Nein! Man bleibt auf dem Prüfstand

Das kann ich eindeutig verneinen! Natürlich entspannt eine Professur die persönliche Situation. Man kriegt sein Geld, ist abgesichert. Das kannte ich als Schauspielerin vorher nicht. Am Theater unterschreibt man immer nur Zeitverträge, das heißt, jedes Jahr im Oktober kann man gekündigt werden. Dieser existenzielle Druck ist weggefallen, das empfinde ich als beglückend und beflügelnd. Ausruhen kann man sich trotzdem nicht. Ich stehe permanent auf dem Prüfstand. Wenn wir über mehrere Wochen im Szenenstudium etwas entwickeln, spielen die Studierenden das am Ende vor und werden beurteilt. Und wir Dozenten gleich mit. Das ist eine große Verantwortung, manchmal fast eine Bürde. Einfach mal wegbleiben oder Vorlesungen ausfallen lassen, das gibt es bei uns überhaupt nicht. Im Gegenteil: Alle Professoren und Lehrbeauftragten investieren deutlich mehr Zeit, als sie laut Vertrag müssten.

Ja! Die Selbstständigkeit gibt den Kick

Eine Festanstellung kam für mich nie infrage. Mein Drang nach Autonomie ist einfach zu groß. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe schon als Jugendlicher viel eigenständig gebastelt und gebaut. Immer schwirrten mir tausend Träume und Ideen durch den Kopf. Auf einen Chef, dem man sich unterordnen muss, hatte ich überhaupt keine Lust. Außerdem wusste ich, wie man Geld beschaffen und Leute begeistern kann. So habe ich mein Unternehmen gleich aus der Uni heraus gegründet. Als wir 2009 online gegangen sind, waren wir eines der ersten digitalen Lernangebote auf dem deutschen Markt. Etwas zu erschaffen, ein Unternehmen weiterzuentwickeln – das treibt mich immer noch an. Dazu kommt ein Hang zur Kontrolle. Was ich selbst in der Hand habe, kann mir keiner wegnehmen. Als Unternehmer hat man nicht nur gute Zeiten, manchmal bin ich schon hart am Wind gesegelt. Aber das gehört dazu, das ist Teil des Kicks.

Jein. Manche brauchen Druck, andere nicht

Im Gegenteil – viele Forscherinnen und Forscher entwickeln sich erst aus der Sicherheit einer Festanstellung richtig gut. Und Fleiß kann man außerdem nicht nur an Publikationslisten ablesen. Heute geht mit einer Professur ein großes Bündel von Aufgaben einher, Personalführung, Verwaltungsarbeit, Drittmittelakquise. Natürlich kennt man auch solche Fälle: Ein vielversprechender Nachwuchsstar bekommt seinen Ruf, danach hört man von ihm nichts mehr. Trotzdem wäre es völlig abwegig, das als Rechtfertigung für befristete Stellen anzuführen. Der eine kann unter Druck und in unsicheren Arbeitsverhältnissen gut arbeiten, der andere gar nicht. Ohnehin gibt es nirgendwo eine so hohe Befristungsquote wie im Hochschulbereich: deutlich über 70 Prozent. Feste Stellen nur für ganz wenige, nach dem Prinzip "one generation takes it all", das ist grob verantwortungslos gegenüber künftigen Generationen. Denn die meisten befristeten Stellen an der Hochschule dienen der Qualifikation. Da wo es allerdings Daueraufgaben sind, müssen – auch in der Lehre – unbefristete Stellen geschaffen werden.

Nein. Die Anstellung ermöglicht Freiheit

Mit der Festanstellung im Wissenschaftsbereich – der Professur – eröffnen sich Risiken wie Chancen. Mit Faulheit haben sie beide nichts zu tun. Es steigt das Risiko, sich zu verzetteln. Neue Anfragen und Erwartungen stürzen auf den Festangestellten ein, die man als Nachwuchswissenschaftler nicht kannte: von der Mitarbeit an Exzellenzclustern bis zu Medienanfragen. Die Professur enthält aber auch eine enorme Chance: Wenn die Unsicherheit wegfällt, kann man befreiter aufspielen, sich genau überlegen, was einem wichtig ist, und sich darauf langfristig konzentrieren. In meinem Fall etwa, die Bücher zu schreiben, die man schreiben will. Bei anderen: ein paar wirklich wichtige Artikel, oder einen neuen Studiengang initiieren, die öffentliche Vermittlung oder eine Leitungstätigkeit etwa als Dekan. Erst mit der Festanstellung kann man sich auf seine persönlichen Projekte konzentrieren – und damit auch intellektuelle Risiken eingehen.

Vielleicht. Aber ob ich je die Füße hochlege?

Da ich noch nie eine Festanstellung hatte, kann ich das nicht beantworten. Seit ich promoviere, hangele ich mich von einer befristeten Stelle zur nächsten. Mickriges Gehalt, keine Zeit für Familienplanung und minimale Einzahlung in die Rentenkasse – das nimmt man in Kauf, wenn man unbedingt forschen will. Und man erhofft sich, nach dem Abschluss belohnt zu werden. Ich habe in den letzten Jahren einige Aufsätze veröffentlichen können, aber das wichtigste Ziel hieß immer: Doktortitel. Denn der verspricht Sicherheit. Egal, ob man in die Wirtschaft geht oder in der Wissenschaft bleibt – wenn man es geschickt anstellt, kommt nach der Dissertation eine Festanstellung. Darauf arbeitet man hin, dafür schluckt man einige Kröten. Dass ich demnächst auf einer festen Stelle die Füße hochlegen kann, davon gehe ich aber nicht aus. Auch da fängt man wieder unten in der Hierarchie an, wird voll beansprucht und muss sich beweisen.