Frei nach Karl Kraus: Wenn die Sonne der Macht tief steht, werfen sogar Zwerge lange Schatten. Und so wimmelt es hierzulande nun, da die Ära Merkel in ihre letzte Phase tritt, nur so von Großstrategen und Riesentalenten. Überall neoburschikose Männer, Hipster-Konservative, Ährendeuter – es ist schwer was los im politischen Berlin wie auch im folkloristischen München.

Und natürlich gilt auch die alte Hobbit-Regel: Je töter der Drache, desto zahlreicher die Drachentöter. Weil ja nun hinlänglich klar ist, dass Merkel in absehbarer Zeit geht, will jeder zu ihrem Abgang beigetragen haben, so als ginge sie nicht, weil sie will, sondern weil sie muss. Dabei ist die Sache recht einfach, rechnerisch gesehen: 4.476 Tage hat Angela Merkel dieses Land als Kanzlerin regiert. Falls eine neue Regierung zustande kommt, bleiben ihr noch ziemlich genau 1.280 Tage im Amt und sogar nur noch knapp 1.000 Tage an der Macht. Denn spätestens im November 2020 wird die Union sich darüber verständigen müssen, wer ihr neuer Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl im Jahre 2021 wird. Und mit dem oder der müsste sich Merkel dann die Macht für das verbleibende Jahr im Amt faktisch teilen. Achtzig Prozent ihrer Kanzlerschaft sind also schon rum, zwanzig Prozent bleiben noch übrig. Höchstens.

Mit anderen Worten: Wer jetzt effektvoll die Lanze schwingt, ist kein Drachentöter, sondern ein Angeber.

Es wird also Zeit, sich von Angela Merkel zu emanzipieren, und für die Emanzipation gilt ja die alte Volksweisheit: Erwachsen ist man nicht dann, wenn man zu Hause auszieht, sondern wenn man aufhört, seine Eltern für das eigene Leben verantwortlich zu machen. Oder eben die eigene Kanzlerin. Fünf Vorwürfe gegen Merkel stehen einer Emanzipation von Merkel derzeit besonders im Wege:

1. Angela Merkel klebt an der Macht

Die politische Öffentlichkeit ist besessen von der Idee, dass Politiker jederzeit nach der maximalen Macht für eine möglichst lange Zeit streben. Oft stimmt das auch, oft aber auch nicht. So erlitt der politische Journalismus in Deutschland vor wenigen Monaten Schiffbruch mit der Machtmaximierungsthese, als wider alle Voraussagen Jamaika platzte. Es stimmte also nicht, dass die Beteiligten alles tun würden, um an die Macht zu kommen. Auch danach tat beispielsweise die SPD eher alles, um nicht an die Macht zu kommen, aber da dieser armen alten Partei zurzeit gar nichts gelingt, klappt wohl auch das nicht.

Merkel jedenfalls wollte im Herbst 2016 definitiv weg von der Macht, ließ sich dann aber von einigen Freunden und ihrem Über-Ich dazu verleiten, es noch einmal zu machen, vor allem weil sie zu dem Zeitpunkt die einzige mächtige Führungsperson des Westens war, die noch alle Tassen im Schrank hatte. Seit diesem Entschluss wiederum gab es für Merkel keine Gelegenheit, von der Macht wegzukommen, ohne ihr Wort zu brechen, für weitere vier Jahre anzutreten. Man sollte sich das für die Zukunft merken: Wer ein Amt übernimmt, tritt ein in eine Welt von Zwängen und Logiken, denen niemand entkommt, ohne großen politischen Schaden für sich und die Republik anzurichten. Und im Übrigen: Dies ist eine Demokratie. Dann stürzt die Kanzlerin doch!

2. Angela Merkel hat schlecht verhandelt

Murren ist die Fanfare der Ohnmacht, und so murrt es nun gewaltig in der CDU, weil die Parteivorsitzende im Ringen mit SPD und CSU zu wenig rausgeholt habe, inhaltlich wie personell. Besonders innig beklagt wird der Verlust des Finanzministeriums. Hier gilt allerdings die einst vom US-Präsidenten Richard Nixon aufgestellte Mad-Man-Theorie: Wer am glaubwürdigsten den Eindruck erwecken kann, völlig durchgedreht zu sein oder alsbald durchzudrehen, hat die beste Verhandlungsposition. Es liegt auf der Hand, dass Angela Merkel auf diesem Gebiet nicht sonderlich talentiert ist. Wohl aber Horst Seehofer – und vor allem die SPD. Sie hatte sich bei den Verhandlungen kunstvoll in eine Situation gebracht, in der es möglich schien, dass die Basis einen Koalitionsvertrag unter Umständen ablehnen würde, obwohl keine Partei so große Angst vor Neuwahlen haben muss wie die SPD. Faktisch drohte die Partei also damit, entweder ganz viele Ministerien zu bekommen oder sich zu entleiben. Klingt unlogisch, hat aber geklappt. Warum? Nicht weil Merkel schlecht verhandelt hätte, sondern weil sie vernünftig genug war, der Unvernunft der SPD (und der CSU) nachzugeben. Es handelte sich also schlicht um einen Stabilitäts- und Vernunfttransfer von CDU zu CSU und SPD.

3. Angela Merkel hat ihre Nachfolge nicht geregelt / doch geregelt

Wer das Thema "Merkel und ihre Nachfolge" eine Weile beobachtet, dem fällt unweigerlich ein alter Ruhrpott-Spruch ein: Schadet meiner Mutter nix, datt ich kalte Hände habe, warum zieht se mich auch keine Handschuh an!? Es ist nämlich so, dass Deutschland wie erwähnt eine Demokratie ist und keine Monarchie, weswegen Kanzler ihre Nachfolger nicht ernennen, segnen oder ihnen mit dem Schwert auf die Schulter schlagen. Helmut Kohl hat das mal mit Wolfgang Schäuble versucht (oder er tat so, als versuche er es), hat aber auch nicht funktioniert.