Eigentlich sind wir beim Training verabredet, im Keller der Gangneung Ice Arena, wo die olympischen Eiskunstläufer nach einem strikten Stundenplan an letzten Feinheiten arbeiten dürfen.

Nach ihrer Weltrekordkür vom vergangenen Donnerstag wollen Aljona Savchenko und Bruno Massot, von allem Wettkampfdruck erlöst, an ihrem Programm für das Schaulaufen der Olympiasieger am Schlusstag der Spiele feilen.

Doch dann die Nachricht: Aljona ist krank. Zum Glück nicht zu krank für ein Videotelefonat aus ihrem kargen Zimmer im olympischen Dorf.

DIE ZEIT: Frau Savchenko, wie geht es Ihnen?

Aljona Savchenko: Es tut mir alles weh. Eigentlich hat sich während des Wettkampfs alles gar nicht so schwer und anstrengend angefühlt. Aber vielleicht kommt erst jetzt all das raus, was sich vorher angesammelt hat. Das Gefühl, wenn so ein Traum in Erfüllung geht, ist letztlich unbeschreiblich.

ZEIT: Sie sind jetzt seit einer Woche Olympiasiegerin. Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?

Savchenko: Gar nicht! Ich bin die geblieben, die ich war. Natürlich freue ich mich. Aber ich hatte, ehrlich gesagt, noch gar keine Zeit, zu realisieren, was da wirklich passiert ist.

ZEIT: Haben Sie zielstrebig auf diesen Moment hingearbeitet, seit Sie im Alter von vier Jahren mit dem Eislaufen begonnen haben?

Savchenko: Irgendwie schon. Die Ziele kommen mit der Zeit. Wenn man etwas gewonnen hat, will man das Nächstgrößere gewinnen. Schon als Kind hatte ich den Traum, alles zu gewinnen. Und dann heißt es: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Und dann wird der Traum wahr.

ZEIT: Fühlt sich der Olympiasieg so an, wie Sie es sich erträumt haben?

Savchenko: Ich habe mir in meinem Kopf immer vorgespielt, die beste Kür aller Zeiten zu zeigen, etwas, das man noch nie gesehen hat. Den perfekten Lauf. Das war das Ziel. Alles andere, der Moment auf dem Siegerpodest, die Medaille, kommt dann automatisch dazu. Und nun kann ich sagen: In Wirklichkeit fühlt es sich noch schöner an.

ZEIT: Wie viel Schmerzen haben Sie in den Trainingsstunden erdulden müssen für diesen perfekten Moment?

Savchenko: Wenn man ein Element übt und runterfällt aufs Eis, tut es schon weh, klar. Aber das gehört dazu, das ist normal. Heute habe ich andere Schmerzen. Ich habe alles gegeben, jetzt bin ich leer.

ZEIT: Mit Ihrer Kür haben Sie weltweit Menschen zum Weinen gebracht. Was bedeutet Ihnen das?

Savchenko: Ich freue mich. Natürlich nicht darüber, dass Menschen weinen. Aber dass ich ihnen ermöglicht habe, Freudentränen zu vergießen. Ich selbst weine seit drei Tagen! Jedes Mal, wenn ich ein Video oder ein Foto von der Kür anschaue, kommen mir die Tränen. Deshalb versuche ich, es so weit wie möglich von mir wegzuhalten. Irgendwann kann ich nicht mehr weinen.

ZEIT: Haben Sie sich Ihren Lauf inzwischen noch einmal in Ruhe angesehen?

Savchenko: Zwanzigtausendmal, glaube ich! Die Elemente waren alle sehr, sehr gut. Bei manchem aber würde ich sagen, das hätte ich noch besser machen können, Kleinigkeiten beim Ausdruck. Da muss ich mich schon kritisieren.

ZEIT: Ihre Kür war weit mehr als Sport, sie ist ein Kunstwerk. Welche Botschaft hat es?

Savchenko: Unsere Musik stammt ja aus dem Film Die Erde von oben. Wir wollten alles zeigen, was Natur und natürlich ist. Alle unsere Bewegungen auf dem Eis sind ganz natürlich. Unendlichen Frieden wollten wir ausdrücken. Dass es die Erde nur einmal gibt. Und dass die Menschen das schätzen sollen.

ZEIT: Wie sind Sie auf die Musik gekommen?

Savchenko: Der Vorschlag kam von Brunos französischem Trainer, Jean-François Ballester. Er hat so ein Gefühl dafür. Beim ersten Hören haben wir gleich gesagt: Das ist es.

ZEIT: Im gelungenen Kunstwerk ist jedes kleine Detail wichtig. Welche Bedeutung hat zum Beispiel Ihr Kleid?

Savchenko: Ich wollte, dass es aussieht wie eine Blume. In dem Film gibt es eine Szene, in der man von oben auf einem lila Untergrund weiße und goldgelbe Blüten sieht. Davon habe ich der Kostümbildnerin Lisa McKinnon ein Foto geschickt und ihr gesagt, dass ich ein Kleid in diesen Farben möchte.