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Die Türkei führt in Syrien Krieg. Mit den USA steckt sie in der Krise. Ihre Beziehungen zur EU sind im Eisschrank. Die zur Nato sind angespannt. Mit sämtlichen Nachbarn ist sie zerstritten. Mit Griechenland misst sie Kräfte. Mit Russland spielt sie ein gefährliches Spiel. Derart isoliert, geht sie in die heikelsten Wahlen ihrer Geschichte.

Durch dieses Fenster betrachtet, wird die Annäherung zwischen der türkischen und der deutschen Regierung verständlicher. Dass Erdoğan den Dialog zur deutschen Regierung wieder aufnimmt und als "Geste des guten Willens" für Deniz Yücels Freilassung sorgte, hat jene, die seinen Pragmatismus kennen, nicht verwundert. Geschickt verwandelt er innerhalb weniger Tage Feind in Freund und Freund in Feind. Erklärungen dazu hält er für unnötig, seine Anhänger folgen ihm: "Was hat sich geändert, dass wir unsere Haltung ändern?"

Als Erdoğan seinen Partner Fethullah Gülen zum "Terroristen Nummer eins" erklärte, buhten sogleich jene Gülen aus, die ihm noch gestern applaudiert hatten. Auch als er mit PKK-Chef Abdullah Öcalan, dem vormaligen "Terroristen Nummer eins", Verhandlungen aufnahm, war es ihm gelungen, Protest seiner Anhänger zu ersticken.

Als die Türkei 2015 an der syrischen Grenze einen russischen Militärjet abschoss, wäre es fast zum Krieg gekommen. Putin bezichtigte Erdoğan, Terroristen zu unterstützen und die Finger im Ölhandel des IS zu haben. Beigelegt wurde die für die türkische Wirtschaft folgenschwere Krise durch ein Entschuldigungsschreiben aus Ankara. Als die USA letzte Woche sagten: "Auf einen Schlag gegen uns in Syrien würden wir harsch reagieren", blaffte Erdoğan: "Sie haben sich wohl noch nie eine osmanische Ohrfeige eingefangen." Kurz darauf empfing er US-Außenminister Tillerson. Und zehn Monate nachdem Erdoğan ihn zum Terroristen und Agenten erklärt und getönt hatte, solange er im Amt sei, würde er nicht zurückgegeben werden, kam Deniz Yücel frei. Die Reaktion seiner Anhänger? Keine. Sie ignorierten es.

Wie einfach ist doch das Regieren mit einer solch gigantischen Augenbinde und einer Wählerschaft, die keine Rechenschaft fordert. Eine der Eigenschaften, die Erdoğan in zahlreichen Hauptstädten unverzichtbar machen, dürfte diese Überzeugungskraft sein. Um aus der Isolationsfalle herauszukommen und sich auf dem glatten Boden der Region auf den Beinen zu halten, scheint Ankara nichts anderes als Pragmatismus übrigzubleiben. Das gilt allerdings nicht für Deutschland, das sich in der Hoffnung auf einen Neuanfang mit der Türkei an den Verhandlungstisch setzt. Deutschland muss eine beständige Politik entwickeln, die darüber hinausgeht zu sagen: "Erdoğan nennt uns ›Nazis‹, brechen wir die Beziehungen ab", "Erdoğan hat uns Yücel zurückgegeben, normalisieren wir die Beziehungen." Heute Demonstrationen von Kurden zu verbieten, die bis gestern erlaubt waren, und die Augen vor dem Einsatz deutscher Panzer bei der Afrin-Offensive zu verschließen verweist auf die Gefahr einer "Erdoğanisierung" der Berliner Türkei-Politik. Statt seine Staatsbürger einzeln aus türkischen Gefängnissen zu holen und die Türkei-Politik an Erdoğans Gemütszustand auszurichten, muss Deutschland eine auf Prinzipien beruhende Strategie festlegen, die sich für universale Werte einsetzt, zumindest aber jene achtet, die in der Türkei für diese Werte eintreten. Verlierer sich entspannender Beziehungen dürfen nicht jene sein, die eingesperrt werden, weil sie in der Türkei für Gerechtigkeit und Freiheit kämpfen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe