Wenn Christoph Weemeyer unter Stress gerät, sieht er aus wie ein Erdmännchen auf der Ausschau nach Feinden. Dann schnellt sein Kopf hoch, dann geht er in Alarmhaltung, dann scannt er rasend fix und hoch konzentriert die Gegend: Wer hat "Nazi-Jargon" gerufen, wer "Kauft deutsche Bananen"? Wo kommt das Lachen her? Wer klatscht? Wer johlt? Wie laut?

Es gab Zeiten, sie sind noch nicht lange her, da blieb Weemeyers Kopf meist unten. Jetzt schnellt er pausenlos hoch. Weil sechs statt nur vier Fraktionen im Bundestag sitzen. Weil die AfD mit 92 Abgeordneten eingezogen ist. Weil nun dauernd die Worte "Flüchtlingsmassen" und "deutsches Volk", "Rassismus" und "rechte Hetzer" fallen – und Weemeyer dann mitbekommen muss, wer sich wo wie empört. Das muss alles ins Protokoll.

Weemeyer, ein 37-jähriger Schlaks mit blondem Strubbelbart, arbeitet als Stenograf im Deutschen Bundestag, seit 2003 macht er das. So sehr Erdmännchen wie heute war er nie.

Weemeyers Dienstsitz ist der leicht geschwungene Tisch, der, etwas nach unten versetzt, wenige Meter vorm Rednerpult im Plenarsaal steht. Hier, mit der Regierungsbank im Rücken und den Abgeordneten vor Augen, bekommen er und seine Kollegen mit, was anderen verborgen bleibt. Sie registrieren die Ausschläge, sie halten die Erschütterungen fest. Die Mitschreiber vom Parlamentarischen Dienst sind die Seismografen der Politik.

Noch hat Deutschland keine neue Regierung. Seit Monaten bewegen sich die Abgeordneten in einer parlamentarischen Zwischenwelt, in der die Rollen nicht klar verteilt sind, die politischen Fronten wechseln. Noch tritt die Kanzlerin nur bei Fest- oder Gedenkstunden auf, noch hält sich die Fraktions-Prominenz zurück. Politischer Betrieb im Aufwärmmodus. Doch die Seismografen verzeichnen bereits heftige Ausschläge.

Wenn man auf der Zuschauertribüne Platz nimmt, sich alle zwölf Sitzungen seit dem 24. Oktober 2017, seit der Konstituierung des 19. Bundestages, anschaut; wenn man sitzen bleibt, wenn alle anderen gehen – dann spürt man diese Ausschläge. Und auch die Erschütterungen.

Am 19. Januar debattieren die Parlamentarier auf Antrag der Grünen das Thema "Familiennachzug auch zu subsidiär Schutzbefohlenen ermöglichen". Der Sozialdemokrat Burkhard Lischka beginnt seine Rede mit dem Satz: "Vor gut zwei Jahren arbeitete Khalid noch als Maurer in Syrien ..." – ein lang gezogenes "Ooooooooooh" aus 92 Kehlen stoppt ihn. Als die Linke Ulla Jelpke versucht, von einem jugendlichen Flüchtling aus Syrien zu berichten, der in den Kriegswirren ... wieder dieses lang gezogene "Ooooooooooh".

So geht es weiter. Wenn in einer anderen Debatte ein CDU-Mann von "erfolgreichen Grenzschutzmaßnahmen" spricht; wenn eine Grüne sagt, viele Syrer würden eine Arbeit aufnehmen und Freundschaften schließen; wenn ein Sozialdemokrat meint, die Mehrzahl der Flüchtlinge würde gern in ihre Heimat zurückkehren; wenn eine Liberale in den Saal ruft, Übergriffe gegen Frauen seien kein Problem einzelner Gesellschaften oder einer Religion – immer dann dröhnt ihnen schallendes Gelächter entgegen. Ätzender Hohn von ganz rechts.

Der Stenograf Weemeyer schrieb früher oft in seine Protokolle: "Heiterkeit bei der Union", "... der Linken", "... der SPD", "... den Grünen". Jetzt steht da fast nur noch "Lachen".

Lachen, um lächerlich zu machen, das hat es im Bundestag schon immer gegeben, zimperlich war man nie. Doch jetzt breitet sich das Hohngelächter mit jedem Sitzungstag weiter aus, es plustert die einen von Mal zu Mal ein bisschen mehr auf und schüchtert die anderen von Mal zu Mal ein bisschen mehr ein. Das Hohngelächter ist zu einer anschwellenden Begleitmusik der Verachtung geworden.

In der AfD-Fraktion sind 82 Männer, sie tragen stets Anzug und Krawatte. An Sitzungstagen marschieren die 82 Männer gemeinsam mit den zehn AfD-Frauen in den Plenarsaal. Präsenz zeigen, in voller Stärke da sein, gehört zur Taktik. Wenn die 92 AfDler Platz nehmen, formt sich eine Wand aus Anzügen. Man muss schon genau hinsehen, um die zehn kleinen bunten Flecken darin zu erkennen. Punkt neun Uhr, wenn’s losgeht im Bundestag, sitzt die AfD, und die Wand ist bereit. Wenn aus ihren 92 Bausteinen das Gelächter losbricht, bekommt die Wand etwas Bedrohliches.