Der Stadtplan, der Dieter Reiter die Augen geöffnet hat, ist so bunt wie die Bilder, die ihm seine Enkelkinder malen. Viele Straßen sind übermalt, violett, rot oder orange. Die Farben zeigen, wo mehr Stickoxide (NOx) in der Luft gemessen wurden als erlaubt. Wer dort lebt und atmet, kann Asthma oder andere Lungenkrankheiten bekommen. "Wir sind ursprünglich von zwei Brennpunkten ausgegangen", sagt Reiter, Oberbürgermeister von München. Doch es sind viel, viel mehr, 260 insgesamt in der Stadt.

Reiter hat die Karte so fassungslos gemacht wie die Meldung, die er an diesem Morgen im Januar in der Zeitung lesen musste. Selbst die neuen Audi-Modelle sind viel schmutziger, als der Hersteller behauptet. Und das, obwohl über zwei Jahre vergangen sind, seit der Dieselskandal losging, weil in Amerika die Abgastricks von Volkswagen aufflogen.

Seither fragen ihn Bürger immer wieder, ob sie sich noch einen Diesel kaufen sollen. Ob sie damit auch künftig noch nach München fahren dürfen. Was Reiter empfehlen würde.

Er weiß es nicht.

Dabei ist die Sache simpel. Dort, wo viele Autos fahren, ist die Luft schlecht, und da, wo besonders viele Autos mit Dieselmotor fahren, ist sie verboten schlecht. In München zum Beispiel haben Diesel-Pkw einen Anteil von rund 40 Prozent am gesamten Stickoxidausstoß. Also wäre die einfachste Lösung für das Problem: Die Hersteller machen die Autos so sauber, wie sie nur können.

Aber das kostet Geld. Geld, das die Konzerne nicht bezahlen wollen. Und das wiederum ist der Grund, warum in dieser Woche eine Entscheidung über die schlechtere Lösung ansteht. Fahrverbote.

An diesem Donnerstag (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) urteilt das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig darüber, ob Düsseldorf und Stuttgart solche Fahrverbote verhängen müssen. Das Urteil wird auch in München und anderen Städten wirken und beschäftigt schon im Vorfeld Beamte in den Verwaltungen. Doch ganz egal, wie die Richter entscheiden, klar ist schon jetzt: Erledigt ist das Thema auch am Tag nach Leipzig nicht. Selbst wenn sie sich ganz im Sinne der Dieselfahrer aussprechen sollten und die Rechtsgrundlagen für Verbote nicht ausreichend fänden, bedeutete das nur einen Aufschub.

Denn auch aus Brüssel kommt Druck: Dort wird die EU-Kommission in wenigen Wochen entscheiden, ob sie gegen Deutschland vor den Europäischen Gerichtshof zieht – damit die Bundesregierung endlich die Gesundheit ihrer Großstadtbewohner besser schützt.