Kleinmachnow, neunhundert Meter vor Berlin. Eine Auffahrt führt über ein parkähnliches Grundstück zum Portal einer herrschaftlichen Villa. Anis Ferchichi, besser bekannt als Bushido, öffnet und begrüßt seine Gäste mit Handschlag: "Willkommen in meinem neuen Zuhause, schön, Sie zu sehen, ich muss Sie nur bitten, die Schuhe auszuziehen – der empfindliche Holzboden, Sie verstehen."

Ferchichi, Dichter von Zeilen wie "Vorgarten, Eigenheim und Kitagutschein – Doch ich fick zu viele Mütter, um ein Spießer zu sein – Um mich mitzuteil’n brauch ich keine Fotzen von der Telekom – Ich press Hass-Predigten auf CD-ROM" ist wohl immer noch Deutschlands berüchtigtster Rapper. In der Diele bücken seine neuen Nachbarn sich jetzt nach ihren Schnürsenkeln: Dr. Michaela Hösl, 48, zwei Kinder, in ihrem Haus gegenüber führt sie eine Praxis für Alternative Heilmethoden. Andreas Schramm, 58, Rechtsanwalt mit zwei volljährigen Kindern. Harald Effenberg, 56, Schauspieler und Bewohner des Reihenhauses gleich nebenan. Und Lisa Fey, 22, Studentin, die noch bei ihren Eltern lebt. Die Kleinmachnower sind Ferchichis Einladung mit einer Mischung aus Ressentiments und Neugier gefolgt – auch weil der Neue bereits für Konfliktstoff sorgte (unerlaubtes Fällen alter Kiefern, Abriss denkmalgeschützter Gebäudeteile, sechs Jahre Baulärm).

Ferchichi, 39, trägt einen Hoodie mit der Aufschrift "Trust Nobody", er bittet seine Gäste ins Wohnzimmer, wo er auf einer Art Thron Platz nimmt, am Kopf einer langen Naturholztafel. Um den Tisch herum, unter Kronleuchtern, gruppieren sich an die zwanzig goldene Stühle. Auf die setzen sich die Nachbarn, unsicheres Lächeln, die Männer behalten ihre Jacken an.

DIE ZEIT: Herr Ferchichi, Sie haben Ihr Grundstück schon vor sieben Jahren gekauft, seitdem lassen Sie an- und umbauen. Haben Sie sich Ihren Nachbarn eigentlich schon einmal vorgestellt?

Anis Ferchichi: Ich? Warum? Ich habe mich noch nie einem Nachbarn vorgestellt. Ich komme aus Berlin-Neukölln, groß geworden bin ich am Hermannplatz. Da ist Nachbarschaft etwas anderes: Man rennt durch die Treppenhäuser von Familie zu Familie – die Türen stehen offen. Da stellt man sich nicht vor, da ist man einfach da.

ZEIT: Aha, interessant. Jetzt haben Sie Ihre Nachbarn auf unsere Initiative hin in Ihr Wohnzimmer eingeladen. Wir haben Sie alle vorab gebeten, uns Ihre wichtigsten Fragen an die jeweils andere Seite zu schicken. Bei Ihnen, Herr Ferchichi, war es nur eine: Sie lautete...

Ferchichi: Was haben Sie damals gedacht, als Sie hörten, Bushido zieht in Ihre Gegend? Mal ganz ehrlich – das würde ich wirklich gern wissen!

Harald Effenberg: Ich habe das damals über meinen ältesten Sohn mitbekommen. Der kam zu mir und sagte: "Cool, wenn der einzieht, geh ich da erst mal mit ’nem Kasten Oettinger rüber und sag Hallo."

Ferchichi: Cola wär besser, kleiner Tipp.

Effenberg: Ja, aber dann hatte ich wenig später ein Problem mit einem Baum auf Ihrem Grundstück, um genau zu sein: mit einem Baum auf Herrn Abou-Chakers Grundstück, das direkt an meines grenzt. Ich hatte Angst, dass der irgendwann mal auf mein Haus fällt, wenn es stürmt.

ZEIT: Arafat Abou-Chaker wohnt schon etwas länger im Haus nebenan. Er ist einer von Herrn Ferchichis engsten Freunden, seine Familie taucht in den Medien immer wieder als Berliner Unterweltclan auf.

Effenberg: Das habe ich dann gemerkt, als ich ihn gegoogelt hab, um seine E-Mail-Adresse rauszufinden. Dabei bin ich auf so viele Details rund ums organisierte Verbrechen gestoßen, dass ich mir dachte: Dem Mann schick ich besser keine E-Mail.

Ferchichi: Dann stürzt der Baum lieber um?