In den kleinen Szenen zeigt sich der große Scharfsinn. Zum Beispiel in dem Moment, wenn die Reporter sich im Wohnzimmer des Chefredakteurs verschanzt haben, weil sie kistenweise Akten sichten müssen. Unterlagen, die ihnen ein Whistleblower zugespielt hat und die die amtierende Regierung drastischer Lügen überführen. Die Reporter also schwitzen über den Papierstapeln, und die kleine Tochter des Chefs geht durch die Reihen und verkauft Limonade. Am Ende des Tages, wenn die Journalisten einen der größten Scoops der Zeitungsgeschichte gelandet haben werden, zählt das Mädchen die Dollars. Krisenzeiten sind Zeiten für Gewinner, sagt diese Szene. Die Misere, auch die politische, zahlt sich aus. Für Medienschaffende, für Unternehmer – und seien sie erst im Vorschulalter.

Der amerikanische Regisseur Steven Spielberg hat einen großartigen Film über die Zeitung als vierte Gewalt gedreht, und Reporter weltweit werden das Werk mit Tränen der Rührung sehen. Wie hier die Washington Post als Instrument des demokratischen Widerstands gegen die Korruption der Mächtigen zum Zuge kommt, das ist schon großes Kino. Und weil das Ganze auf historischen Tatsachen beruht, ist Die Verlegerin ein gleichsam einfühlender Dokumentarfilm mit den besten Darstellern, die Hollywood aktuell zu bieten hat: Tom Hanks als Ben Bradlee, der Chefredakteur der Washington Post. Meryl Streep als Verlegerin Katharine "Kay" Graham. Gemeinsam treten sie gegen die amerikanische Regierung an und veröffentlichen im Jahr 1971 Geheimdokumente, die beweisen, dass die amerikanische Bevölkerung bewusst über die Situation in Vietnam getäuscht wurde. Der damalige Verteidigungsminister Robert McNamara hatte sogar Fake-News in Umlauf gebracht. Er sprach von Fortschritten, obwohl er genau wusste, dass der Krieg nicht zu gewinnen war.

Die gedruckte, gut recherchierte Nachricht als Zivilisationsnachweis – diese Idee zelebriert Spielberg mit größter Hingabe. Es gibt in dieser Feier der informierten Bürgerlichkeit aber auch eine Mahnung ans Publikum. Wenn der Militärexperte Daniel Ellsberg (Matthew Rhys) die besagten Verschlusssachen kopiert, dann schaut die Kamera – und wir mit ihr – aus der Perspektive des Geräts auf die Seiten. Wir selbst sind das Mittel der Aufklärung, unser Blick soll so mutig und so exakt sein wie das Instrument, das die Geheimnisse registriert. Und im Finale des Films, wenn klar ist, dass die Post das belastende Material veröffentlichen wird, auch wenn die Staatsanwaltschaft das verboten hat, dann betrachten wir nicht nur die Druckerpresse – wir sind in ihr, die Kamera schleust unseren Blick in die Maschine hinein: Wir sollen die Mechanik der Kritik und Kontrolle buchstäblich nachempfinden. Es sind solche fotografischen Übersetzungen einer politischen Idee, die Spielbergs Film zu einem Meisterwerk machen.

Und dann ist da Meryl Streep als Verlegerin. Die Washington Post hat sie von ihrem verstorbenen Mann übernommen, keiner traut ihr etwas zu, und doch wird sie als Unternehmerin Geschichte schreiben. Streep verkörpert diese Frau als eine Revolutionärin wider Willen; die Kamera filmt sie oft von oben herab, als werde sie überwacht oder ausspioniert von einer Drohne. Doch so war es ja auch, nicht nur in Amerika. "Die Kleine werden wir schon managen", habe sie zu hören bekommen, als sie den Verlag übernahm. Das hat Friede Springer unlängst in einem Interview in der Welt am Sonntag erklärt. Auch was sie gelesen hat damals, als sie bei Springer die Geschäfte übernahm, ist jetzt bekannt: Personal History, die Autobiografie von Kay Graham.