Juni 2006. Mit fünf Jungs und der Regionalbahn kommt der Schneverdinger Schüler Henning Gronkowski aus der Lüneburger Heide eingefahren, um zu feiern. Es ist Sommermärchen, WM, Deutschland schlägt Argentinien. "Die Stadt war on fire, ich sag’s dir!"