Den vielleicht größten Anteil am erstaunlichen Erfolg der deutschen Mannschaft bei diesen Winterspielen hat eine Sportart, die gar nicht auf dem Programm steht: Golf. Denn gäbe es nicht im Retortenskiresort Alpensia, der Basisstation aller Schnee-Aktivitäten, den Birch Hill Golf Club – wer weiß, ob es all die Medaillen gegeben hätte. Zwar haben sich die Grüns des 18-Loch-Platzes in winterliche Brauns verwandelt, manche dämmern unter Plastikplanen dem Frühjahr entgegen. Doch im mondänen Clubhaus brennt immer Licht, hier hat das "Team D", wie sich die deutsche Mannschaft nun kurz, hip und international nennt, sein Hauptquartier. Hier werden aber nicht nur nach getaner Arbeit Medaillen gefeiert, Pressekonferenzen abgehalten und im Kufenstüberl bei einem Weißbier neue Sponsorendeals vereinbart. Das Deutsche Haus dient auch der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung.

Zum Beispiel gibt es im Keller einen eifrig genutzten Kraftraum mit Bänken zum Gewichtedrücken und mit Fahrradergometern. So sind die Athleten nicht darauf angewiesen, sich in der proppenvollen Muckibude im olympischen Dorf hinten anzustellen. "Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil", sagt Dirk Schimmelpfennig, der Chef dieser Mission. Kosten: 50.000 Euro. Außerdem helfe das Haus als "Heimat fern der Heimat" den Sportlern, Stress vor und während der Wettkämpfe zu minimieren.

Zwischen den deutschen Sicherheitsleuten am Eingang und dem Astlochcharme des Restaurants können sie beinahe vergessen, dass sie in Korea sind und unter besonderem olympischen Druck stehen. Viele der Sportler haben sich das so gewünscht, weil das Vorgängermodell bei den Problemspielen von Sotschi zu klein und chaotisch war. Diesmal heißt das Motto "Athlet im Fokus", und dazu gehört nicht nur die Rundumversorgung mit Leberkäse und deutschen Brötchen, sondern auch der Businessclass-Flug, den man zumindest den Topathleten spendiert hat. So konnten etwa die Skispringer direkt aus ihren Liegesitzen ins Training einsteigen, und Andreas Wellinger wurde gleich am ersten Wettkampftag Olympia-Sieger von der Normalschanze.

Doch die deutsche Erfolgsformel ist komplizierter als die Gleichung "teures Flugticket = Goldmedaille". Leistungssport ist ein 5.000-Teile-Puzzle, bei dem am Tag X noch das kleinste Detail am richtigen Platz sein muss. Bis Veränderungen zu besseren Ergebnissen führen, vergehen oft bis zu zwei olympische Zyklen, also acht Jahre. Deshalb denkt jemand wie Dirk Schimmelpfennig schon jetzt an die Sommerspiele in Paris 2024 und wie dort das Deutsche Haus als "High Performance Centre" aussehen soll.

Im Moment freut er sich erst mal daran, dass der nach Sotschi betriebene Generationswechsel bei den Skeletonfahrern zur Silbermedaille von Jacqueline Lölling geführt hat. Oder dass das viele Geld für neue Bobs Zinsen abwirft. Und manchmal ist es auch nur ein bisschen heiße Luft, die den Unterschied macht zwischen Pleite und Podest: Der Wachs-Container der Biathleten glich einer Eishöhle. Als nach dem durchwachsenen Ergebnis im Massenstartrennen der Frauen eine Sonderschicht nötig wurde für die Präparierung der Männerski am nächsten Tag, wirkte ein eilends herbeigeschaffter Heizlüfter über Nacht Wunder – Silber und die Plätze vier und fünf fürs deutsche Team.

Befragt nach dem Geheimnis des Gelingens, hat jeder Athlet, Trainer, Disziplinverantwortliche eine etwas andere Erklärung. Andreas Wellinger sagt lapidar, er habe einfach im Moment "sein Zeug gut beisammen". Alexander König, Trainer des Eiskunstlaufpaars Aljona Savchenko und Bruno Massot, verhängte nach dem verpatzten Kurzprogramm der beiden erst mal ein Presse- und Social-Media-Verbot, "was da steht, irritiert doch nur". In der anschließenden Teamsitzung beschwor er den strikten Blick nach vorn, kein Beklagen der Fehler, sondern Besinnung auf die Stärken.

Klingt banal, ist es aber bei Savchenkos eisläuferischer Sozialisation keineswegs. Sie hat lange Jahre ihre Trainer als strafende Gottheiten erlebt, ehe sie in der Arbeit mit, nicht unter König der Mensch sein durfte, der sie ist. "Die Sportler geben die Richtung vor, wir als Trainerteam stehen unterstützend zur Seite", sagt König. "Aljona und Bruno wollten Paarlauf mit Eistanz verschmelzen – dabei haben wir geholfen." Nachdem sich ihre Persönlichkeit derart entfalten konnte, lief Savchenko so schön wie nie. Nur ihren Ehrgeiz habe er einbremsen müssen, sagt König. "Sie ist ja ein wahnsinniges Energiebündel – da muss man manchmal einfach sagen: Moment mal! Nicht immer nur mit 220 Sachen auf der Autobahn!"

Aber im Eislaufen, das gibt der nette Herr König bereitwillig zu, nutzt alle kluge Menschenführung und Trainingssteuerung nichts, wenn die Preisrichter nicht auf deiner Seite sind. Und so hängt der größte Erfolg einer Karriere mitunter auch einfach am Juryglück. "Wir hatten nix zu meckern", sagt König, nachdem sein Paar mit neuer Weltrekordpunktzahl Gold gewonnen hatte.