Françoise Wilhelmi de Toledo? Über das Gesicht des britischen Bankers, der aussieht wie eine Kopie des Schauspielers Mario Adorf, huscht ein Lächeln. "Ich war schon immer ein bisschen verknallt in sie", gibt er freimütig zu. "Aber seitdem sie diese weißen Haare hat, ich weiß auch nicht, das macht sie irgendwie noch attraktiver."

Der Banker hat gerade in der berühmten Buchinger-Wilhelmi-Fastenklinik am Bodensee eingecheckt. Nun sitzt er Leonard Wilhelmi gegenüber, dem dreißigjährigen Juniorchef. Bald soll dieser die Geschäfte übernehmen. Jetzt wirkt er verlegen. "Well", beginnt er auf Englisch. Dann fällt ihm nicht mehr viel ein. Was soll man auch dazu sagen, wenn die Mutter noch immer eine solche Wirkung entfaltet?

Es ist eine skurrile Szene aus einer eigenen Welt, in der sich prominente Schauspieler, arabische Scheichs und mächtige Manager im Bademantel auf dem Barfußpfad begegnen, Apfelschalentee trinken und manchmal zu sich selbst finden. Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann war schon da, Jodie Foster, Sean Connery und der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Im Vergleich dazu ist der britische Banker eine kleine Nummer. In seinem Geständnis aber deutet sich an, dass der Erfolg dieser Klinik auch mit der Frau zu tun hat, die dort durch einen Zufall landete, die sie seit fast vier Jahrzehnten prägt und die nun, mit 65 Jahren, an einem wissenschaftlichen Dogmenwechsel mitwirkt. Fasten, darauf deuten neue Daten hin, ist kein esoterischer Hokuspokus. Es kann vielleicht sogar Krankheiten lindern. Und das Leben verlängern.

Rund 3.000 Patienten kommen jedes Jahr in die Klinik in Überlingen am Bodensee. "Oft sind es Menschen, deren Leben entgleist", sagt Françoise Wilhelmi de Toledo, "entweder körperlich oder psychisch." Sie hat im Salon der Klinik Platz genommen, einem ovalen Raum mit weinroten Sesseln und einer breiten Fensterfront. Die weißen Haare stehen ihr gut. Dazu grünbraune Augen, roter Lippenstift, ein französischer Akzent und eine Mischung aus Neugier und Bestimmtheit. Sie wirkt wie ein Mensch, der sein Leben im Griff hat, körperlich und psychisch. Wie ein Beleg ihrer eigenen Überzeugung, dass Fasten jung und gesund hält.

Dass sich hinter diesem Eindruck eine Geschichte verbirgt, versteht man erst nach einer langen Reise, zurück in eine Zeit, in der sie, die heute das Fasten lehrt, von Fressanfällen überwältigt wurde. "Sehr streng" sei sie erzogen worden, sagt Wilhelmi de Toledo. Der Vater war Unternehmer in Genf, die Mutter, eine 16 Jahre jüngere Spanierin, kümmerte sich um die drei Kinder. Gekocht wurde französisch, "mit viel Sahne, Butter und Käse", sagt Wilhelmi de Toledo. Schon als Kind wurde ihr von den Eltern das Gefühl vermittelt, ein paar Kilo zu viel auf den Rippen zu haben. Um abzunehmen, isst sie oft gar nichts. Zwischendurch aber stopft sie Unmengen Kuchen in sich hinein. "Das war eine richtige Bulimie", sagt sie heute.

Mit 17 stößt sie auf ein Buch übers Fasten, unternimmt einen Selbstversuch. Nach einigen Tagen fühlt sie sich, als könne sie Bäume ausreißen. Sie nimmt ab, ihre Haut wird straffer. Danach aber bekommt sie Magen-Darm-Probleme, ihre Stirnhöhlen entzünden sich. Und die Essanfälle kehren zurück.

Wer heute in ihrer Klinik fastet, bekommt jeden Morgen einen medizinischen Check-up, mittags einen Leberwickel und alle zwei Tage einen Einlauf, der den Reinigungsprozess unterstützen soll. Es gibt eine Chefärztin, Krankenschwestern und Physiotherapeuten. Es gibt aber auch: einen dampfenden, stets 30-Grad-heißen Freiluftpool, ein "kreatives Atelier", und, dank der Lage hoch über dem Bodensee, einen ungestörten Blick ins Weite. Man kann sich die Klinik wie eine Mischung aus Krankenhaus, Kloster und Wellness-Tempel vorstellen. Einige Gäste kommen, um abzunehmen. Andere suchen sich selbst.

Sie liest Nietzsche, macht Straßentheater, probiert LSD und genießt "völlige Freiheit"

Nach der Ursache für ihre Bulimie wird Wilhelmi de Toledo lange suchen. Erst mal aber stürzt sie sich ins Getümmel der 1960er Jahre. Sie fängt an, Pharmazie zu studieren, so wie es sich der Vater wünscht, der eine Apotheke mit eigenem Labor und 150 Angestellten betreibt. Nach drei Monaten aber bricht sie ab, studiert Betriebswirtschaftslehre, dann Biologie, dann Literatur. Sie liest Nietzsche, entdeckt Yoga, macht mit bei einem ökologischen Straßentheater, probiert LSD. "Es war die Zeit der völligen Freiheit."

Einmal demonstriert sie mit Kommilitonen vor einer Chemiefabrik. Die Idee: sich mit den Arbeitern gegen die Kapitalisten solidarisieren. Wilhelmi de Toledo aber fühlt sich unwohl. Wieder erzählt sie von ihrem Vater. Ein richtiger Patriarch sei er gewesen, aber einer, der seine Angestellten gut behandelt habe. Politisch kann sich Wilhelmi de Toledo mit den 68ern nicht identifizieren. Warum sie trotzdem mitdemonstriert hat? "Ich wollte dazugehören."

Wer wenig Geld hat, kann sich das Fasten in der Klinik nicht leisten

Wilhelmi de Toledo sucht nicht nach einer Alternative zum Kapitalismus. Sie sucht nach einem Ort, an dem sie sich aufgehoben fühlt. 1979, sie ist inzwischen 26 und studiert Medizin, erzählt ihr eine Freundin von der Buchinger-Wilhelmi-Klinik. Sie fährt hin, wohnt im kleinsten Zimmer, lernt in der Bibliothek mit Blick auf den Bodensee. Beim Fasten empfindet sie ein Gefühl der Klarheit. Mit den anderen Gästen fühlt sie sich verbunden. Zum ersten Mal begegnet sie auch ihrem heutigen Mann, Raimund Wilhelmi, damals Juniorchef der Klinik und Enkel von Otto Buchinger, dem Begründer des Heilfastens. Sie mögen sich, doch ihrem Beuteschema entspricht er nicht. Unangepasst und bärtig, so stellt sie sich einen Mann damals vor. Raimund Wilhelmi ist glatt rasiert, trägt Anzug und Krawatte.

Noch heute kümmert er sich ums Geschäft. Denn auch wenn viele Patienten kommen, um dem kapitalistischen Hamsterrad für ein paar Wochen zu entkommen, ist die Klinik selbst darin gefangen. Wer drei Wochen in ihr verbringen will, zahlt im 9-Quadratmeter-Standardzimmer 5.439 Euro, in der 100-Quadratmeter-Suite sind es 41.475 Euro. Wer wenig Geld hat, kann sich das Fasten hier nicht leisten. "Das ist so", sagt Wilhelmi de Toledo, "liegt aber daran, dass die Kassen die meisten unserer Leistungen nicht übernehmen."

Als sie nach ihrem Studium an die Klinik zurückkehrt und dort eine Vertretungsstelle als Medizinerin übernimmt, werden sie und Raimund Wilhelmi ein Paar, privat und beruflich. In der Ärztewelt aber stößt sie mit dem Dreiklang aus Fasten, medizinischer Betreuung und geistiger Inspiration auf Unverständnis. Gelegentlich geht sie zu Kongressen von Fettleibigkeitsforschern. Dort spricht sie dann zwischen Vertretern von Weight Watchers und der Brigitte-Diät. Ende der 1990er Jahre verebben auch diese Einladungen. "Ich hatte keine Daten vorzuweisen", sagt Wilhelmi de Toledo. Außerdem kommen damals die Protein-Diäten auf. Viel Eiweiß soll Muskeln aufbauen und Kilos vernichten. Viele Forscher befürchten, dass beim Fasten das Gegenteil passiert, der Körper seine Muskeln auffrisst.

Damals, sagt sie, habe sie beschlossen, "die Szene zu wechseln". Sie nimmt Kontakt zu Forschern auf, die bei Tieren untersuchen, wie sich längere Zeiten ohne Nahrung auswirken, bei Zugvögeln, Pinguinen oder Eisbären. Ihnen scheint das nicht zu schaden, im Gegenteil. Warum also sollte es bei Menschen grundsätzlich anders sein?

Wilhelmi de Toledo führt ins "Cockpit", so nennt sie ihr Büro in der Klinik. Sie scrollt durch einen wissenschaftlichen Aufsatz, den sie gerade mit Wissenschaftlern der Berliner Charité und des französischen Forschungszentrums CNRS verfasst. Seit ein paar Jahren hat auch die Humanmedizin das Fasten entdeckt. Der Zellforscher Yoshinori Oshumi hat für seine Arbeiten zur Autophagie den Nobelpreis erhalten. Kurz gesagt handelt es sich dabei um einen Selbstreinigungsprozess. Bekommt der Köper keine Nahrung, fängt er an, Zellschrott zu verdauen. Kaputte Eiweiße zum Beispiel, die womöglich an der Entstehung von Alzheimer schuld sind, werden klein gehackt und wiederverwertet.

"Männer haben während des Fastens weniger Lust, bei Frauen nimmt die Libido zu"

Es ist ein boomender Wissenschaftszweig (siehe Kasten). Bisher aber wird das Fasten vor allem an Tieren erforscht. "Wir", sagt Wilhelmi de Toledo, "haben die Menschen, die fasten." Die Daten der Klinik seien deshalb für die Wissenschaft interessant. Im Aufsatz, durch den sie scrollt, sieht man viele Diagramme. Blutdruck, Insulin, Cholesterinspiegel, das alles sinkt während des Fastens.

"Dass typische Übergewichtsprobleme zurückgehen, wenn man auf Nahrung verzichtet, ist wenig überraschend", sagt dazu Stefanie Gerlach von der Deutschen Adipositas Gesellschaft, "in der Regel ist das aber nicht nachhaltig." Eine andere Kritik am Fasten lautet, dass die Patienten anschließend rasch wieder zunehmen. Wilhelmi de Toledo widerspricht. Nach wiederholtem Fasten weise ein erheblicher Teil ihrer Patienten ein geringeres Gewicht auf als vor dem ersten Mal. Für sie geht es beim Fasten eh um mehr als nur das Abnehmen. "Männer", hat sie zum Beispiel beobachtet, "haben währen des Fastens weniger Lust, bei Frauen dagegen nehmen Libido und Fruchtbarkeit zu." Sie selbst hat zwei Söhne. Beide Male ist sie kurz nach dem Fasten schwanger geworden. An einen Zufall glaubt sie nicht. Noch kann sie das mit Daten aber nicht beweisen.

Nach der Geburt ihres zweiten Sohnes überwindet sie ihre Essstörung. Deren Ursache sieht sie im Verhältnis zum Vater. Susie Orbach, die auch die Psychologin von Lady Di war, habe sie darauf gebracht. Einerseits habe der Vater ihr vermittelt, sie solle als starke Frau eines Tages das Geschäft übernehmen. Andererseits pries er ihre Mutter, die zu Hause auf die Kinder aufpasste, als Rollenvorbild. "Diese doppelte Botschaft war zu viel für mich als 17-Jährige", sagt sie.

Ist es ein Zufall, dass ihre Essstörung endete, als sie eine starke, erfolgreiche Frau und zugleich die Mutter zweier Kinder war, also genau jene Doppelrolle erfüllte, die ihr der Vater vermittelte? So genau weiß Wilhelmi de Toledo das auch nicht. Mit 95 Jahren aber, so erinnert sie sich heute, habe der Vater zu ihr gesagt: "Du hast die richtige Wahl getroffen. Du machst die richtige Medizin." Man merkt ihr an, dass ihr diese Worte noch immer viel bedeuten.

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