Diesen Gedenkort haben die russischen Machthaber selbst errichtet. Obwohl sie ihn nicht wollten. Haben dafür gesorgt, dass nahe den Kremlmauern frische Schnittblumen in Vasen stecken und ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto an Boris Nemzow erinnert. Sie haben eine Gruppe von Moskauer Bürgern zu Wächtern werden lassen, die der Müdigkeit trotzen.

Am 27. Februar 2015, zwei Tage vor dem geplanten Marsch Oppositioneller durch Moskau, war Boris Nemzow auf dem Weg nach Hause. Nemzow hatte in den neunziger Jahren seine politische Karriere im Herzen der Macht begonnen – er war Gouverneur, Abgeordneter, Senator, Minister, stellvertretender Ministerpräsident. Dann kam Wladimir Putin, und Boris Nemzow wurde mit den Jahren zu seinem pointiertesten Kritiker.

Nemzow hatte an diesem Abend im Februar gerade den Kreml hinter sich gelassen und ging mit seiner Begleitung über die Bolschoi-Moskworetzki-Brücke, als ihn gegen 23.40 Uhr vier Schüsse in den Rücken trafen.

Der Tatort versank alsbald unter aufgeschichteten Blumen, russischen Fahnen, Grablichtern und Zetteln mit einem Wort: "Boris!", was nicht nur der Name des Politikers ist, sondern auch der russische Imperativ "Kämpf!".

Der orthodoxe Glaube schreibt 40 Tage Trauerzeit vor, danach erst verlässt die Seele des Toten die Erde, doch die 40 Tage waren manchen offenbar zu lang. Einen Monat nach dem Mord räumten wuchtige Typen in schwarzen Jacken die Brücke ab, stopften Blumen und Grablichter in Müllsäcke.

Wären sie nicht gewesen, hätten nach den 40 Tagen vielleicht nur ein paar Blümchen an Nemzow erinnert. Aber dass man sich während der Trauerzeit an dem Toten vergreift, das ging einigen zu weit. Auf Facebook rief jemand dazu auf, Wache zu halten. Seither stehen sie hier, ausgestattet mit einer Schneeschaufel, einem Kehrbesen und einem schrabbeligen Rollkoffer mit Müllbeuteln, Kerzen und Fotos von Nemzow. Wechseln die Zahl aus, die an jeden Tag erinnert, der seit dem Mord an dem Oppositionspolitiker vergangen ist. Die Müllabfuhr kommt regelmäßig und beseitigt die Blumen. Wenn sie eines der Porträts mitnimmt, stellen die Wächter eben ein neues hin. Wer will, kann sich für einen Schichtdienst im Internet eintragen.

An dieser Blumenmeile auf der Brücke am Kreml versammeln sich keine unzufriedenen Massen, jeden Tag stehen sie bloß zu zweit da, aus einem Kreis von insgesamt vielleicht 60 Leuten.

Eine von ihnen heißt Olga Lechtonen, parteilos, um die 40 Jahre alt. Sie sorgt für die frischen Blumen und organisiert die Spenden. Lechtonen holt ihr Handy raus und klickt sich durch die SMS mit den Spendenbestätigungen: mal 500 Rubel, knapp sieben Euro, mal 50 Rubel, also 80 Cent – "das sind die Armen". Sie sitzt an einem verschneiten Wintertag in einem Café, bevor sie zur Brücke geht. Das Café liegt gegenüber von Boris Nemzows ehemaliger Wohnung in einem mehrstöckigen Altbau. An der Fassade hatten die Nachbarn eine bescheidene Plakette zur Erinnerung an ihn angebracht – keine 24 Stunden später hatte jemand sie abgerissen, die Spuren sind noch zu sehen.

"Es reicht ihnen nicht, dass er tot ist. Er soll nicht existiert haben", sagt Olga Lechtonen. "Er war doch kein Staatsfeind!" Also kämpft sie gemeinsam mit den anderen Unentwegten um das Andenken Boris Nemzows. Drei Jahre schon. Wer hätte mit solcher Beharrlichkeit gerechnet?