Was wissen die Deutschen über Wirtschaft? Das war in unserer Serie bisher die entscheidende Frage. Doch nun geht es auch darum, was sie wirtschaftspolitisch wollen. DIE ZEIT und ihr wissenschaftlicher Partner, das Bonner Briq-Institut, haben an dieser Stelle noch eine Überraschung in petto. Die Umfrage hat nicht einfach aufgehört bei der Dokumentation des Wissens und Nichtwissens. Vielmehr wurden die Menschen auch gefragt, wie sie selbst zwei entscheidende Bereiche unseres Wirtschaftslebens gestalten würden: das Einkommensteuersystem und die Vermögensverteilung.

Die Umfrage hat also drei Ebenen: Erstens haben die Teilnehmer erklärt, wie ihres Erachtens die Wirklichkeit aussieht. Diesen Einschätzungen haben wir, zweitens, die Realität gegenübergestellt – also unser aktuell geltendes Einkommensteuergesetz und die tatsächlich beobachtete Verteilung der Vermögen. Drittens kommt nun hinzu, wie die Deutschen sich die Wirklichkeit wünschen würden, wenn sie die einschlägigen Gesetze und Regelungen selbst bestimmen könnten.

Das ist wie in einem vielschichtigen Krimi und kann verwirren. Aber sich damit auseinanderzusetzen kann sehr lohnend sein, weil es zur Frage führt, auf welcher Grundlage Wirtschafts- und Sozialpolitik und die demokratische Willensbildung dafür überhaupt entstehen.

Man kann das an einem Beispiel zeigen. Wenn sich die Bundesbürger laut Umfragen wünschen, dass die Einkommensteuer für die untere Mittelschicht sinkt, dann gehen zunächst alle Beobachter davon aus: Die Befragten kennen die aktuelle Belastung und empfinden diese als zu hoch. Sie wissen also, wovon sie reden.

Doch was, wenn sie irren? Wenn sie die gegenwärtige steuerliche Belastung deutlich höher einschätzen, als sie wirklich ist? Dann wird es kompliziert. Soll die Politik den Wünschen der Bürger folgen, obwohl deren Wünsche auf einer "gefühlten Realität" basieren, die nicht einmal annähernd mit den tatsächlichen Regelungen übereinstimmt? Oder sollte sie nicht vielmehr den Bürgern die geltenden Regeln besser vermitteln? Am Ende muss die Politik entscheiden, ob sie auf Grundlage der Realität handelt – oder auf Basis der allgemeinen, womöglich verzerrten Wahrnehmung.

Für eine alleinstehende Person ohne Kinder

Für eine alleinstehende Person ohne Kinder

© ZEIT-Grafik

Werden wir konkret. Was wollen die Deutschen vom Einkommensteuersystem, auf welche Weise soll es Geld umverteilen? Für jeden Fall – von einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 10.000 Euro bis zu einer Million Euro – haben wir die Bürger nicht nur gefragt, wie viel Steuern jemand aktuell zahlt. Sondern auch, wie viel er oder sie nach ihrer Auffassung zahlen sollte.

Vergleicht man die Wünsche der Befragten mit dem tatsächlich geltenden Steuerrecht, so fällt auf, dass die von ihnen gewünschten Steuersätze im Ergebnis niedrige Einkommen stärker als heute belasten und alle anderen Einkommen entlasten würden.

Die Ärmeren sollen mehr bezahlen? Das klingt so ganz anders, als die öffentliche Debatte sich sonst ausnimmt – auch wenn Wunsch und Wirklichkeit insgesamt nur in moderatem Ausmaß voneinander abweichen.

Sollten wir daraus schließen, dass es in der Gesellschaft keine breite Unterstützung für umfassende Reformen in der Steuerpolitik und eine Entlastung der Ärmeren gibt?