Kleinmachnow, neunhundert Meter vor Berlin. Eine Auffahrt führt über ein parkähnliches Grundstück zum Portal einer herrschaftlichen Villa. Anis Ferchichi, besser bekannt als Bushido, öffnet und begrüßt seine Gäste mit Handschlag: "Willkommen in meinem neuen Zuhause, schön, Sie zu sehen, ich muss Sie nur bitten, die Schuhe auszuziehen – der empfindliche Holzboden, Sie verstehen."

Ferchichi, Dichter von Zeilen wie "Vorgarten, Eigenheim und Kitagutschein – Doch ich fick zu viele Mütter, um ein Spießer zu sein – Um mich mitzuteil’n brauch ich keine Fotzen von der Telekom – Ich press Hass-Predigten auf CD-ROM" ist wohl immer noch Deutschlands berüchtigtster Rapper. In der Diele bücken seine neuen Nachbarn sich jetzt nach ihren Schnürsenkeln: Dr. Michaela Hösl, 48, zwei Kinder, in ihrem Haus gegenüber führt sie eine Praxis für Alternative Heilmethoden. Andreas Schramm, 58, Rechtsanwalt mit zwei volljährigen Kindern. Harald Effenberg, 56, Schauspieler und Bewohner des Reihenhauses gleich nebenan. Und Lisa Fey, 22, Studentin, die noch bei ihren Eltern lebt. Die Kleinmachnower sind Ferchichis Einladung mit einer Mischung aus Ressentiments und Neugier gefolgt – auch weil der Neue bereits für Konfliktstoff sorgte (unerlaubtes Fällen alter Kiefern, Abriss denkmalgeschützter Gebäudeteile, sechs Jahre Baulärm).

Ferchichi, 39, trägt einen Hoodie mit der Aufschrift "Trust Nobody", er bittet seine Gäste ins Wohnzimmer, wo er auf einer Art Thron Platz nimmt, am Kopf einer langen Naturholztafel. Um den Tisch herum, unter Kronleuchtern, gruppieren sich an die zwanzig goldene Stühle. Auf die setzen sich die Nachbarn, unsicheres Lächeln, die Männer behalten ihre Jacken an.

DIE ZEIT: Herr Ferchichi, Sie haben Ihr Grundstück schon vor sieben Jahren gekauft, seitdem lassen Sie an- und umbauen. Haben Sie sich Ihren Nachbarn eigentlich schon einmal vorgestellt?

Anis Ferchichi: Ich? Warum? Ich habe mich noch nie einem Nachbarn vorgestellt. Ich komme aus Berlin-Neukölln, groß geworden bin ich am Hermannplatz. Da ist Nachbarschaft etwas anderes: Man rennt durch die Treppenhäuser von Familie zu Familie – die Türen stehen offen. Da stellt man sich nicht vor, da ist man einfach da.

ZEIT: Aha, interessant. Jetzt haben Sie Ihre Nachbarn auf unsere Initiative hin in Ihr Wohnzimmer eingeladen. Wir haben Sie alle vorab gebeten, uns Ihre wichtigsten Fragen an die jeweils andere Seite zu schicken. Bei Ihnen, Herr Ferchichi, war es nur eine: Sie lautete...

Ferchichi: Was haben Sie damals gedacht, als Sie hörten, Bushido zieht in Ihre Gegend? Mal ganz ehrlich – das würde ich wirklich gern wissen!

Harald Effenberg: Ich habe das damals über meinen ältesten Sohn mitbekommen. Der kam zu mir und sagte: "Cool, wenn der einzieht, geh ich da erst mal mit ’nem Kasten Oettinger rüber und sag Hallo."

Ferchichi: Cola wär besser, kleiner Tipp.

Effenberg: Ja, aber dann hatte ich wenig später ein Problem mit einem Baum auf Ihrem Grundstück, um genau zu sein: mit einem Baum auf Herrn Abou-Chakers Grundstück, das direkt an meines grenzt. Ich hatte Angst, dass der irgendwann mal auf mein Haus fällt, wenn es stürmt.

ZEIT: Arafat Abou-Chaker wohnt schon etwas länger im Haus nebenan. Er ist einer von Herrn Ferchichis engsten Freunden, seine Familie taucht in den Medien immer wieder als Berliner Unterweltclan auf.

Effenberg: Das habe ich dann gemerkt, als ich ihn gegoogelt hab, um seine E-Mail-Adresse rauszufinden. Dabei bin ich auf so viele Details rund ums organisierte Verbrechen gestoßen, dass ich mir dachte: Dem Mann schick ich besser keine E-Mail.

Ferchichi: Dann stürzt der Baum lieber um?

"Sido und Bushido, das war für mich erst mal eins"

Effenberg: Inzwischen hat er ihn gekappt, ohne dass wir miteinander gesprochen haben.

ZEIT: Was haben die anderen gedacht?

Michaela Hösl: Also ich hoffe, ich greif da jetzt nicht ins Klo. Mein ältester Sohn war lange Sido-Fan. Sido und Bushido, das war für mich erst mal eins. Kein Grund zur Besorgnis. Aber dann haben einige Eltern hier plötzlich gedroht, ihre Kinder von der Schule zu nehmen. Um Gottes willen, haben die gesagt, habt ihr die Texte mal gehört? So was in der Nachbarschaft! Und dann zitierten die auf einmal Bushido-Songs.

ZEIT: Zum Beispiel?

Hösl: Ich will jetzt hier lieber nicht ins Detail gehen... (überlegt) Nein, wirklich nicht.

ZEIT: Kommen Sie, Frau Hösl, eine Zeile!

Ferchichi: Oh nein, bitte nicht! Ich weiß, wie das endet...

Hösl: Keine Sorge, ich war trotz Ihrer Texte noch neutral. Mal sehen, hab ich mir gedacht: Wenn Sie mit Ihrer Familie nach Kleinmachnow ziehen, sind Sie tief in Ihrem Herzen auch ein Spießer. Einer, dem es wichtig ist, dass seine Kinder sicher über die Straße kommen – und der hier wahrscheinlich keinen Puff aufmacht. Und auch keine Drogen verkauft.

Ferchichi: Meine Güte, was geht denn in den Köpfen dieser Menschen vor? Ich hab ja selbst fünf Kinder im Haus – was glauben die, was meine Frau und ich mit denen machen? Verprügeln?

Hösl: Ihnen muss doch klar sein, dass Ihre Texte provozieren! Seit ich da mal reingehört habe, um Sie und Sido auseinanderhalten zu können, frage ich mich schon, was so Ihr Stil ist im Leben.

Ferchichi: Haben Sie denn auch mal ein nettes Lied gehört, so was wie Papa – nicht nur Sidos Arschficksong? Es ist doch so: Ich rappe, ich benutze eben die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin. Andere, wie Herr Schramm, engagieren sich in der Piratenpartei. Oder sie studieren Islamwissenschaften wie Frau Fey. Na und?

Lisa Fey, 22, Studentin © Gene Glover für DIE ZEIT

Lisa Fey: Ich glaube, Herr Ferchichi, wir sind uns sogar schon mal begegnet. Ich war auf meiner Vespa unterwegs, als hier ein Auto aus der Einfahrt schoss. Das hat mich fast erwischt...

Andreas Schramm, 58, Rechtsanwalt © Gene Glover für DIE ZEIT

Ferchichi: Nee, nee, das war ich nicht! (lacht)

Michaela Hösl, 48, Ärztin © Gene Glover für DIE ZEIT

Fey: Ein anderes Mal haben Sie die Straßenseite gewechselt, als Sie mir zu Fuß entgegenkamen. Na egal. Jedenfalls hab ich mich gefreut, als ich hörte, dass Sie herziehen. Ich sitze hier bestimmt nicht als Fan – aber ich war 16, als ich davon erfuhr und dachte: Toll, endlich was los in der Siedlung!

ZEIT: Herr Ferchichi, was hat Sie eigentlich ausgerechnet ins beschauliche Kleinmachnow verschlagen?

Ferchichi: Der Zufall. Hätte ich das Grundstück in Teltow oder Lübars gefunden, würde ich jetzt da wohnen. Der Voreigentümer hat uns einfach einen zu guten Preis gemacht.

Effenberg: Ein paar Leute hier im Viertel sind schon ein bisschen genervt wegen der endlosen Bauarbeiten. Wir hören hier seit sechs Jahren tagein, tagaus den Presslufthammer.

Ferchichi: Da möchte ich mich in aller Form für entschuldigen. Und glauben Sie mir, mich nervt das selbst am meisten. Hätten Sie mir damals beim Kauf erzählt, ich würde erst in sieben Jahren einziehen, hätte ich Ihnen einen Vogel gezeigt. Mich hat es allein 100.000 Euro gekostet, die ganze Erde wegzufahren.

Andreas Schramm: Seit sechs Jahren beobachten wir auf Ihrem Grundstück ständigen Erdaushub. Legen Sie eigentlich ein Tunnelsystem an?

Ferchichi: Ernsthaft? Im Ersten Weltkrieg waren hier Altersheime für Seemänner und ein Haus für Generäle untergebracht. Diese Häuser sind bereits alle mit Tunneln verbunden. Aber wir haben jetzt noch zusätzlich zwei Tiefgaragen gegraben.

"Ich verlange ja kein riesiges Barbecue"

Schramm: Was mich interessieren würde: Haben Sie eigentlich Pläne, Ihren Ruf in der Nachbarschaft zu verbessern?

Fey: Sie könnten ein Einzugsfest feiern – um den Vorurteilen offensiv zu begegnen.

Ferchichi: Wie bitte? Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen. Wenn ich meine Nachbarn zufällig treffe und ich merke, die sind nett, sag ich gerne: Kommt mal vorbei. Oder schickt die Kinder. Aber das Problem ist: Überall, wo ich auftauche, glauben die Leute mich zu kennen und haben bereits ein Urteil. Meistens nicht das, was ich mir wünsche. Denken Sie, es macht Spaß, immer wieder auf Fremde zugehen zu müssen: "Hallo, gibt’s da was, das wir klären sollten?"

Fey: Ich verlange ja kein riesiges Barbecue. Aber Sie würden guten Willen zeigen.

Ferchichi: Und was hätte ich davon?

Fey: Der Klügere gibt nach.

Ferchichi: Der Klügere wohnt jetzt einfach da, wo er wohnt. Wir können ja noch mal drüber reden, wenn die nächste WM beginnt. Dann stell ich hier im Garten einen Beamer auf und freu mich, wenn ihr zum Fußballgucken kommt. Aber das muss sich ergeben. Ich betreibe keine Werbung in eigener Sache.

31 Prozent der Deutschen hatten schon mal Streit mit ihren Nachbarn.
Quelle: YouGov (2015)

Schramm: Was erwarten Sie eigentlich von Ihrer neuen Nachbarschaft?

Ferchichi: Ich erwarte, dass man mich in Ruhe lässt.

Effenberg: Das ergänzt sich ja gut.

Ferchichi: Und meinen Nachbarn sollte mein Beruf völlig egal sein. Am Ende will ich, dass das Thema "Bushido" außerhalb des Tonstudios keine Rolle spielt. Vor allem nicht zu Hause. Ich habe 30 Goldene Schallplatten, davon hängt keine einzige an der Wand. Ich würde mir wünschen, dass man sich hier komplett neutral miteinander beschäftigt. Mir ist ja auch egal, ob Sie Ärztin sind oder Anwalt, ob Sie studieren oder schauspielern. Über uns persönlich sagt das nämlich gar nichts aus.

Harald Effenberg, 56, Schauspieler © Gene Glover für DIE ZEIT

Effenberg: Stimmt. Ich kenne Ihre Musik ja auch gar nicht. Ich höre progressiven Rock aus den Siebzigern.

ZEIT: Und wie würden Sie Herrn Ferchichi Ihr Viertel beschreiben? Was erwartet ihn hier?

Anis Ferchichi, 39, Rapper © Gene Glover für DIE ZEIT

Effenberg: Ich kann von unserer Siedlung nur schwärmen. Wir stehen in intensivem Kontakt, einmal im Jahr feiern wir unser Siedlungsfest. Wir haben sogar eine Siedlungsband. Und im Sommer wässern wir gemeinschaftlich eine alte Eiche, die sonst verdursten würde.

Schramm: Die Nachbarschaft ist extrem kinderfreundlich. Wir haben hier eine Spielstraße, einen Spielplatz – die Kinder haben alle Freiheiten.

Hösl: Und man ist hier mit normalen Menschen umgeben. Es gibt kaum Arschlöcher.

ZEIT: Trotzdem verlief Ihr Einzug bislang wenig friedlich, Herr Ferchichi. Als 2013 der Dachstuhl Ihres Hauses brannte, beschuldigten Sie in der Lokalpresse die Nachbarn. Später beschwerten Sie sich, dass die angeblich Beutel mit Hundekot über Ihren Zaun werfen würden.

Ferchichi: Passen Sie mal auf, das war wirklich nicht witzig! Eines Morgens rief mich die Polizei an und sagte: "Du hast hier ein Problem in Kleinmachnow, dein Haus brennt." Und dann sah ich im Sat.1-Frühstücksfernsehen, wie die Feuerwehr hier durchläuft. Sie fanden drei Brandherde: unten im Treppenhaus, im zweiten Stock und oben unterm Dach.

Effenberg: Glauben Sie denn immer noch, dass die Kleinmachnower das damals waren?

Ferchichi: Jemand hat mein Haus angezündet, das ist Fakt. Sie, die heute hier sitzen, waren es hoffentlich nicht. Aber ausschließen kann ich es nicht. Es wurde nie ermittelt.

Hösl: Oh doch, es wurde ermittelt. Die Kripo stand mehrfach bei uns vor der Tür. Wegen des Brandes. Aber auch wegen des Hundekots. Und ich muss sagen, als ich Ihre Beschuldigungen in der Zeitung las, hab ich das schon persönlich genommen. Die Unschuldsvermutung gilt schließlich nicht nur für Sie, sondern auch für uns!

"Immer wieder stand der Zoll auf meinem Grundstück"

Effenberg: Ich bin damals die ganze Nachbarschaft durchgegangen und habe mich gefragt, wer diese kriminelle Energie haben könnte. Ich kam auf keinen.

Ferchichi: Es passieren ja oft Dinge, von denen man denkt: "Hätte ich nicht gedacht". Und so ein Haus anzuzünden ist kein Spaß. Da ist irgendwann mal Schluss. Ich bin ja kein Sandsack.

ZEIT: In der Zeitung sprachen Sie von einer Hexenjagd.

Ferchichi: Das Ganze hatte ja auch eine Vorgeschichte. Immer wieder stand der Zoll auf meinem Grundstück – weil ihm Schwarzarbeit gemeldet wurde. Das Grünflächenamt rückte an, die Bauaufsicht, allerlei Beamte. Und immer hatten die Tipps von irgendwelchen Nachbarn. Einmal rief einer die Polizei wegen der Farbe meines Zauns. Der ist anthrazit. Das ginge ja gar nicht, meinte der. Und eines Tages klingelte hier sogar der Bürgermeister...

Fey: Waren das alles Anzeigen? Das ist ja schon ein krasses Ausmaß...

Ferchichi: ...also der Bürgermeister stand vor mir und hielt ein Stück Holz in der Hand, so groß wie diese Cola-Flasche. (hält eine Cola-Flasche hoch) "Herr Ferchichi", sagte der Bürgermeister, "beim Setzen Ihres Zauns haben Sie leider eine Baumwurzel beschädigt." Was war passiert? Da hatte einer von den Nachbarn das Beweisstück gesichert, es dem Bürgermeister bei irgendeiner Gemeindesitzung in die Hand gedrückt, und der kam hierher, um mir persönlich ein Ordnungsgeld aufzubrummen.

ZEIT: Sie haben aber auch, nur ein Beispiel, ein paar Dutzend alte Kiefern gefällt – ohne Genehmigung.

Ferchichi: Ja, und jetzt muss ich 40 Bäume nachpflanzen – na und? Mach ich mir aus meiner Auffahrt eine schöne Allee.

Hösl: Sie haben auch das Eingangstor abgerissen, obwohl es denkmalgeschützt ist. Wussten Sie das nicht?

Ferchichi: Natürlich wusste ich das. Aber das Problem war: Da passte kein Feuerwehrauto durch. Da hatte ich eben die Idee, das Tor abzureißen und größer wieder aufzubauen. Zack, war das Tor erst mal weg.

ZEIT: Die Genehmigung kam eine Woche später.

"Wenn Sie mit Ihrer Familie nach Kleinmachnow ziehen, sind Sie tief im Herzen auch ein Spießer." (Michaela Hösl) © Gene Glover für DIE ZEIT

Ferchichi: Genau. Das hat mich dann 35.000 Euro Strafe gekostet. War ich zu ungeduldig.

ZEIT: Haben Sie eigentlich jemals den Versuch gestartet, den Zwist hier persönlich zu klären?

Ferchichi: Nein. Bei mir hat aber auch nie jemand geklingelt. So von wegen "Hi, ich bin der Stefan und habe ein Problem..."

Fey: Das kostet aber auch schon Überwindung einfach so auf Ihr riesiges Grundstück zu kommen, Herr Ferchichi. Da würde ich auch lieber einen anonymen Anruf starten.

ZEIT: Und so musste es eskalieren?

Ferchichi: Ja. Das ist das, was passiert, wenn beide Seiten zumachen. Die Bild- Zeitung ist durch Kleinmachnow gelaufen und hat Stimmen gegen mich gesammelt, beim Bäcker, überall. Da hab ich natürlich zurückgeschossen. Aber wissen Sie was: Die Presse ist nie dein Freund. Weder von Ihnen noch von mir. Die nehmen nur alles, was sie verkaufen können.

ZEIT: Hat jemand von Ihnen eine Idee, was die Wurzel des Problems sein könnte?

Hösl: Ich glaube, es macht die Menschen wütend, wenn sie das Gefühl haben, es gelten für alle dieselben Regeln, nur für einen nicht. Ein Beispiel: Mein Mann und ich durften drei Monate lang nicht mit unserem Bau anfangen, weil bei uns ein Fink oder Star im Garten nistete. Da macht man sich schon seine Gedanken, wenn nebenan einer einfach seine Kettensäge anschmeißt und fällt, was ihm in den Kram passt. Wenn eines Tages einfach sein denkmalgeschütztes Tor flach liegt. Muss man Bushido heißen, damit das geht?

Ferchichi: Moment! Ich bin aus diesem Spiel nicht raus. Für mich gelten dieselben Regeln – ich schere mich nur weniger um sie. Ich bin der Typ: Ich mach einfach erst mal. Und wenn’s blöd läuft, zahl ich halt die Strafe. Vielleicht überlegen Sie beim nächsten Mal auch, ob Sie lieber eine Strafe zahlen wollen?

Hösl: Nein danke, ich warte lieber. (lacht)

"Ich geb keine Pauschal-Entschuldigung raus"

Ferchichi: Im Ernst, ich verstehe, dass die Menschen nervös werden, wenn in ihrer Nachbarschaft plötzlich so ein Fremdkörper auftaucht. Eine potenzielle Gefahr. Ich mach mir da keine Illusionen – ich bring ja auch einen Berg an Minuspunkten mit.

ZEIT: Herr Ferchichi, würden Sie sich heute bei Ihren Nachbarn für den Vorwurf der Brandstiftung entschuldigen?

Ferchichi: Bei denen, die hier am Tisch sitzen und denen ich auf den Schlips getreten bin: Ja. Aber ich geb keine Pauschal-Entschuldigungen raus.

ZEIT: Aber Pauschal-Beleidigungen?

Ferchichi: Irgendwen trifft’s, der hat’s verdient.

ZEIT: Nachdem Sie den Bambi für Integration bekamen, sagten Sie mal: "Ich bin das schlechteste Beispiel für Integration, ich mache, was ich will."

Ferchichi: Bäume fällen, Tor abreißen – ja klar.

ZEIT: Würden Sie sagen, Sie sind ein guter Nachbar?

Ferchichi: Nein, aber ich hoffe, dass ich einer werde. Vor fünf Jahren hätt ich noch gesagt: "Fickt euch!" Seit ich Vater geworden bin, fährt der Motor langsam runter. Ich werde dieses Jahr 40 und feiere 20-jähriges Bühnenjubiläum. Jetzt sind auch noch meine beiden Eltern gestorben. Ich will keinen Krieg mehr. Ich baue hier einen riesengroßen Spielplatz, auch einen Fußballplatz. Da können gern alle Nachbarn kommen. Meine Frau sagt sowieso: "Mein Lieber, ich werde in Kleinmachnow Freundschaften schließen – ob du willst oder nicht."

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.
Friedrich Schiller aus "Wilhelm Tell"

ZEIT: Die Polizei klingelt regelmäßig bei Ihnen. Erst kürzlich wurde Ihr Haus durchsucht, die Steuerfahndung...

Ferchichi: Ja, ja, ist okay. Ich hab viel Scheiß gebaut. Aber ich trag auch die Konsequenzen. Und trotzdem: Ich habe nichts mit Drogen zu tun, ich rauche nicht, ich trinke nicht. Probleme habe ich nur mit dem Finanzamt. Wichtig ist doch: Was passiert, wenn wir als Nachbarn mal eine Stresssituation haben? Wenn ich dann sage: "Halt die Fresse, du Penner!", könnt ihr immer noch sagen: "Alter, was ist mit dem los?"

ZEIT: Wie lief es denn in Ihrer bisherigen Nachbarschaft in Berlin-Lichterfelde?

Ferchichi: Da sind alle Brücken eingestürzt, da hat am Ende jeder jeden angeschissen. Die störten sich an meinem Hund und ich mich an deren Kindern, die frühmorgens um fünf im Garten Party machten.

Hösl: Klingt nicht so nett.

"Wir wollen zufrieden, sicher und ruhig leben"

Ferchichi: Ich weiß. Aber ich habe keine Lust mehr auf solche Schwanzvergleiche. Manchmal ist es besser, zu sagen: "Du bist ein Idiot – aber willst du was trinken? Setz dich doch." Wir alle hier am Tisch haben doch dasselbe Interesse: Wir wollen unsere Kinder in Frieden erziehen, ihnen eine gute Ausbildung zukommen lassen. Wir wollen zufrieden, sicher und ruhig leben.

ZEIT: Haben Sie alle denn das Gefühl, dass Sie jetzt, wo Herr Ferchichi und Herr Abou-Chaker hier wohnen, ruhig und sicher leben können?

Schramm: (lacht) Tendenziell fühle ich mich jetzt, wo hier andauernd die Polizei durchfährt, sogar sicherer.

Fey: Nur die vielen Leute, die herkommen, um zu gaffen, stören ein bisschen.

Ferchichi: Ich weiß, dass viele Leute Angst haben vor mir und meinem Kollegen nebenan. Und Arafat hat morgens noch schlechtere Laune als ich. (lacht) Aber ich spreche für uns beide, wenn ich sage: Schön, wenn wir hier in Zukunft in einer tollen und offenen Nachbarschaft leben.

ZEIT: Was zeichnet für Sie alle eigentlich eine gute Nachbarschaft aus?

Hösl: Wenn man etwas braucht, sollte man sich trauen zu klingeln, um nach einem Schraubenzieher zu fragen oder nach zwei Eiern für den Kuchen.

Schramm: Und wenn man ein Problem miteinander hat, sollte man hingehen, um das direkt zu klären.

Ferchichi: Man muss nicht jeden Tag gemeinsam grillen, aber man sollte sich arrangieren und gegenseitig helfen. Wenn etwas passiert, steh ich Gewehr bei Fuß.

Effenberg: Genau. Jeder macht seins, und trotzdem sollte man miteinander klarkommen. Ich bin wirklich glücklich, dass es zu diesem Gespräch gekommen ist. Herr Ferchichi, ich hätte nicht gedacht, dass Sie so sympathisch sind.

ZEIT: Passt Herr Ferchichi also in dieses Viertel?

Schramm: So gut wie jeder andere. Das Bild, das ich noch vor ein paar Wochen hatte, hat sich schon stark relativiert.

Ferchichi: Für mich hat sich das Ganze hier auch gelohnt. Schon als ich euch vor meiner Tür stehen sah, wusste ich: Die sind offen, da sind keine Idioten dabei.

ZEIT: Dann würden Sie in Zukunft Herrn Effenbergs Blumen gießen, wenn er im Urlaub ist?

Ferchichi: Wenn er mich fragt – warum nicht?

ZEIT: Beim nächsten Siedlungsfest könnten Sie mit Herrn Effenberg und seiner Band zusammen auftreten.

Effenberg: Das wäre toll.

ZEIT: Herr Ferchichi?

Ferchichi: Ich bin ja kein Bandmitglied, ich rappe. Ich könnte höchstens Papa spielen – das würde vielleicht gehen, ohne dass die Leute mit Herzattacke umkippen.

ZEIT: Und Herr Schramm, würden Sie Herrn Ferchichi demnächst als Anwalt verteidigen?

Schramm: Das müsste er erst mal wollen.

Ferchichi: (lacht) Ich glaube, ich habe schon einen sehr guten Strafverteidiger. Sonst würde ich heute nicht hier sitzen. Oh, gerade schreibt mir meine Frau: (zieht sein Smartphone aus der Hosentasche und liest vor) "Und wie sind die?" – "echt nett" – "super, okay. Küsschen!" Ich wusste, dass wir uns verstehen würden. Wenn Leute bereit sind, sich mit mir auseinanderzusetzen, habe ich mit denen auch kein Problem.

Hösl: Das ist schön.

Ferchichi: Wir werden vielleicht keine Blutsbrüder. Aber es ist gut, dass wir uns jetzt kennen.