Der Eröffnungszug ist geglückt. Am Montag dieser Woche nominierten die Finanzminister der Euro-Länder den spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos für das Amt des Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Was nach einer eher belanglosen Entscheidung klingt, ist Teil einer umfassenden Personalrochade, die die europäische Politik über Jahre hinweg prägen könnte.

Wenn alles nach Plan läuft, dann werden Ende kommenden Jahres zwei Schlüsselposten in der Europäischen Union mit den Wunschkandidaten der deutschen Kanzlerin besetzt sein: Bundesbankpräsident Jens Weidmann wäre Präsident der Europäischen Zentralbank und Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds, wäre Präsidentin der Europäischen Kommission. Es ist ein Spiel mit etlichen Unbekannten, deshalb ist dieser Plan auch nirgends schriftlich festgehalten. Er lässt sich aber nachzeichnen, wenn man mit Kennern der Materie in Berlin, Paris und Washington spricht.

Im Herbst 2019 endet die Amtszeit von Mario Draghi, der derzeit an der Spitze der EZB steht. Und mit der Europawahl im Frühjahr 2019 scheidet auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker aus dem Amt. Juncker hat schon angedeutet, dass er für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung steht, und Draghis Vertrag kann nicht verlängert werden.

Draghi ist Italiener, sein Vorgänger war Franzose, aber Deutschland hat noch nie den Präsidenten der EZB gestellt – obwohl die deutsche Volkswirtschaft die größte der Währungsunion ist. Deshalb ist man in den europäischen Hauptstädten prinzipiell bereit, einen Deutschen an der Spitze der Notenbank zu akzeptieren, zumal Angela Merkel mit Jens Weidmann einen Kandidaten im Rennen hat, der als fähig und erfahren gilt. Wie in Regierungskreisen zu hören ist, hat sich die Kanzlerin auch die Unterstützung der SPD zusichern lassen. Zentraler Punkt der informellen Abmachung: Wenn die Koalition zustande kommt und Deutschland Zugriff auf die EZB erhält, würden die Sozialdemokraten die Kandidatur von Jens Weidmann mittragen.

In der SPD ist das umstritten: Schließlich hat Weidmann Merkel vor seinem Wechsel zur Bundesbank als Abteilungsleiter im Kanzleramt gedient. Er gilt auch als Gegner weitreichender Finanzzusagen für die Staaten Südeuropas, wie sie einige Sozialdemokraten wollen. Was aber für Weidmann spricht: Er ist nicht Mitglied der CDU und hat zuletzt wiederholt höhere Löhne in Deutschland gefordert. Das kommt bei den Genossen an. Weidmanns Verhältnis zum designierten Bundesfinanzminister Olaf Scholz ist ohnehin gut: Man kennt sich und schätzt sich. Die SPD würde der Abmachung zufolge außerdem etwas für ihre Unterstützung bekommen. Beim dann anstehenden Personalwechsel in der Bundesbank würde sie zum Zuge kommen. Dort müssen bald zwei Vorstandsposten neu besetzt werden. Wenn Weidmann zur EZB wechselt, wird auch die Stelle des Bundesbankpräsidenten frei.

Eine Schwierigkeit gibt es allerdings: In Südeuropa hat Weidmann nicht viele Freunde – gerade in Italien hat man ihm nicht verziehen, dass er sich offen gegen Draghi gestellt hatte, als dieser auf dem Höhepunkt der Krise angekündigt hatte, die Finanzmärkte mit einer Extradosis Geld beruhigen zu wollen. An dieser Stelle kommt nun die Nominierung von Luis de Guindos ins Spiel. Denn de Guindos ist Spanier, und Deutschland hat seine Kandidatur unterstützt. Genau wie die des Portugiesen Mario Centeno, der vor wenigen Wochen zum Vorsitzenden der Gruppe der Euro-Finanzminister ernannt wurde. Die Besetzungslogik bei Postenvergaben in der EU besagt: Wenn zwei Südländer befördert wurden, verbessert sich die Ausgangsposition für den nächsten Nordländer.